Alfred, der mit den Elfen spricht

Alfred Dorfer präsentiert sein Programm „ … und“ im Stadttheater

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Der österreichische Kabarettist zieht um. Und stellt sich die Frage nach dem, was bleibt, und dem, was kommen mag. Im ausverkauften Stadttheater war das Publikum begeistert.

Landsberg – Dorfer zieht um. Von der alten Wohnung – das Bühnenbild vor der Pause: Bananenkisten, Leiter – ins neue Domizil – wiederum Bananenkisten, Leiter. Was nimmt man mit, was bleibt zurück? Wird sich etwas verändern? Eines bleibt: dieser kleine Karton, mit Klebeband gepflastert. Seit dem ersten Umzug ist er dabei. Wie bei Schrödingers Katze ist das Innenleben unbekannt: Tod oder Leben? Eine wahre Büchse der Pandora. Die man am besten geschlossen lässt. Aber Dorfer macht sie auf. Und zieht ein Panoptikum an Figuren heraus: Nachbarn, die Mutter, Journalisten, Platons Höhlenbewohner, wahre Machos und Engel. Und Dorfer? Der ist irgendwo dazwischen.

Kritik an Dorfer übt Dorfer selbst: in seiner Zugabe. Da schlüpft er in die Rollen aller erdenklichen Zuschauertypen. Der Pseudointellektuelle: „Dorfer, tsss, das war nicht politisch, kein Trump, keine Merkel.“ Stimmt nicht. Politisch war es, nur ohne Namedropping. Der Schwätzer: „Ja, schon irgendwie … Interessant … Vor drei Jahren war‘s lustiger.“ Wütender vielleicht. Aber mit über 50 könne er sich nicht mehr so ereifern, meint Dorfer. Nur noch über Veganer und sonstige „Essfanatiker“. Auch der Kulturbanause ist vertreten: „Mir is des wurscht! Ich war eingeladen.“ Diese Reaktionen auf den Wiener Kabarettisten existieren wahrscheinlich wirklich. Denn Dorfer hat in seinem Programm für alle etwas. Descartes und Platon für den intellektuellen Wasserkopf, evolutionäre Schwachsinnstheorien für den Bierbanausen. Wenn man denn die Menschen in solche Kategorien einteilen wollte.

Will Dorfer aber nicht. Denn was der Vollblutkabarettist nicht mag, sind Schubladen, allen voran die politische: „Vergessen wir diese Links-Rechts-Scheiße!“ Und setzt nach: „Wer einer Frau nicht die Hand geben will, weil sie eine Frau ist, gehört hier nicht hin.“ Da kann man schon mal zucken. Aber was Dorfer propagiert, ist nicht diese oder die konträre Ansicht, sondern die Notwendigkeit der Mündigkeit, diese Sicht anschauen zu können. Die Freiheit des Denkens. Denn „wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem aus wie ein Nagel“. Wenn der Respekt verlorengehe, komme die Lüge von der Toleranz.

Für den Menschen zahle es sich aus, andere Kulturen zu beachten – „ein für Bayern eher ungewöhnlicher Gedanke.“ Dass in Kenia der Lehrer als gut gelte, wenn ihn sein Schüler übertrumpfe. Dass im antiken Griechenland das Wort „Idiot“ Nicht-Politiker bezeichnet habe. Denn in der Politik, allgemein in der Öffentlichkeit, solle das Private hintenanstehen. „Hört sich an wie eine Prophezeiung von Facebook, oder?“ Schon Platon habe das Dilemma der Unwissenheit in seinen nur die Schatten der Realität sehenden Menschen beschrieben. Die nur im Kreis denken konnten, da der Weitblick fehlte. Mit Descartes nahezu egomanischem „Ich denke also bin ich“ sei das Unheil in die Welt gekommen: „Wenn ich zwei Bananen stehle, ohne mir was dabei zu denken, war ich’s dann nicht?“

Dorfer wettert gegen „infantile Wissenschaftsgläubigkeit“, gegen Studien, die die Ergebnisse bringen, für die der Auftraggeber Geld reinsteckt. Natürlich könne er versuchen, „die Bouillon mit dem Sieb zu essen“. Das Ergebnis „Bouillon ist nicht essbar“. In dieser Handlungskette ja richtig, aber eben nicht wahr. Wissen, unverdaut und ohne Einordnung, hilft nicht. Denn wer viel wisse, habe noch lange nichts verstanden. Da darf man gerne auch mal Unsinn denken. Über Himbeeren und Bienen, letztere rotblind, weshalb sie immer gegen die Himbeeren fliegen und diese kleinen Dellen verursachen. Fachsprachen passen dem studierten Dorfer, sorry Dr. Dorfer – mit 49 hat er seine Dissertation an der Uni Wien vollendet – gar nicht. Sie verdecken nur die Mittelmäßigkeit. Wofür Dr. Dorfer das großartige Bild des sich in Tintenwolken hüllenden Sepia findet: „Der glaubt auch, man hält ihn für einen rauchenden Orka.“

Trotz all der Bissigkeit – die nicht mehr so offensichtlich ist, aber im Nachhinein umso deutlicher wird – kann Dorfer träumen. Auch das ein wichtiger Teil des freien Denkens. Von der Roten Elfe, die er vielleicht hätte treffen können. Sein Vorname bedeute „der mit den Elfen spricht“. Weshalb er beim Straßenbau öfter mal nach Island gerufen werde, um die Elfen wegen einer Lärmschutzmauer zu fragen. Die „Rote Elfe“ zieht sich als roter Faden durchs Programm. Ein „Was wäre wenn?“, das hie und da aufblitzt. Gedankenspiele, Unsinn denken, siehe Bienen und Himbeeren. Engel, die im Bus sitzen, und die Gedanken der Menschen hören. Oder seinem 30 Jahre jüngeren Ich begegnen, ein „Gespräch entre moi führen“. Und zu erkennen, dass die Zukunft ein Rätsel bleiben wird: „Wenn man wird, wer man nie war, ist das seltsam.“

Schließlich die ganze Sache mit der Paarbeziehung. Die Fähigkeit (oder Unfähigkeit) von Frauen, ihre Wünsche in „lautem Schauen“ zu formulieren. Das männliche Pinkeln im Stehen, „trotz zunehmender Domestizierung des Mannes weit verbreitet, ein majestätischer Akt“. Auch ein Überbleibsel der Evolution. Aufrecht sieht man den Feind schneller. „Liebe ist Mainstream“, habe ihn mal ein Journalist kritisiert. Gefundenes Fressen für den Gegner der Schubladen: „Warum ist mir diese Scheiße nicht selbst eingefallen?“ Immer dieses Einordnen und Abhaken-Wollen. Oder in Dorfers Worten: „Was für ein Unsinn, Dinge zu trennen, die man doch nur unterscheiden kann.“

Susanne Greiner

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