s'Maximilianeum: Josef Pretterer

Die Todesangst hat Haarausfall

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Spitze Zähne und Haarausfall: Die „Todesangst“ des Figurenspieler Josef Pretterer schnoddert über unsägliche Arbeitsbedingungen und ihren Chef.

Landsberg – Gruselich! Kleine, spitze Zähne, nur einzelne verstreute Haarfetzen und weiß starrende Augäpfel – die Todesangst tritt auf! Aber sobald sie den Mund aufmacht, ist nichts mehr zum Fürchten. Denn es ist die Hand des Figurenspielers Josef Pretterer, die sie belebt. Und der schenkt ihr eine gute Portion Schnoddrigkeit. So meckert sie über ihren Chef, der sie immer dahin schickt, „wo die Kacke am Dampfen“ ist. Und das ohne Supervision! Jetzt hat sie endgültig die Schnauze voll! Aber da klingelt das Handy. Das Plansoll ist noch nicht erfüllt, zwei fehlen noch, keine Pause, kein tiefes Durchatmen. Ran an die Arbeit! Sie seufzt: „Sein Wille geschehe, was willst du machen?“

Josef Pretterer wird auch der kölsche Bayer genannt. In Köln hielt man den Rheinländer für einen Bayer, der den Kölner Dialekt so gut nachahme, „da könnte sich manch einer eine Scheibe abschneiden“. Und in München erhielt er einen Preis von den Freunden der bayerischen Mundart. Das Bayerische nimmt man ihm ab. Wenn die selbstgebaute Schaumstoff-Maß der Schaumstoff-Weißwurst die Einzigartigkeit der Bayern erklärt, ist das skurril und komisch. Der Wurst ist alles wurst, sie legt sich lieber auf die faule Haut. Es gibt auch eine deprimierte Schrippe. Die wird immerzu zermahlen. Oder man ertränkt sie. Für Panade und Frikadellen!

Diese kleinen Figuren sind die Beilage. Eigentlich erzählt Pretterer im Programm „Herzversagen“ von einem alten Ehepaar, das im Pflegeheim liegt. Der Mann kann nicht schlafen und langweilt sich ob der Trostlosigkeit dieses Lebens. Und was macht seine Frau? Sie schläft. Ungerecht! Immer wieder weckt er sie aus ihren Träumen. Sollte er mal schlafen, weckt sie ihn und schwärmt ihm vor. Von einer rosaroten Welt mit heißem Kakao und Drachensteigen. Doch die Zeiten sind vorbei, vertan. „Du Miststück, hast mir das ganze Leben versaut!“, rüpelt er sie an. Was ihnen bleibt, sind Träume.

Da gibt es Pfarrer Gottfried von der Hallig, der immer so verständnisvoll war. In Wirklichkeit scheint er der Wollust verfallen, erzählt er doch seine Missions-Vision von drallen, schweißglänzenden Urwaldbewohnern. Oder Reiseleiter Hubert, 34, Porschefahrer, der ideale Schwiegersohn. Dabei will der nur die Rheumadecken aus echtem Kamelhaar verscherbeln. „Machen Sie den Brenntest, Feuerzeug ans Fell im Tierpark, da brennt nix! Meine Rheumadecke hat noch den Buckel vom Kamel!“ Und er erzählt schlechte Witze über pantomimisches Filmeraten. Ist ja klar, dass der auf dem Kaktus aufgespießte Kanarienvogel für „Dornenvögel“ steht. Grandios die Therapeutin, die anonyme Alkoholiker zu öffentlichen Bekennern macht, Weinseminare zum Heulen anbietet und das den Bach heruntergehende Leben mit Blüten versüßt.

Pretterer hat Hunde namens Adi – „Ich hasse euch Zweibeiner bis auf die Knochen.“ – oder den Gastarbeiter Ali, der Adi per Befehl zum Platzen bringt. Teilweise fehlen Pretterers Geschichten die Kanten, manchmal fasern sie gegen Ende aus, werden belanglos. Das vom s’Maximilianeum geladene Publikum im Foyer des Stadttheaters applaudiert dann eben nur freundlich. Doch oft findet sich in Pretterers Figuren eine Magie, die durch die Mischung aus skurrilem Humor und Einsicht in das Leben samt Tod bezaubert.

Insbesondere die Dialoge des Ehepaars gehen zu Herzen. Manchmal sind sie sogar knapp davor, sich etwas Nettes zu sagen. Wird aber nichts draus. Bis zum Schluss. Da denkt er, sie sei gestorben, „du Muse meiner Verzweiflung, du Abflussrohr meiner schlechten Laune“. Aber er hat sie geliebt. So gut er konnte. Das weckt sie auf. Und im Angesicht der Todesangst schwören sie sich, nochmal ganz von vorne anzufangen. Mit Vollweib und allen Schikanen! Aber sie sind beide so müde. Und schließen die Augen ein letztes Mal.

Susanne Greiner

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