40 Jahre IPPNW

»Atomwaffen machen verwundbar« - Wolfgang Lerch im Gespräch

Wolfgang Lerch IPPNW Landsberg
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Plädiert auf Deeskalation: Der ehemalige Landsberger Arzt Dr. Wolfgang Lerch, hier mit dem „IPPNW-Forum“.
  • VonAndrea Schmelzle
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Landsberg – Der Kongress zum 40-jährigen Jubiläum der IPPNW wird – wegen Corona gute eineinhalb Jahre später als geplant – vom 17. bis 19. Juni im Landsberger Stadttheater ausgerichtet. Dennoch gibt es eine kurzfristige Änderung: Das Top-Thema auf der Agenda am Eröffnungstag lautet nunmehr Ukraine-Krieg. Der KREISBOTE hat mit Dr. Wolfgang Lerch, Sprecher der IPPNW-Regionalgruppe Landsberg und IPPNW-Mitglied der ersten Stunde, gesprochen. 

Schon 2020 haben die 13 Mitglieder der 2018 aufgestellten Regionalgruppe Landsberg das damals 40-jährige Jubiläum der IPPNW (Internationale Ärzt:innen für die Verhütung des Atomkrieges, gegründet 1980) in Abstimmung mit dem Bundesvorstand in Berlin geplant. Mehr noch: Die ganze Organisation war abgeschlossen, Programm, Referenten und Workshops standen. Aber es kam anders: Corona statt Kongress (der KREISBOTE berichtete).

Nun wird die Feierlichkeit nachgeholt – wieder ist aber etwas dazwischen gekommen: ein Krieg. Und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft, in der Ukraine. Seit 40 Jahren kämpft die IPPNW gegen Atomwaffen und gegen Atomkrieg, versucht ein Atomwaffenverbot durchzusetzen. „Unser Thema hat jetzt nochmal eine aktuelle Brisanz bekommen“, sagt Lerch. „Doch auf diese Aktualität hätten wir gerne verzichtet.“

Entsprechend habe sich das Programm geändert. Dreh- und Angelpunkt sei nun der öffentliche, kostenfreie Vortrag am Abend des Eröffnungstages vom bekannten Journalisten und Buchautoren Andreas Zumach. Er beschäftigt sich mit der „Tragödie Ukrainekrieg“ und möchte „Wege zu einer neuen europäischen Friedensordnung“ aufzeigen. Obwohl schon lange gefordert, hätten „wir uns davon leider Gottes wieder weit entfernt“, bedauert Lerch. Auch andere Vorträge und Programmpunkte beziehen den Ukrainekrieg mit ein – ein „Riesenthema“. Denn in Sachen Abrüstung, Entwicklung einer europäischen Sicherheitsarchitektur gemeinsam mit Russland und Klimakatastrophe habe „uns der Ukrainekrieg um Meilen zurückgeworfen“. Für ihn sei es unerträglich, diesen abscheulichen Krieg, all das Leid und Elend täglich sehen zu müssen. Darüber hinaus aber sei dieser Krieg aus verschiedenen Gründen gefährlich.

»Heute noch stoppen«

Als Gründungsmitglied und Sprecher der IPPNW dränge er daher vehement darauf, diesen Krieg „am besten heute noch“ zu stoppen – und zwar auf einer Verhandlungsebene, die seiner Meinung nach nicht zur Genüge ausgeschöpft werde. Eine militärische Lösung des Krieges sei für Lerch absolut keine Perspektive. Er empfinde es bedenklich, wie sich die Position der NATO, ebenso der Bundesregierung, in den letzten Wochen entwickelt habe. „Täglich fällt ein neues Tabu“, meint er.

Angefangen habe es mit der Lieferung von Helmen, „jetzt sind wir bei Panzern. Wohin soll das führen?“ Vorbereitungen auf eine Ausweitung des Krieges und auf eine nukleare Eskalation seien vernehmbar, so Lerch. Wenn man diesen Weg fortführe, könne „das Schlimmste passieren“.

Es gehe jetzt darum, jede Eskalation zu vermeiden. Diesen „wahnsinnigen“ Krieg begonnen zu haben, werde auf Putins irrationales Handeln zurückgeführt. Ihm jetzt aber die Rationalität zu unterstellen, er werde einen Atomkrieg nicht riskieren, ist mutig. „Er ist unberechenbar“, sagt Lerch. Daher dürfe es unter keinen Umständen einen NATO-Russland-Krieg geben. Alles, was das Risiko eines Atomkriegs erhöht, sei inakzeptabel.

Der aktuelle Konflikt zeige uns, „dass wir durch Atomwaffen verwundbar werden“, sagt Lerch. „Das, was Putin mit uns macht, ist eine nukleare Erpressung“ – möglich gemacht durch die Atomrüstung. „Ich würde die Frage stellen, ob Putin seinen Krieg riskiert hätte, ohne im Besitz von Atomwaffen zu sein“, so Lerch. Was im Umkehrschluss bedeute: „Wenn wir unseren Planeten nicht auslöschen wollen, müssen Atomwaffen von der Welt verschwinden. Denn es wird, wenn wir diesen Krieg überstehen, nicht das letzte Mal sein, dass mit Atomwaffen gedroht werden wird.“

Nicht einfach zuschauen

Natürlich verstehe er auch die Haltung, „nicht einfach zuschauen zu können“ – das sei ethisch und moralisch völlig nachvollziehbar. Auf der anderen Seite sei es nicht so leicht, in der Öffentlichkeit übergeordnete Sichtweisen zu entwickeln, und man mache sich leicht unbeliebt, sich als Gegner von Waffenlieferungen zu outen. So denkend, gelte man oft als „Verräter der Ukraine“. Für ihn sei es jedoch „furchtbar“, sich mitten in einer Situation zu befinden, vor der „man als Verband 40 Jahre lang gewarnt habe“. Nuklearer Winter, radioaktiver Staub, ausbleibende Ernten, Hungersnöte – all das sei plötzlich wieder greifbar. Wenn es zu einem nuklearen Schlagabtausch komme, werde die „Gattung Mensch“ beseitigt. „Ich bin sehr beunruhigt und in großer Sorge“, betont Lerch. Und appelliert „an das Verantwortungsbewusstsein unserer Politiker, uns vor unserem Ende zu bewahren“. Bei aller nötigen Hilfe für die Ukraine dürfe das nicht aus den Augen verloren werden.

Der bevorstehende Kongress wird sich mit diesem „Höhepunkt der Ost-West-Krise“ auseinandersetzen. Abrüstung für den Frieden, für das Klima, für die Gesundheit, fordert die IPPNW. Trotz der fast zwei Jahre Verspätung ist es übrigens immer noch ein „echtes“ 40-jähriges Jubiläum – denn die deutsche Sektion der IPPNW ist im Jahr 1982 gegründet worden. Infos zum Kongress: www.ippnw.de/aktiv-werden/termine/40-jahre-ippnw.html.

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