Moderner Kern in klassischer Hülle

Kammermusik im Bibliothekssaal Landsberg: mit „Widmungen“ ins Jahr 2020

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Jubelrufe gab es für Fagottisten Johannes Overbeck (links). Begleitet wurde er von (v. links) Kumiko Yamauchi, Christiaan Schödl, Dorothea Galler, Thomas Hille und Franz Lichtenstern.

Landsberg – Die Musiker des Münchener Gärtnerplatz-Theaters sind engagiert: Manche reisen für gerade mal 15 Minuten an. Am Sonntagabend zum Beispiel für das 76 Takte umfassende „Epitaphium“ Graham Waterhouses, gewidmet seinem Vater. Neun Musiker brachten diese und drei weitere „Widmungen“ im ausverkauften Bibliothekssaal zum Erklingen. Mit dabei, wie immer: Organisator der ambitionierten Konzertreihe Franz Lichtenstern.

Waterhouse selbst könne leider nicht kommen: „Das Leben ist zu kompliziert, um heute nach Landsberg zu kommen“, habe er ihm ausgerichtet, sagt Lichtenstern mit einem Grinsen. Und erntet wissendes Lachen aus dem Publikum. Der vielbeschäftigte Waterhouse scheint bekannt zu sein. Sein Werk bildete mit dem ebenfalls zeitgenössischen Divertissement von Jean Françaix den modernen Kern in klassisch-romantischer Mozart-Weber-Hülle.

Das Entrée gibt das Es-Dur-Quintett des Salzburgers, gewidmet seinem Freund, dem Hornisten Joseph Leitgeb, der dafür angeblich sogar hinter den kalten Ofen kniete. Und von Mozarts Anweisungen wie „Bravo Povretto“ - vor allem im höheren Alter - noch aufs Korn genommen wurde. Die gerade mal 30-jährige Hornistin Dorothea Bender beherrscht satte Töne neben Klängen, die aus dem Nebel zu klingen scheinen – eine Dynamik, die vor allem im Rondo zu hören ist. Schnelle Quintsprünge meistert sie mit Leichtigkeit – und wird so Mozarts Komposition in bester Weise gerecht.

Publikumsliebling sind die zeitgenössischen Werke. Als erstes Waterhouses Streichertrio „Epitaphium“, uraufgeführt 2009 im Gasteig, mit dem er seinem Vater ein „musikalisches Denkmal im Kleinen, zeitlos wie ein Grabstein“ setzen wollte: In die gezupften Cellosaiten weben sich eigenständige Klagemelodien von Geige (Kumiko Yamauchi) und Viola. Stark gestrichene Saiten und Dissonanzen im Sekund-Abstand verdeutlichen den Schmerz, der nur durch kurze harmonische Passagen durchbrochen werden kann.

Fagottist Johannes Overbeck glänzt in Françaix‘ „Divertissement“. Wobei die Leichtigkeit des französischen Komponisten täuscht: „Françaix ist immer äußerst schwierig zu spielen“, sagt Lichtenstern. Und bringt eine weiter Botschaft Waterhouses: Das Werk, komponiert mitten im 2. Weltkrieg, galt als verschollen – bis Grahams Vater William Waterhouse es Ende der 60er wiederentdeckte und der erst 1997 gestorbene Francaix es nachträglich dem Entdecker widmete.

Vor allem das Vivo assai zeigt die Originalität des Komponisten. Im Mittelteil scheint das Fagott rhythmisch ‚falsch‘ zu spielen. Aber nicht täuschen lassen: Auch dieser Taktwechsel ist einkomponiert. Und macht die Ohren sauber für genaues Hinhören. Im Allegro scheint das Fagott Versatzstücke einzuweben. Kurz erklingt eine Melodie – die wieder im springenden Rhythmus, der Françaix‘ Werke so ‚leicht‘ wirken lässt, versinkt.

Der letzte Widmer ist Carl Maria von Weber und sein Klarinettenquintett B-Dur. Er widmete sein Werk dem Klarinettisten Heinrich Joseph Baermann. Denn nachdem Webers Oper Silvana in Berlin massiv floppte, stieg das Ansehen des Komponisten durch Baermanns gelungene Interpretation der Weberschen Werke. Eine Qualität, die auch Klarinettist Michael Meinel aufweist: mit ausdrucksstarkem Klang im tieftraurigen Adagio, Sprüngen über zwei Oktaven und ausgeprägter Dynamik.

Für das nächste Bibliothekskonzert am 29. März öffnet Lichtenstern „Wundertüten“. Wie Mahlers Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“. Mehr Infos unter www.kammermusik-im-bibliothekssaal.de.
Susanne Greiner

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