Anregung zur Selbstentfaltung

Vielfalt in allen Ebenen: die Jahresausstellung der Künstlergilde 

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Wie ein Hologramm wirkt Vanessa Holderieds Drahtpferd, das im Eingangsbereich zur 85. Jahresausstellung der Künstlergilde Landsberg-Lech-Ammersee in den Beruflichen Schulen Landsberg zu sehen ist.

Landsberg – Tierisch geht es zu. Neon-Kühe strahlen an den Wänden, betrunkene Erdhörnchen grinsen um die Wette, Möwen starten von der Wasseroberfläche und ein Pferd verwandelt sich im Licht zum Hologramm. Dazu ertönt Jazz-Reggae von „Free Beer and Chicken“. Bei der 85. Jahresausstellung der Künstlergilde Landsberg-Lech-Ammersee in den Beruflichen Schulen zeigen dieses Jahr 49 Künstler, Gilde-Mitglieder und Gäste, ihre Arbeiten auf über 180 Meter Flur. Eine Ausstellung mit enormer Bandbreite – räumlicher, technischer und auch qualitativer.

„Es ist ein riesiger Bau“, konstatiert Gilde-Vorsitzender Rainer Hollenweger. Die Flure 60 Meter lang und mehr, dazu drei Räume und der Eingangsraum. Rund 140 Exponate inklusive der Fotoarbeiten des Fotoclubs Kaufbeuren füllen die Flächen heuer. Darunter nur wenig Skulpturen. Heidi Gerhardinger platziert eine geschmolzene und verrostete Heizung im Rahmen: „was bleibt“. Das Pferd aus Drahtgeflecht von Vanessa Holderied übersieht man fast, so durchscheinend wirkt es. Erst gegens Licht zeigt es den Körper, schimmernd wie ein Hologramm.

Daneben überrascht Gislinde Schröter mit ihren Materialmontagen voll leisem Humor: ein Tier hinter Glas, zumindest was mit Beinen, gebogen, aus einem Stück Kleiderbügel: „Ausreißer“. Im ersten Stock dann ihr „Beobachter“, kleine Materialkacheln, eine davon ein Mini-Spiegel. Auch Silke Felchner klemmt Materialien hinter Glas: mit Bleistift beschriebene Papierknäuel, zusammengesetzt zu einem Sack, ergeben ihr „Tagebuch“. Tintenfische aus Filz schwimmen bei Barbara Wagner-Gschwill auf Folie hinter Glas. Und Walter Friesenegger hat einen ganz speziellen Feuervogel gebaut: ein alter Bunsenbrenner mit angeklebten Federn hebt sich da wie Phoenix aus der Asche.

Konkretes zeigt der Fotoclub Kaufering mit seinen Arbeiten zum Thema „Architektonische Impressionen“. Herausragend dabei Roland Seichters schwarz-weiß-Arbeiten. Licht und Schatten lassen in Unterführungen und Gebäuden Neues entdecken. Bernd Passauer spielt mit Farbe, sodass ein Gebäude zu einem rot-blau-schwarzem Kunstwerk wird.

Auf den Leinwänden ist Unterschiedlichstes zu sehen. Man habe nicht einen Stil bevorzugen wollen, erklärt Hollenweger. Nicht nur abstrakt, nicht nur gegenständlich. Letzteres gibt es in Rudolf Billes Straßenbildern samt Brexit-Plakat. Daneben strahlt ein Kuhkopf in Neon von der Leinwand – Ursula Rolls zweiter Kuhkopf ist gedämpfter. Eine Farbradierung Ute Rossows zeigt comichaft eine vom Wasser startende Möwe in vier Stadien: „Ja – Nein – Vielleicht – Du schaffst es!“ Barbara Bayer zeichnet herrlich betrunkene Erdhörnchen. Eine sonst eher abstrakte Künstlerin ist dieses Jahr auch konkret: Andrea Reiners, sonst in kleinformatigen Öl-Wachs-Werken erkennbar, zeigt ausgearbeitete Ölbilder: ruhige Dünenlandschaften, großformatig, farbig – eine neue Seite. Hollenweger ist auch auf der gegenständlichen Seite zu finden: mit Zeichnungen, detailliert oder skizzenhaft, mit Raum zur Ergänzung.

Abstraktes gibt es weniger. Heiner Beyers Fotodrucke, die Flammen wie Blumen erscheinen lassen. Passend dazu lässt Christoph Franke fotografierte Bäume flimmern. Einer der Räume ist dem letzten Jahr verstorbenen Gildevorstand Gerhard Heitzer gewidmet: Neben dessen grandiosem, in Holz geschnittenen Bibelpsalm mit der Vergänglichkeit des fragilen Mohns grüßen seine abstrakten, scharf begrenzten Farbformen. Eher abstrakt sind auch die Struktur-Form-Farb-Arbeiten von Katinka Schneweis. Die eine „Fermate“ setzt, deren Form an etwas ‚Inneres‘ denken lässt. Und deren abstrahierte Flügel „Vogelfrei“ die Besucher am Eingang an die Fantasie erinnern.

Volles Haus bei der Vernissage zur 85. Jahresausstellung. Redner war auch heuer wieder Dr. Thomas Goppel (vorne).

Manche Künstler habe er bei seinem Rundgang sofort wiedererkannt, sagt Ex-Staatsminister Dr. Thomas Goppel in seiner Ansprache – eine Ansprache, die er seit 1977 immer wieder und immer gerne halte. Andere seien in einer Veränderungsphase, was das „sprunghafte Wesen“ zeige, das jedem Menschen innewohne. Er wolle aber den „Künstlern auf der Spur bleiben“. Und Ausstellungen besuchen, um den eigenen Radius und Horizont, die „eigene Linie“ zu erweitern. Einerseits könne man als Besucher die Lust an der eigenen Selbstentfaltung entdecken. „Wir sind selbst Unikate. Und Gutes entsteht nur, wenn wir ein buntes Mosaik bilden.“ Andererseits sei es spannend, den Gedanken der Künstler zu folgen – wenn man ihnen folgen könne. Denn weder Betrachter noch Künstler: Man werde nie ‚fertig‘. „Insofern macht auch diese Ausstellung zu schaffen – wohlgemerkt im guten Sinne.“

Kunst als Ausdrucksform der eigenen Sichtweise und deswegen auch etwas, das anderen gezeigt werden soll – ein Konzept, das auch erlaubt, weniger ‚kunstvolle‘ Arbeiten zu präsentieren. Denn auch die gibt es in der Ausstellung. Vielleicht regen aber gerade sie den Besucher zu Goppels angedachter ‚Selbstentfaltung‘ an. Weil sie nicht ‚überragend‘ sind – im guten Sinne.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 17. November, immer samstags und sonntags von 14 Uhr bis 17.30 Uhr.
Susanne Greiner

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