"Ist das denn jetzt eine Probe?"

Der „ganze Ammersee“, sprich das Westufer, hat sich auf den Weg nach Schwabhausen gemacht, um ins Theater zu gehen: Katalin Fischers virtuelle Companie nahm im Rahmen des Theaterfestival „Offene Grenzen“ die Blindgläubigkeit ins Visier. Politisch just zur rechten Zeit. Und gesellschaftlich passt das Thema auch immer: Der Herr Tartuffe von Jean Baptiste Molière (1622 – 1673) hat es der Regisseurin, Schauspielerin und Journalistin aus dem Dießener Ortsteil Dettenschwang schon lange angetan. Jetzt heimste sie im Theaterlabor „Unser Theater“ großen Erfolg ein mit ihm.

Schwer ächzt das ehemalige Scheunentor, als es Otto Novoa zuschiebt und damit bekundet, was andernorts der dreimalige Klingelton verkündet: „Das Theater beginnt“. Das Theater ist voll. Ausverkauft. Wer nicht auf die nächste Vorführung warten will, sitzt hinter einem Pfosten, auf einer Leiter, steht auf Podesten hinter der letzten Zuschauerreihe. Während tropische Temperaturen von einem Höllensturm abgelöst werden, die das alte Bauwerk ganz schön herausfordern, merkt man langsam, was die Regisseurin vor hat, die immer wieder von ihrem dezent beleuchteten Inspizientenplatz aufsteht und eingreift ins Geschehen, Anweisungen gibt, Impulse aufnimmt von den Schauspielern. Ist man nun in einer Probe, oder gehört es dazu? Katalin erläutert: „Wir haben in der virtuellen Companie zu wenig männliche Schauspieler, also gibt es Doppelbesetzungen“ und die seien eben erklärungsbedürftig. Dass sich ihre Ankündigung, „Wir machen Theater im Theater“, laufend bewahrheitet, kapiert das Publikum schnell: Da wird eine Textpassage zweimal gespielt, die Protagonisten ausgetauscht – und das Experiment glückt. Katalin Fischer, die im Stile der Commedia dell’arte gearbeitet hat, die das Straßen­theater liebt, wo sie manchmal mit ihrem berühmten Theaterkarren auftaucht, und die Ko­mödie – vor allem die Tradition des Lustspiels nach Molière – will zeigen, wie sich hinter einem einzigen Text mehrere unterschiedliche Variationen herauskehren lassen. Experimen­- tieren mit Worten und mit der Wandelbarkeit des Theaters, das ist ihre Leidenschaft. Spielen mit Wortwitz und aus dem Spiel heraus den Menschen einen Spiegel vorhalten. Was eignet sich da besser, als der Herr Tartuffe, der ja so gut ist, so fromm und so heilig, dass man ihm blindlings folgen muss, ohne seine Verruchtheit, Verlogenheit und seine plumpen Begehrlichkeiten zu erkennen. Er ist mit der Gabe ausgestattet, die Mitmenschen an der Nase herumzuführen. Sie merken nicht, dass sie einem Heuch­ler ins Netz gehen. Vor dem komödiantenhaften Charakter, den ideenreichen schön anzusehenden Kostümen, begreift man nicht immer den bitteren Kern, der da sagt, wie leicht gerade sogenannte Idealisten bereit sind, kritikloser Hingabe anheim zu fallen. Das hat die Regisseurin bravourös herausgearbeitet und am Ende den Herrn Tartuffe ganz schön demaskiert. Auf dem Weg dorthin geht er der schönen Elmire an die Wäsche, während deren Ehemann Orgon unter dem Tisch sitzt, auf dem der vermeintliche Gut-Mensch Tartuffe seinen Lüsten folgt. Das ist typisch Molière, der vorzugsweise die Heuchelei und unehrliche Schmeichelei bei Hofe thematisierte, der die politische Mehrheitspartei im Frankreich seiner Zeit vorführte, und dessen „Tartuffe“ in zwei Varianten verboten wurde. Aber auch ein Molière wurde irgendwann leise, so um 1667 kamen nur noch unverfängliche Stücke aus seiner Feder. Profis und Laien Die virtuelle Companie, früher Faust&Feen-Theater, verbindet Profis und erprobte von Fischer trainierte Laien, die Freude am Schauspiel haben. Bei Tartuffe sind dies Yasmin Afrouz (als Dorine), Bettina Balk (Madame Pernelle und Marianne) Gabi Fischer (Elmire), Klaus Wächter (Cléante, Valère und Orgon), János Fischer (Tartuffe). Für die Kostüme ist Eva Lüps aus Utting verantwortlich, das Bühnenbild gestaltet Andreas Kloker aus Schondorf. Weitere Aufführungen Wer sich die außergewöhnliche Inszenierung im eher ungewöhnlichen Theatersaal nicht entgehen lassen möchte, kommt am Samstag, 17. Juli, 21 Uhr, ins Labortheater, wo noch bis Sonntag, 18. Juli das Theaterfestival „Offene Grenzen“ einen bunten Publikumsmix anzieht. Im alten Bauernhof gleich neben der Kirche in Schwabhausen. Weitere Aufführungen soll’s in Dießen geben.

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