Per App auf den Spuren der »Scholle«

JES-Kulturstiftung will die Holzhausener Künstlerkolonie „Scholle“ erforschen

Kulturstiftung JES: Dr. Dr. Jochen Seifert und seine Frau Erika
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Mit ihrer „JES Kulturstiftung Holzhausen“ möchten Dr. Dr. Jochen Seifert und seine Frau Erika die berühmte Künstlerkolonie am Ammersee unvergesslich machen. Hier stehen die beiden vor ihrem Wohnhaus, das 1938 der Scholle-Maler Adolf Münzer als „Winterhaus“ gebaut hat.

Utting/Holzhausen – JES ist kein Tippfehler und bedeutet trotzdem Ja: Ja zur Erforschung und Bewahrung der Holzhauser Künstlerkolonie mittels der „JES-Kulturstiftung“. Es sind die Anfangsbuchstaben von Jochen und Erika Seifert, die sich mit Leidenschaft dieser Aufgabe angenommen haben. Die Stiftungsaufsicht der Regierung von Oberbayern hat das Projekt inzwischen staatlich anerkannt. Gleichzeitig bekam das Ehepaar Seifert für ein weiteres Herzensprojekt die offizielle Zustimmung von Uttings Bürgermeister Florian Hoffmann und dem Gemeinderat.

Man bemüht sich zusammen mit dem Verein „Unser Dorf“ um die Aufnahme Holzhausens in die „Europäische Vereinigung von Künstlerkolonien“, bislang ein Verbund von 42 Künstlerkolonien aus zwölf Ländern. Bei EuroArt sind aus dem bayerischen Raum nur Dachau, Murnau und Prien vertreten. Wenn die Aufnahme klappt, könnten schon bald die ersten Künstler aus Holzhausen auch auf der Webseite www.euroart.eu zu finden sein.

Die Gründer der JES-Kulturstiftung, Dr. med. Dr.-Ing. Jochen Seifert und seine Frau Erika sind langjährig und vielseitig engagiert nicht nur im Bereich Wissenschaft und Zeitgeschichte, sondern auch in Kunst und Kultur. Unter anderem als Mitglieder in den Freundeskreisen vom „Haus der Kunst“ und der „Pinakothek der Moderne“ in München. Der frühere Hans-Nasen-Ohren-Arzt und die ehemalige Gymnasial-Lehrerin für Musik leben in einem geschichtsträchtigen Haus aus dem Jahre 1938 im Holzhausen: Es war einst das wegen der Beheizbarkeit sogenannte „Winterhaus“ des Scholle-Malers Adolf Münzer, in das später die berühmte Sopranistin Claire Watson und der Tenor David Thaw zogen. Jochen Seifert wuchs in Schondorf auf und war dort „Landheimer“, seine Frau Erika kommt aus Inning. Seit 2009 leben sie in ihrem liebevoll restaurierten Heim, über dessen Eingang das Schild „Auf der Scholle“ prangt. Und das nicht von ungefähr.

Um 1900 und vermehrt ab der Inbetriebnahme der Eisenbahn 1903 sowie der neuen Dampferverbindungen siedelten sich in Holzhausen immer mehr Künstler aus München an, die sich zur Künstlergemeinschaft „Die Scholle“ zusammengeschlossen hatten. Der Begriff stammt aus einem Vers des Schriftstellers Michael Georg Conrad: „Musst Deine eigene Scholle beackern, die siebengescheiten Nachbarn lass gackern.“ Gemeinsames Ziel der Künstler war, dass jeder seine eigene Scholle hier bebaut. So entstanden teils in bester Seelage außergewöhnliche Wohn- und Atelierhäuser. Der Ammersee bekam den Ruf des ‚Künstler-Sees‘ und wurde zum Zeugnis einer einmaligen Symbiose von Bauerndorf und Künstlerkolonie.

Der Maler Adolf Münzer (1870-1953), Bauherr von Seiferts Zuhause, war Mitglied der idyllischen Künstlerkolonie Scholle am Ammersee. Diese verfolgte erfolgreich – auch wenn sie nur zwölf Jahre Bestand hatte – den zeitgenössischen Jugendstil mit Themen wie Mensch und Natur und verkörperte ein Jahrzehnt lang die fortschrittliche Malerei Münchens. Über 50 Mitgliedern der Scholle möchten Jochen und Erika Seifert mit ihrer privaten Stiftung quasi ein Denkmal bereiten.

Darunter natürlich bekannte Namen wie Eduard Thöny, Fritz Erler, Anna und Mathias Gasteiger, Adolf Münzer, Clara Ewald, Paul Neu oder Walter Georgi. Der Ruf der Kolonie sorgte dafür, dass auch namhafte Maler wie Leo Putz oder Olaf Gulbransson für längere Arbeitsaufenthalte nach Holzhausen kamen. Nach Thöny und Münzer wurden Straßen benannt, das Künstlerhaus Gasteiger ist heute Museum und begehrtes Standesamt. Die Bedeutung der hier ansässigen Maler zeigt sich auch daran, dass zehn von ihnen Professorentitel an deutschen Kunstakademien erhielten.

Eine Art Kulturweg

Die Stiftung des Ehepaares Seifert hat sich zum Ziel gesetzt, die Künstler und ihre Häuser im Bereich des Ammersees quasi als „Kulturweg“ zu erforschen und zu dokumentieren. Das ganze mit wissenschaftlicher Einarbeitung von kunst- und zeithistorischen Zusammenhängen. Neben einer Online-Datenbank, eines Online-Lexikons und einem entsprechenden Internetauftritt sollen an den historischen Gebäuden Infotafeln mit QR-Codes aufgestellt werden. Sie sorgen bei Führungen und Spaziergängen über eine App für den Zugang zur Datenbank und in einem zweiten Schritt zu einer Audiodatei. Sprecher wird kein geringerer sein als der in Utting lebende Schauspieler Hannes Jaenicke.

Für eine Kooperation konnten die Seiferts auch Prof. Hubertus Kohle gewinnen, den Leiter des Instituts für digitale Kunstgeschichte an der Uni München. Er unterstützt zusammen mit Dr. Christian Ripl, Leiter der IT-Gruppe Geisteswissenschaften an der Uni München, die Stiftung und stellt Rechnerleistung und Speicherplatz für garantiert hundert Jahre zur Verfügung. Derzeit wird von Lennart Schmiedl die Struktur der Webseite erarbeitet und die Kunstgeschichtlerin Regina Fischer stellt die ersten Künstler-Porträts zusammen. Bis 2022, zur 900-Jahr-Feier Uttings, soll das umfangreiche Werk möglichst vollendet sein. Wer Ideen hat und etwas zu dem Projekt beitragen möchte, kann sich über die E-Mail post@jes-kulturstiftung.de mit dem Ehepaar Seifert in Verbindung setzen.

Neben seiner Tätigkeit für die JES Kulturstiftung sind Seifert und seine Frau im Erhaltungs- und Verschönerungsverein „Unser Dorf Holzhausen“ aktiv. So organisierten sie im Sommer im Uttinger Casino des Augsburger Segler-Clubs mit Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum einen Vortrag über die Zeitenwende in der Freiheitlichen Demokratie im 21. Jahrhundert.

Über den Seifert- und Kulturforum-Filmabend „Schatzfund in Holzhausen“ spricht man heute noch in der Ammersee-Region. Gezeigt wurden historischen Reisefilme aus den 1920er und 1930er Jahren des New Yorker Millionärspaares Lawrence und Margaret Thaw. Die wertvollen Filmrollen fanden sich auf dem Dachboden von Seiferts Wohnhaus, im dem nach Adolf Münzer der Tenor David Thaw gelebt hatte, der Sohn des New Yorker Society-Paares.
Dieter Roettig

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