Ausstellung im Stadtmuseum

Friedhof hinter der Schule

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Fast wie auf dem Jesuitenfriedhof in Peking: Das Stadtmuseum veranschaulicht den spannenden Prozess der Missionierung sowie die Einzelschicksale der in Peking begrabenen Missionare.

Landsberg – Alten Grabstelen nachempfundene Plakatwände zieren die Ausstellungsräume des Neuen Stadtmuseums. Darauf einzelne Namen in lateinischer und chinesischer Schrift. Es sind Grabsteinabbildungen des Jesuitenfriedhofs in Peking. An die Wand projizierte Fotos versetzen den Museumsbesucher mitten auf diesen Platz, auf dem 63 Missionare begraben liegen. Der allererste war Matteo Ricci, dem der chinesische Kaiser nach seinem Tod das Grundstück zuwies. Ein weiterer der in Astronomie bewanderte Jesuit Johann Adam Schall von Bell, der in China als „Meister der Geheimnisse des Himmels“ verehrt wird. Und natürlich ist auch der Grabstein des Landsberger Missionars dort zu finden: Ignaz Kögler. In China hieß er Pinyin Dài Jìnxián.

Will man heutzutage Zhalan Mudi, den Jesuitenfriedhof in Peking besuchen, steht man vor den Toren der Verwaltungshochschule der Kommunistischen Partei. Dr. Gerd Treffer, Kurator der Ausstellung in Ingolstadt, die Landsberg modifiziert übernommen hat, berichtet gerne von seinem ersten Besuch des Friedhofs. Die Militärs seien sehr freundlich gewesen: „Über ihr Gesicht ging ein breites Lächeln, als ich fragte, ob ich das Grab von Matteo Ricci sehen darf.“ Das liege daran, dass Ricci auch heute noch hohes Ansehen in China genieße. „Nicht umsonst ist er neben Marco Polo der einzige Europäer, der im Milleniumsdenkmal in Peking abgebildet ist.“

Dennoch ist es fast ein Wunder, dass der Friedhof noch existiert. Beim Boxeraufstand 1900 wurden die Stelen eingerissen und in die Mauern der Friedhofskirche eingemauert. Später versuchte die Rote Garde, die Stelen zu zerstören. „Nur dem Direktor der Kaderschule ist es zu verdanken, dass die Stelen noch existieren“, erzählt die Leiterin des Stadtmuseums Ingolstadt Dr. Beatrix Schönewald. Denn der habe sie eingraben lassen und so überlebten sie die Kulturrevolution. Unter Deng Xiaoping wurde der Friedhof wieder aufgebaut, gelangte 1984 in die Liste der Kulturdenkmäler und steht seit 2006 unter Denkmalschutz. Wer sich auf dem Friedhof umsehen will: Hannes Schleeh vom China Zentrum Bayern hat auf www.round.me 360 Grad Panorama-Bilder eingestellt.

Im Stadtmuseum kann sich der Besucher zur Einführung einen Dokumentarfilm anschauen, der den perfekten Einstieg zur Ausstellung bietet. Neben astronomischen Geräten wie Klappsonnenuhr oder Ausziehfernrohr und Tafeln, auf denen das teilweise grausame Schicksal der Missionare plastisch dargestellt ist, sind auch diverse Porträts zu sehen. Zum Beispiel das von Schweikhard von Helfenstein, der in Herzogs Auftrag nach Landsberg kam, um hier den Jesuitenorden aufzubauen und die Menschen zum „rechten Glauben“ zurückzubringen. Denn der Protestantismus fand gar zu viele Anhänger in der Lechstadt. Oder wie Kulturbürgermeister Axel Flörke formuliert: „Es war etwas durcheinandergekommen im Freistaat.“ Und so legte Helfenstein 1576 den Grundstein für das Jesuitenviertel. Die Geistlichen übernahmen die Bildung der männlichen Landsberger, waren Seelsorger und hielten Predigten – was letztendlich den Katholizismus wieder stärkte. Ganz so einfach hatten es die Missionare in China nicht.

Dank dem Vatikan hatten die gelehrten Jesuiten das exklusive Missionsrecht in China. Der Papst setzte auf die gelehrten Mönche, um dem chinesischen Kaiser zu schmeicheln. Gesagt, getan: Bei einem Wettbewerb zum Berechnen einer Sonnenfinsternis stachen die Jesuiten Chinesen und Muslime aus und hatten fortan die Ehre, dem Kaiser zu dienen. Ricci erlangte den Titel „Gelehrter, Heiliger und Weltenlehrer“. Von Bell wurde oberster Mathematiker und Astronom des Kaisers und Kögler Leiter des astronomischen Amtes. Auch europäische Musik war in der Verbotenen Stadt zu hören. Zum Beispiel die Teodorico Pedrinis. Dessen verspielter Barockmusik können Besucher auch in der Ausstellung über Kopfhörer lauschen. Pedrini verpasste auf dem Weg nach Peking sein Schiff um acht Tage: „Das war absichtlich“, vermutet Schönewald. Der Meinung ist auch Treffer: „Pedrini war ein ziemlicher Hallodri.“ Wie auch immer, mit acht Jahren Verspätung kam er 1711 in Peking an und verfasste die Musiktheorie Lülüzhengyi, die Chinesen Dur, Moll und Chromatik näherbrachte.

Missionieren war praktisch der Nebenjob. Doch der war wenig erfolgreich. Das lag aber nicht an den Missionaren. Denn die passten sich der neuen Kultur perfekt an: Sie lernten Sprache und Sitten, änderten ihre Namen, trugen passende Kleidung und arbeiteten sich im strengen Gelehrtensystem der Mandarine nach oben. Chinesen, die zum christlichen Glauben übertraten, durften weiterhin die Ahnen verehren und Konfuzius huldigen. Doch gerade diese liberalen Ideen führten zum Ritenstreit mit dem Vatikan, der darin gipfelte, dass Kaiser Yongzheng Anfang des 18. Jahrhunderts die fremde Religion verbot. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits 150.000 Christen in China.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Mai, Öffnungszeiten sind Di-Fr 14-17 Uhr, Sa/So/Feiertag 11-17 Uhr.

Susanne Greiner

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