Neubau für Obdachlose

"Nicht in dieser Dimension!"

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Jetzt und nach dem Neubau auf Tuchfühlung: Die neuen Reihenhäuser und die Obdachlosenunterkunft in der Jahnstraße.

Landsberg – 50 Bewohner der Schwaighofsiedlung haben in einer Versammlung gegen den geplanten Neubau der Obdachlosenunterkunft an der Jahnstraße protestiert. Sie seien zwar mit der Unterbringung Wohnungsloser einverstanden, aber „nicht in dieser Dimension“. Die Stadt solle stattdessen dezentrale Unterkünfte errichten. Oberbürgermeister Mathias Neuner verteidigte das Vorhaben: Obdachlose „vernünftig“ unterzubringen und zu betreuen, sei ihm ein Anliegen; außerdem habe der Stadtrat den Neubau nahezu einstimmig gebilligt.

Einig waren sich beide Seiten, dass der bisherige Zustand nicht länger hinnehmbar ist. Die vorhandenen Baracken an der Jahnstraße, die jetzt durch vier Massivbauten ersetzt werden sollen, sind nahezu 100 Jahre alt und waren ursprünglich nur als Provisorium gedacht. Ein Relikt aus früherer Zeit ist wohl auch die Belegung: Es gibt Obdachlose, die schon Jahre in der Unterkunft leben. Einer der Bewohner, der an der Versammlung teilnahm, verdeutlichte seine relativ komfortable Wohnsituation: „Ich habe eigene Möbel und drei Fernseher“. Gedacht sind Obdachlosenunterkünfte aber eher für die schnelle und kurzzeitige Hilfe bis zu einer beruflichen Wiedereingliederung, die einen baldigen Wechsel in Sozialwohnungen ermöglichen soll.

Nicht hinnehmbar seien auch die Zustände außerhalb der Unterkunft, berichteten Initiator Klaus Hohenleitner und weitere Nachbarn. Es gebe Ruhestörungen durch „Dauerpartys“, häufig Schlägereien und immer wieder hilflose Personen, die die Anwohner „von der Straße aufsammeln“ müssten. Die Polizei sei an manchen Abenden mehrfach vor Ort, insbesondere, wenn die Obdachlosen Besuch hätten.

Lebensqualität pur

Besonders betroffen dürften davon die Bewohner der 23 Reihenhäuser sein, die im vergangenen Jahr nur wenige Meter neben der Unterkunft errichtet wurden. Den potentiellen Erwerbern wird in Anzeigen immer noch „Lebensqualität pur“ versprochen: „Hier kann man vom stressigen Alltag entschleunigen.“ Bislang sieht die Realität wohl zumindest zeitweise anders aus. Die Häuser werden zu Preisen bis zu 720.000 Euro angeboten.

Ob sich diese Ausgangslage mit dem Neubau verbessert oder verschlechtert, ist umstritten. Mit ihm will die Stadt vom stabilen baulichen Zustand abgesehen mehrere Ziele erreichen. Die Unterkunft soll vergrößert werden, weil sie fast immer voll belegt ist und oft Obdachlose – derzeit neun Personen – in städtischen Wohnungen und Hotels untergebracht werden müssen. Sie will eine kürzere Aufenthaltsdauer erreichen (Neuner: „Möglichst drei Monate, länger nicht. Das soll hier kein Zuhause sein.“). Sie will sich intensiver um die Betreuung der Untergebrachten bemühen; hierzu schließt sie einen Vertrag mit der Herzogsägmühle. Und durch einen Innenhof und einen Gemeinschaftsraum will sie für die Bewohner definierte Aufenthaltsorte schaffen.

Der Bebauungsplan, der bis zum 13. Januar auslag, enthält zur Belegung der jeweils 25 Quadratmeter großen Wohneinheiten freilich keine Angaben. Neuner versicherte: „Wir richten 33 Einzelzimmer und drei Doppelzimmer ein, das macht 39 Personen“. Anwohner befürchten hingegen, dass bei einer gesetzlich vorgesehenen Mindestfläche von sechs Quadratmetern pro Person viel mehr Menschen dort einziehen könnten. „Die Größe 25 Quadratmeter ist doch kein Zufall“, rief ein Anwohner in den Raum. Bei dieser Größe könne man vier Personen pro Apartment unterbringen, womit sich die Gesamtzahl dann auf 144 Bewohner summieren würde. Der Oberbürgermeister versicherte, mehr als durchschnittlich 30 Nutzer seien nicht geplant, wollte aber auch keine Obergrenze einziehen: „Wenn die Türkei die Grenzen öffnet und Tausende von Flüchtlingen kommen, stellt sich die Lage möglicherweise anders dar“.

Wir kümmern uns jetzt

Generell seien die Zahlen nicht alleiniger Maßstab: „Der Unterschied zu früher ist: Wir kümmern uns jetzt.“ Damit meinte der OB vor allem die Betreuung durch die Herzogsägmühle. Allerdings handelt es sich lediglich um eine Dreiviertel-Stelle, die außerdem nur tagsüber besetzt ist. „Das Problem entsteht am Abend“, sagten Anwohner. Da weder ein Hausmeister noch ein Sicherheitsdienst geplant seien, würden die Anwohner mit der Situation allein gelassen. Der Innenhof könnte die Geräuschbelastung sogar noch vergrößern, denn er lade zu Feiern unter freiem Himmel ein. Einhellige Meinung der Anwohner war daher, lediglich zwei statt vier Gebäude zu errichten und die Zahl der Bewohner auf 25 Personen zu limitieren – das seien immerhin neun mehr, als bislang dort leben.

Doppelt belastet?

Sollte das nicht reichen, könne man doch das freiwerdende Heilig-Geist-Spital nutzen. „Sie sollten die Menschen dezentral unterbringen“, appellierten die Anwohner an Mathias Neuner. „Schaffen Sie kein Landsberg-Marxloh!“ Die Anwohner wiesen auch auf den Vorratsbeschluss des Stadtrats zur Schaffung einer Asylunterkunft in der Schwaighofsiedlung hin. Würde sie zusätzlich realisiert, wäre der Stadtteil „doppelt belastet“.

Der Stadtrat hatte über den Neubau an der Jahnstraße mehrfach beraten. Zuletzt hatte das Gremium am 1. Dezember für das Vorhaben grünes Licht gegeben. Neuner wies darauf hin, dass er Vertreter der Anwohner während dieses Prozesses immer wieder einbezogen habe. „Dass Sie nicht dafür sind, weiß ich und verstehe ich. Aber ich möchte versuchen, Ihnen Ihre Sorgen zu nehmen.“ Es werde gegenüber dem bisherigen Zustand besser, nicht schlechter.

In der Versammlung ist dem Verwaltungschef die Beruhigung allerdings nicht gelungen. Die Anwohner wollen nun an die Stadtratsfraktionen herantreten.

Werner Lauff

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