Obdachlos in Landsberg?

Wenn die Zwangsräumung droht

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Wenn zum Schlafen nur die Parkbank übrigbleibt: Obdachlosigkeit ist auch in Landsberg weiterhin ein Problem.

Landsberg – Menschen, die auf Parkbänken schlafen und tagsüber ziellos durch die Stadt streifen: Obdachlosigkeit gibt es auch in Landsberg. Um sie zu vermeiden, wurden die ehemaligen Baracken in der Jahnstraße 2018 abgerissen und eine Notunter­kunft neu gebaut. Dort werden vor allem Einzelpersonen untergebracht. Und auch, wenn diese Unterkunft nur vorübergehend sein sollte: Manche Bewohner bleiben durchaus länger als die beim Bau der Unterkunft anvisierten neun Monate. Der Grund: der Wohnungsmarkt. Hat Otto-­Normalbürger schon Probleme, finden die Betreuer der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit der Herzog­sägmühle für ihre Kunden erst recht nur schwierig passenden Wohnraum.

Die Aufenthaltsdauer in der Notunterkunft an der Jahnstraße ist nicht selten länger als die beim Bau anvisierten neuen Monate.

Bei einigen ihrer Kunden stehe bereits die Zwangsräumung bevor, berichtete die Soziologin Katharina Sandmeyer von der Obdachlosen-Fachstelle in Landsberg auf der letzten Sitzung des städtischen Sozialausschusses. „Oft ist es kurz vor zwölf, da wurden bereits Möglichkeiten zur Hilfe verpasst.“ Die häufigsten Gründe für Obdachlosigkeit: Mietrückstände, auch Fehlverhalten beim Wohnen wie zum Beispiel Einhaltung der Ruhezeiten oder der Hausordnung. Manchmal summierten sich hier Kleinigkeiten: wenn das Fahrrad immer wieder am nicht richtigen Ort abgestellt werde. Auch wegen Beschädigung der Bausubstanz – wenn zum Beispiel nicht richtig gelüftet wird und sich deswegen Schimmel bildet – gebe es Kündigungen. „Wenn aber in einer Altbauwohnung die Heizung nicht funktioniert, muss man hier auch die Mieterseite stützen“, sagt de Soziologin. Deshalb vermittelt die Fachstelle auch Rechtsberatung.

Generell gelte es, alle möglichen Hilfen zu aktivieren. So wüssten vor allem junge Menschen nicht, dass man Wohngeld beantragen kann. „Es geht uns um die Frage: Welche Hilfe ist im konkreten Fall notwendig?“ So werde teilweise auch der sozialpsychiatrische Dienst der Caritas eingeschaltet, um jemanden zu haben, der die Betroffenen begleite, konkretisiert Sandmeyer auf Anfrage des KREISBOTEN.

Im vergangenen Jahr habe man 48 Einzelfälle betreut, darunter 39 Einzelpersonen, von denen zwölf alleinerziehend waren. Im Vergleich zu 2018 sind das 20 Prozent mehr. Zudem sei auffällig, dass mehr Jüngere (18 bis 29 Jahre) von Obdachlosigkeit bedroht seien. Oft könnten Jüngere nicht aus dem Elternhaus ausziehen, da sie keine Wohnung fänden. Wenn die Ausbildung ende, falle der Übergang in die Arbeitswelt schwer: Wenn derjenige beispielsweise keinen Job findet, das aber noch geringe Arbeitslosengeld I nicht für die eigene Wohnung ausreicht und deshalb ein Zuschuss geneh­migt wird. Der unterliegt jedoch den gleichen Kriterien wie das ALG II. Das heißt: Die Wohnung muss „angemessen“ sein. Hier habe aber auch die Fachstelle aufgrund der Bedingungen des allgemeinen Wohnungsmarktes Probleme, eine Wohnung im „Angemessenheitsbereich“ anzumieten.

Beträchtliche Schulden

Die Gründe für die Obdachlosigkeit der 48 Kunden der Fachberatung sind bei 29 finanzieller Natur: „Hier liegen beträchtliche Schulden mit oft mehr als sechs Gläubigern vor“, berichtet Katharina Sandmeyer. In elf Fällen habe man das prekäre Wohnverhältnis sichern können. 21 Personen wurden an andere Stellen weiterverwiesen wie beispielsweise das Jobcenter oder das Wohnungsamt: „Manchmal sind von unserer Seite nur zwei oder drei Beratungsstunden notwendig.“ Bei diesen 21 gehe man ebenfalls davon aus, dass das Wohnverhältnis gerettet worden sei.

Neben diesen Erfolgen gebe es aber auch ‚Stammkunden‘: „13 Personen waren schon circa das fünfte Mal bei uns in der Beratung.“ Hier gebe es „große Probleme“, die man versuche, mittels eines festen Ansprechpartners zu lösen.

Auf die Frage von Stadtrat Stefan Meiser (ÖDP), ob die Notunterkünfte in der Jahnstraße länger als die beim Bau geplanten neun Monate belegt seien, antwortete Sandmeyer: „Aufgrund des Wohnungsmarktes: ja.“ Man habe Dauermieter. „Ohne diese liegt die durchschnittliche Wohndauer in der Notunterkunft allerdings nur bei 4,4 Monaten.“ Man wolle in Zukunft auch generell Vermieter kontaktieren, zum Beispiel Baugenossenschaften, um das Problem der fehlenden Wohnungen auch von dieser Seite anzugehen.

Wohnraum für Familien

Wo denn Familien untergebracht werden könnten – in der Jahnstraße ist das vom Jugendamt nicht erwünscht –, wollte Meiser wissen. Eine Trennung von Eltern und Kindern sei ja sicher nicht das angestrebte Ziel. Bisher habe man keinen konkreten Fall, bei dem die Fami­lien getrennt worden seien, erwiderte Sandmeyer, man habe immer Wohnraum „herzaubern“ können, auch wenn der dann eventuell etwas zu klein gewesen sei. Nur einmal musste eine Familie in die Jahnstraße – für eine Woche, um derweil deren Wohnung zu sanieren.

Familien quartiere man in der Augsburger Straße, der Luibachstraße, in der Schwaighof- und der Schongauer Straße oder auch am Spitalplatz ein. Es handele sich größtenteils um Familien mit Migrationshintergrund. Deren Probleme lägen auch im Wohnverhalten, nicht allein bei den Mietschulden. Die Beratung sei nicht einfach: Oft gebe es hier Sprachprobleme: „Meistens sind die Frauen alleine mit den Kindern zuhause und können nur wenig oder kein Deutsch.“

Ein Problem bei der Vermittlung von Wohnungen für Familien sei ebenfalls der Wohnungsmarkt: „Wir haben vor Kurzem zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren wieder eine Fünfzimmer-­Sozialwohnung gehabt“, erzählt Sandmeyer. Die meisten dieser Kunden hätten auf dem momentanen Wohnungsmarkt aber kaum Chancen.
Susanne Greiner

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