Vorbild im Ehrenamt

Wenn Ratsmitglieder zu Zustellern werden

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Konzentrierte Arbeiter: Stadtrat Jost Handtrack (links) und OB Mathias Neuner planen die Verteilung der Asyl-Flyer im Stadtgebiet Landsberg.

Landsberg – Den Freitag hat er damit verbracht, Fragebögen in Flyer einzulegen und sie dann an seine Ratskollegen zur Verteilung weiterzugeben, am Samstag ging er dann selbst von Briefkasten zu Briefkasten: Grünen-Stadtrat Jost Handtrack. Der Referent für ausländische Mitbürger und Asylbewerber ist im Moment damit beschäftigt, zusammen mit einigen Ratskollegen die städtische Bürgerinformation „Asylunterkunft Landsberg am Lech“ in Umlauf zu bringen. Die etwas andere Form der Zustellung hat er selbst organisiert und bittet nun um Nachsicht, dass die Flyer den Haushalten im Stadtgebiet erst sukzessive zugestellt werden können.

Die Stadt informiert in dem Flyer über die aktuelle Wohnsituation der Flüchtlinge und über bestehende und geplante Bauten zur Unterbringung. Zudem geht es um die rechtliche Situation: Ab wann dürfen Asylbewerber arbeiten? Wann dürfen sie an Deutschkursen teil- nehmen? Auch wer ehrenamtlich tätig werden möchte, finden in dem Prospekt Auskunft.

Jetzt im Briefkasten und auf www.landsberg.de abrufbar: der Flyer „Asylunterkunft Landsberg am Lech“.

Acht Hände formen einen Kreis um den Titel des Flyers. Die Botschaft ist klar: Alle müssen Hand anlegen, um das Problem des nicht abreißenden Asylantenstroms im Landkreis zu lösen. „Eine geringe Akzeptanz gegenüber den Asylsuchenden entsteht größtenteils durch einen Mangel an Information“, sagt OB Mathias Neuner. Mit der Broschüre wolle man diese Lücke verkleinern und zudem das Verständnis der Bürger für die Flüchtlinge und ihre Situation ausbauen. „Wichtig ist es, diesen Menschen ein Leben in Sicherheit zu ermöglichen“, betont Neuner.

Dabei sei man vor allem die Hilfe der Bürger angewiesen. „Ohne Ehrenamtliche geht es nicht“, sagt der OB, und Stadtrat Jost Handtrack gibt zu bedenken, dass „auch die Haupt- amtlichen am Limit arbeiten.“ Deshalb werden die Prospekte freiwillig von den Stadträten in ihren jeweiligen Wohngebieten verteilt. „Da ist endlich mal ein Zusammenhalt im Stadtrat da“, lacht Neuner.

202 Flüchtlinge

Inzwischen leben in Landsberg 202 Asylbewerber, davon immerhin 100 in Privatwohnungen. Am heutigen Mittwoch und am Freitag werden 60 Flüchtlinge die neuen Wohncontainer an der Iglinger Straße beziehen. Nach aktueller Beschlusslage dürfen die Container dort bis 2019 stehen, danach könnte man an diesem Standort eine dauerhafte Unterkunft bauen. Sollten diese dann nicht mehr genutzt werden, wäre auch eine Umwandlung zu Sozialwohnungen denkbar. Als weitere Standorte sind ein staatliches Grundstück in der Pfettenstraße und ein städtisches auf dem Areal des ehemaligen AKE-Kindergartens in der Lechstraße im Gespräch. Das 2. und 3. Obergeschoss des Staatlichen Hochbauamts in der Irving-Heymont-Straße darf nun, nach Genehmigung durch den Freistaat Bayern, auch für die Unterbringung von bis zu 88 Flüchtlingen genutzt werden.

„Landsberg ist gut aufgestellt“, sagt Handtrack, der selbst Deutschkurse für Asylbewerber gibt. „Wenn die Iglinger Straße und das Hochbauamt belegt sind, liegt Landsberg sogar über dem Soll.“ Wichtig sei es, die Bevölkerung mitzunehmen. Deshalb gibt es auch einen Fragebogen im Prospekt, in dem die Bürger ihre Wünsche und Sorgen äußern können.

Ehrenamtliche gesucht

In dem Prospekt werden zahlreiche Möglichkeiten genannt, wie man sich ehrenamtlich engagieren kann: Das geht von „Zeit zum Zuhören haben“ über Fahrradreparatur bis hin zum gemeinsamen Kochen oder der Hilfe beim Einkaufen. Die Ehrenamtlichen werden bei ihrer Arbeit von der Asylsozial-beratung des BRK-Kreisverbands unterstützt. Er bietet Coachings und Fortbildungen an, und die Sozialarbeiter dort haben auch ein offenes Ohr für die Probleme der Helfer – „zumindest so oft wie möglich“, sagt die Leiterin soziale Dienste, Marianne Asam.

Inzwischen seien im Landkreis Landsberg offiziell 406 Ehrenamtliche registriert, wovon ungefähr schon ein Drittel aus Lands-erg direkt kämen: „Das Engagement der Landsberger ist wahnsinnig“, freut sich Asam. Allerdings kamen zur Veranstaltung des BRK für die Iglinger Straße nur sechs Anwohner, die sich ehrenamtlich betätigen wollen. „Das ist natürlich besser als keiner, aber die Bereitschaft zur Mithilfe ist leider rückläufig“, sagt Asam. Das liege vor allem daran, dass schon so viele helfen und das Kontingent allmählich ausgeschöpft sei. „Zudem ist jetzt Urlaubszeit.“ Deshalb sieht Adam auch kaum eine Chance, weiterhin eine Einzelbetreuung für Asylbewerber zu bieten.

Asam macht auch die Erfahrung, dass die Akzeptanz für Flüchtlinge in der Bevölkerung rückläufig sei: „Ich höre oft den Kommentar, wie viele wir denn noch aufnehmen sollen.“ Auch das kostenlose Angebot von Schwimmkursen ärgere einige Bürger, die sich selbst keinen Kurs leisten können. Der Prospekt sei da schon eine gute Aktion, um den Menschen ihre Ängste zu nehmen und Verständnis für die Situation der Flüchtlinge zu wecken.

Die ehrenamtlichen Helfer sollen vom BRK verstärkt unterstützt werden. „Wir denken darüber nach, den Menschen eine Supervision anzubieten“, sagt Asam. Oft seien die seelischen Belastungen auch für die Helfer enorm groß. Zudem gibt das BRK eine zweite Schulung für Deutschlehrer im Oktober, ein weiterer Infoabend für Ehrenamtliche findet am 25. August im BRK-Haus statt.

Susanne Greiner

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