Die Suche nach einer besseren Welt

Junges Landestheater Tübingen verzaubert mit »Großes Durcheinander«

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Das Junge Landestheater Tübingen begeisterte am Wochenende mit der Clownerie "Großes Durcheinander" Groß und Klein im Landsberger Stadttheater.
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Landsberg – Es ist alles knallig bunt. Und so ganz anders als das Zartrosa-Grau der Heimat. Eine fremde Welt erwartet die Geflüchteten: Übergroße knallgelbe Ordner beherbergen die Bürokratie, Marshmallows werden in offene Münder gestopft, verwirrte Schutzwachen stolpern am Ufer. Aber in all dem liegt Poesie. Zum Beispiel in einem Regenbogenbüro. Oder einem Esther-Williams-Ballet mit Einkaufswagen. Die magische Clownsfabel „Großes Durcheinander“ des Jungen Landestheater Tübingens verzaubert, erzeugt Gruseln und lässt Lachtränen weinen. Bei kleinen wie auch bei ganz großen Zuschauern.

Das Junge Landestheater Tübingen begeisterte am Wochenende mit der Clownerie "Großes Durcheinander" Groß und Klein im Landsberger Stadttheater.

Ein großer, pinkner Ball fliegt durch die Luft. Ein Clown sieht ihn, spielt mit ihm. Ist hingerissen. Auch sein weibliches Gegenstück ist vom rosa Rund fasziniert – und will es für sich haben. Ein Streit bricht aus. Und natürlich verlieren beide: Der Ball hüpft fort, auf Nimmerwiedersehen, hinter die große, graue Wand. Ist er wirklich verloren? Vielleicht kann man ja auch dahin, wo Milch und Honig fließen? Dahin, wo das große Versprechen wartet?

Der Ball ist natürlich ein Symbol. In Michael Miensopusts clownesker Pantomime „Großes Durcheinander“ steht er für die Sehnsucht. Nach etwas Besserem, Leichterem. Nach einem lebenswerten Leben. Und das wollen die beiden Clowns, nachdem sie einmal den verheißungsvollen Duft geschnuppert haben, nicht mehr missen. Also auf! Mit Mühen über die graue Wand klettern, sich mit ihr im Wellengang drehen, fast versinken. Und schließlich an einer Küste ankommen. Gerettet.

Miensopousts Thema ist die Migration. Dabei setzt er sich mit dem auseinander, was schwer darzustellen ist: das Sich-Fremd-Fühlen, die enttäuschten Hoffnungen, die Angst. Das fast Unmögliche gelingt: Die Zuschauer fiebern mit, gruseln sich vor der Fremde, lachen über die Absurditäten. Und das alles ohne Sprache.

Auf der Flucht müssen die beiden Clowns die Enge meistern und schlafen verkrümmt auf herausgezogenen Schubladen einer Schrägwand, das einzige Assessoir des Bühnenbildes. Doch die schiefe Wand hat es fauistdick hinter den Ohren: Sie ist Mauer, Schiff, Büro und Großstadt zugleich.

Der Bauch der Bürokratie, in dem die Clowns nach ihrer Ankunft landen, ist ein regenbogenfarbenes Büro samt Chef mit moosgrünen Haaren. Nicht nur das geniale Bühnenbild, auch die fantastischen Kostüme von Christine Brunner-Fenz wirken: Durch das Grelle wird das deutlich, was durch Sprache so schwer zu kommunizieren ist.

Schon allein die Unterschiede in der Kleidung zeigen die Unterschiede bei den Menschen: Da sind die Clowns, weiß geschminkt, mit Anklang an den Pierrot. Und da sind die sogenannten Anderen: in kunterbunten Kostümen steckende Büroangestellte. Überdimensionale Ordner verschlucken die Clowns mit Vorschriften, würgen sie mit Papierschlangen. Aber da ist auch das Schöne im Fremden: im samstäglichen Konsumterror – der sich in ein Einkaufswagenballett à la Esther Williams verwandelt.

Der rote – oder besser pinkne Faden ist der Ball. Nachdem er über die Wand ins Fremde gesprungen ist, machen sich die Clowns auf die Suche. Sie tragen ein Bild ihrer Sehnsucht, wortwörtlich auf Papier, mit sich. Als sie den Ball wiederfinden, klauen ihn die Anderen – und er zerplatzt. Mit ihm der Traum von der perfekten Welt. Erst am Ende taucht er wieder auf, in einem Loch der Rückwand. Begleitet von Vogelgezwitscher lockt er die Clowns ins nächste Abenteuer. Aber nicht nur sie: Auch die Anderen, die, denen es eigentlich gut geht, wollen den Traum des pinknen Balls erhaschen – und rennen hinterher.

Dass „Großes Durcheinander“ gleichzeitig verzaubert, gruselt und zu Lachtränen animiert, liegt auch an der Musik von Christian und Daniel Dähn: Da sind singende Sägen, die wehmütig schluchzen, grelle Musik, die Chaos und Hektik in die Ohren malt, Musicalklänge neben Horrorfilmattributen – alles rund und perfekt.

Miensopusts Regie lädt zum Staunen ein: Allein, dass die Nonsens-Sprache der Clowns und der Anderen sich unterscheidet, wirkt. Auch findet Meinsopust Bilder, die das Andere auf geniale Weise hervorzaubern. Da ist zum Beispiel ein Sofa, auf dem sitzt ein Paar. Und dann kommt das Fremde – in Form der Beine des Clowns, die sich zwischen den beiden verheddern. Meinen die Fernsehschauenden zuerst noch, das vertraute Gegenüber zu streicheln, trifft sie fast der Schlag, als sie die Extremitäten identifizieren. Doch dann nehmen sie die Fremde zwischen sich und stülpen ihr Kultur über – in Form von Marshmallows, die die Clownin fast ersticken lassen.

Zur absoluten Perfektion des „Durcheinanders“ tragen jedoch vor allem die Schauspieler des Jungen LTT bei. Ihre Mimik ist überdeutlich, die Gestik ausgefeilt, ihre Grimassen sprechen Bände.

Schade, dass Michael Miensopust und seine Truppe Tübingen verlassen. Da hätte man gerne noch mehr gesehen.

Deshalb ein doppeltes Danke an TILL Freunde des Stadttheaters Landsberg und an die Familie Holzmann, die diesen Abend durch eine Finanzspritze erst möglich gemacht haben.

Susanne Greiner

Rubriklistenbild: © Greiner

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