Rette einen Afrikaner!

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Matthias Bartels bei seinem einzigen Auftritt als Leo, den seine Mitspieler nicht gestrichen haben. Seine Zuhörer: Thomas Bauer als unambitionierter Rainer, Claudia Dlugosch als toughe Christine, Franz Krauß als „Bibelfuzzi“ und Constanze Günther als Eso-Eva (v. links).

Landsberg – Eine Benefizgala braucht vor allem eines: prominente Gäste. Doch die haben alle abgesagt. Also müssen die fünf engagierten Erwachsenen selber ran. Im Moment proben sie noch für einen Abend, der unterhaltsam und ernst zugleich sein soll, etwas fürs Herz und den Verstand. Und Geld bringen soll er, für die Schule im afrikanischen Guinea-Bissau – ein reales Projekt, für das im Foyer des Stadttheaters die Spendenbox aufgebaut ist. Ingrid Lausunds satirisch-zynisches Stück „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“, das die „landsberger bühne“ überzeugend auf die Bretter bringt, sammelt Spenden. Daran ist die Rechtevergabe sogar zwingend gekoppelt. Aber es stellt auch die Frage, wie sich Unterhaltung mit Not und Elend vertragen kann.

Soll man vielleicht doch noch Valerie einladen? Ihre Haut ist schwarz, das wäre doch eine authentische Botschafterin. Und singen kann die auch noch. Aber Vorsicht: Hier droht das Klischee der „singenden Schwarzen“. Welche Bilder soll man zeigen? Oder sind die Fotos vielleicht ein bisschen zu heftig? Ist ein Schrottauto, das sich 100 Menschen teilen, zu viel des Luxus? Und welches Leid ist eigentlich größer, welcher Mensch mehr wert? Da wäre ein Kind ohne Arme, ein anderes ohne Eltern.

Aber vielleicht „gewinnt“ eher die 14-jährige Wannabe den Patenwettbewerb, die von ihren Eltern verkauft wurde und seit zwei Jahren als Prostituierte arbeitet… Allerdings schon 14 Jahre, lohnt sich der finanzielle Aufwand überhaupt noch? Antworten gibt das Stück nicht. Aber es formuliert Fragen, die man nicht zu stellen wagt. Und führt sie zugleich ad absurdum. Lausunds Stück spielt mit den verschiedenen Charakteren und ihren vermeintlichen und wahren Motiven. Da ist Christine, gespielt von Claudia Dlugosch: Die toughe Geschäftsfrau, die den „professionellen Touch“ beitragen will – aber ganz offensichtlich geht es ihr nur darum, im Rampenlicht zu stehen.

Oder der eher unambitionierte Rainer (Thomas Bauer), der seinen Vortrag über Afrika aus dem Internet abgeschrieben hat: „Jährlich sterben 80 Millionen Menschen an Hunger – oder waren es jetzt doch nur acht Millionen?“ Aber egal, wenn man die zehn Euro für einen Cocktail einfach spenden würde, wäre schon so viel getan. Nur wann trinkt man jetzt den Cocktail und wann spendet man? „Darauf ist mir noch keine kluge Antwort eingefallen“, sagt Rainer. Und irgendwie nervt ihn diese „gutmenschliche Betroffenheitsveranstaltung“ doch nur.

Den betroffenen Gutmenschen gibt Constanze Günther als Eso-Eva: Leicht naiv will sie, natürlich immer mit allen zusammen, Solidarität zeigen und zwingt ihre Mitspieler zu gemeinsam prononcierten Spendenappellen. Leo (Matthias Bartels) will eigentlich der Showman sein – aber schon sein erster Sketch, in dem er mit dem Publikum den Applaus proben will, ist gestrichen. Seine Argumente fürs Spenden belegt er am liebsten mit statistischen Angaben. Denn was „Bibelfuzzi“ Eckhard, gespielt von Franz Krauß, immer mit seiner Nächstenliebe und Barmherzigkeit hat, findet Leo nur peinlich.

Eckhard hält einen leidenschaftlichen Vortrag: „Alles darf man sagen, Scheiße, Ficken, aber Barmherzigkeit nicht? Es geht darum, dass die, die im Kühlschrank fettreduzierte Leberpastete haben, von ihrem Überfluss etwas abgeben.“ Das ungute Gefühl, das eine Spendenbox auslöse, komme daher, dass die Box Leiden und Not real macht: Menschen werden gefoltert, verhungern, Achtjährige gehen auf den Strich. Spenden helfe: „Man sollte sich für die Welt verantwortlich fühlen.“ Aber selbst Eckhards Rede wird nivelliert: „Oder war das jetzt zu lang?“, fragt er seine Mitspieler.

Das gekonnt dargestellte Wechselspiel zwischen Zynismus und Ernst gefiel einigen der Premierenbesucher offenbar nicht. Oder war es ein Spendenaufruf zu viel? Nach eher verhaltenem Applaus verließen sie zügig das Gebäude. Die hoffentlich dennoch gesammelten Spenden werden von der „landsberger bühne“ verdoppelt. Sie gehen sowohl an das Schulprojekt in Guinea-Bissau als auch an Humanitäre Hilfe e.V. und an ein Kulturprojekt in Landsberg, das zusammen mit dem Kulturbüro zur Integration von Flüchtlingen realisiert werden soll. Die Schule in Guinea-Bissau bietet inzwischen in acht Schulgebäuden 350 Kindern eine neunjährige Schulausbildung – und damit eine Zukunft.

Susanne Greiner

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