Bei eisigen Temperaturen in den See springen? Am Ammersee ist das normal.

Die Kälteverrückten vom Ammersee

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Manch einer mag sich fragen, was diese komischen Menschen da machen: Eine Gruppe am Ammersee, die sich über Instagram gefunden hat, springt jeden Tag zum Eisbaden ins kühle Nass. Zu sehen auch auf www.iceteam-ammersee.de.

Ammersee – Mit einem Hechtsprung geht es für Stefan Gruschwitz in den Ammersee. Wassertemperatur: 2,2 Grad. Ein paar andere folgen ihm, allerdings etwas weniger forsch. Dann setzen sich alle ins kniehohe Wasser an einem Steg in Dießen. Und das mitten im Winter. Arme und Beine sind eng an den Körper gezogen. Spaziergänger kommen mit Anorak und Schal bekleidet vorbei und staunen. Es ist ein schöner Wintertag, aber Badewetter sieht doch anders aus. In Dießen und Utting am Ammersee ist dieser Anblick mittlerweile Alltag geworden.

Michele Bonomo, 30, aus Dießen und Stefan Gruschwitz, 53, aus Utting führen diese irre Aktion an. Als „Iceteam Ammersee“ bezeichnen sie sich selbst. Bonomo ist Personal-Trainer und Fitnessfachwirt. Seit 2016 hat er Schmerzen in der Hüfte. Die bittere Diagnose: Er hat Arthrose.

Anfang 2019 ist der Plan der Ärzte: mit Schmerzmitteln eine Operation so lang wie möglich hinauszögern, dann ein künstliches Hüftgelenk einsetzen. Bonomo ist geschockt. Er schaut sich nach Alternativen um, probiert verschiedene Dinge aus und wird schließlich fündig. Er hört vom Baubiologen Gruschwitz, der selbst Gelenkprobleme hatte und seitdem Kältetraining betreibt. Dazu rät Gruschwitz auch Bonomo.

„Ich hasse Kälte über alles“, sagt der Fitnesstrainer – doch er überwindet sich und probiert es trotzdem aus. Der 30-Jährige quält sich in den Ammersee. Erst sporadisch, dann regelmäßiger. Im November vergangenen Jahres fasst er einen Beschluss und verkündet in den sozialen Medien, gemeinsam mit einem Freund nun jeden Tag in den See zu gehen.

Bonomo postet Bilder und Videos und erhält dafür viel Zuspruch. Immer mehr schließen sich der verrückten Herausforderung an. Der Jüngste ist 18 Jahre alt, die Älteste 80. Mittlerweile gibt es eine WhatsApp-Gruppe mit über 30 Teilnehmern. Spontan verabreden sie sich zum gemeinsamen Eisbaden. Etwa die Hälfte geht regelmäßig in den See. Bonomo und sein Freund haben bisher kein kaltes Bad ausgelassen.

Nur mit Badesachen bekleidet, kauern die Eissportler im Wasser. Sie motivieren sich gegenseitig, noch länger durchzuhalten. Bonomo gibt die Zeit durch. Mindestens fünf Minuten bleiben sie im Wasser. Dann geht es raus an den Steg. Die Haut ist rot gefärbt. „Ein gutes Zeichen“, sagt Bonomo. Die Durchblutung ist angeregt. Mit leichten Atemübungen wärmen sich manche wieder auf. Andere schlüpfen direkt in ihre Klamotten. Nach wenigen Minuten fangen alle an zu zittern – ganz normal nach dem Eisbad. Die Tapferen vom Ammersee sind das mittlerweile gewohnt. Schnell kriegen sie es wieder in den Griff und beruhigen ihre Körper.

Die Wim-Hof-Methode

Das Kältetraining ist nicht neu. Vieles davon geht zurück auf Wim Hof. Der Niederländer hat zahlreiche Weltrekorde sowohl in klirrender Kälte als auch in enormer Hitze aufgestellt. Hof hat es geschafft, bewusst sein autonomes Nervensystem zu beeinflussen. Studien belegen das. Außerdem hat er sozusagen seine Schmerzrezeptoren neu programmiert. Zur Wim-Hof-Methode gehört neben dem Kältetraining zudem eine bestimmte Atemtechnik.

„Ob die Effekte bei jedem auftreten, was genau mit dem Körper passiert und wie die Langzeitwirkung aussieht, wird derzeit untersucht“, berichtet Silvana Kolman. Sie macht eine Ausbildung als Wim-Hof-Instructor und gibt Workshops. In einem Punkt sind sich alle einig: Das Baden in kaltem Wasser ist stresslösend und man fühlt sich besser, fitter und selbstbewusster. Außerdem ist das Immunsystem gestärkt. Am Anfang sollte man aber auf keinen Fall allein ins Wasser gehen und vorher beim Arzt checken lassen, ob man gesund ist. Über das Duschen mit kaltem Wasser kann man den Körper langsam daran gewöhnen.

Mindestens bis Ende März will Bonomo seine Eis-Challenge durchziehen und täglich den Schweinehund überwinden. „Der Zeitaufwand ist groß“, sagt er. Doch er ist überzeugt: „Es lohnt sich.“ Und wenn man sich die Kälte-Verrückten so anschaut, scheinen im kalten Wasser auch einige Glückshormone freigesetzt zu werden. Denn alle verlassen den See mit einem Lächeln im Gesicht. 

Phillip Plesch

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