Zwischen Himmel und See

Vom Gstanzl bis zum Alphornsolo: der Kapellentag am Ammersee

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In Bierdorf begrüßten die Gruaber Buam vom Staffelsee die Besucher des Kapellentages "Zwischen Himmel und See"

Ammersee – Es ist Sonntag, die Sonne strahlt, die Luft nicht zu heiß. Da mag der eine sein Weißwurstfrühstück genießen, der andere giert nach sportlicher Betätigung, einen Dritten dürstet nach Kultur. Das Schöne am Kapellentag: Er bedient alle drei Bedürfnisse mit Leichtigkeit. Beim fünften Jubiläum kam dem Initiator, dem Schondorfer Verein Kultur am Ammersee, zwar ein kurzes Gewitter ins Gehege. Was aber die zahlreichen Radler, Fußgänger und Automobilisten nicht davon abhielt, die 25 Kapellen und über 20 Musikformationen mit Aufmerksamkeit zu überschwemmen.

Die einen essen Weißwürste, die anderen radeln gleich weiter.

Elf Uhr in Bierdorf, Kapelle Unsere liebe Frau, Startpunkt der West-Route. Davor ein paar Bierbänke, auf denen schon einige Besucher Weißwürste zuzeln, während immer mehr Radler und Fußgänger herbeiströmen. Auch Dießens Bürgermeister Herbert Kirsch sitzt da, noch etwas mitgenommen vom gestrigen ‚Löwenmarsch‘ mit Prinz Ludwig. Nach dem Konzert muss er weiter – zum Dettenhofener Flohmarkt, da hat Kirsch seinen eigenen Stand. Eine Radlerin wird sich ganz der Westroute widmen, die mit Blues, Soul, Jazz auftrumpft: „Ich mag heute solche Musik hören. Klassik muss nicht sein.“ Andere ‚surfen‘ zwischen den vier Touren rund um den See, suchen sich aus, was sie an ihre Ohren lassen. Oder an ihre Augen, denn die meisten der oft sehenswürdigen Kapellen öffnen sich nur selten zur Begutachtung.

Die Gruaber Buam beim Aufwärmen in Bierdorf

An der Kapellenmauer in Bierdorf sitzen schon die Gruaber-Buam, Hannes und Flori mit ihrem Onkel Hardi Schmid, und stimmen die Instrumente: Posaune, Gitarre und Ziach. Zu denen sie auch singen, Gstanzl und „frische Stückl“. Die Kapelle von 1607 mit dem laut Programmheft „ersten Zwiebelturm Oberbayerns“ fasst gerade mal 50 Personen – und gehört damit schon zu den größeren. Die wohl Größte ist die Kapelle in St. Ottilien, bei der die Nordroute endet. Und auch eine der kleinsten Kapellen ist auf dieser Route zu entdecken: die Hofkapelle Wangerbaur in Painhofen – mit gerade mal zehn Plätzen. Und weil sie so klein ist, werden die Gruaber Buam am Nachmittag vor ihr musizieren – bei schönstem Sonnenschein.

Die Besitzer der Kapellen zu finden, sei nicht immer einfach, erzählt Mitinitiator Hans-Joachim Scholz von Kultur am Ammersee. Wobei die Kommunikation mit den Kapellenbesitzern Projektleiter Rudolf Wastl-Mayrhofer übernommen habe. So gehört die Kapelle in Bierdorf den sechs Bierdorfer Bauern. „Auch die Kapelle in Aidenried ist im Besitz von mehreren Höfen“, sagt er. Was aber nicht bedeute, dass die Besitzer auch anwesend sind und die Kapelle herrichten. Dafür habe man heuer 18 Helfer, „wir nennen sie Kümmerer“, die die Kapellen aufschließen, etwas zu ihrer Geschichte erzählen. Und auch hie und da die Gäste verköstigen. Dafür werden Spenden zum Erhalt der Kapelle gesammelt. „Bei mancher Kapelle kommen da bis zu 300 Euro zusammen“, weiß Scholz.

Andrang in der Schondorfer St. Jakob-Kapelle

Wem der Sinn nicht nach Gstanzl oder Jazz, sondern nach Klassik steht, startet mit der Nordroute. Und tut gut daran, schon lange vor Beginn in Schondorf beim Pilgerkircherl St. Jakob zu sein. Die Massen drängen sich, kein Stehplatz ist mehr zu haben. Denn hier spielen „Saitenwind“: Fany Kammerlander, Cellistin unter anderem bei Deep Purple oder bei den Kreiskulturtagen an Konstantin Weckers Seite zu hören. Dem nicht genug: Mit ihr musiziert Christian Loferer, Hornsolist der Bayerischen Staatsoper, ebenfalls klassik-aushausig mit Wecker oder den Banana Fishbones unterwegs. Im Programm ist eine Uraufführung, bei der Loferer seine Kunst am Alphorn mit einer Eigenkomposition zeigt: der Jakobs-Ruf, samt einkomponiertem „falschen Ton“, wie er erklärt. Er habe für das Stück die Ziffern der 1149, das Jahr der Grundsteinlegung von St. Jakob, den Naturtönen des Alphorns zugeordnet und ein Motiv erschaffen, das moduliert das Stück gestaltet.

Weil so viele die beiden Musiker hören wollen, wird die Musik nach außen übertragen. Zur Freude der Gäste, die sich vor der Kirche auf dem Boden, auf Bierbänken oder im benachbarten Café niedergelassen haben. Auf einer Bank mit Seeblick, ein bisschen entfernt, sitzt eine Teilnehmerin, die mit dem Landsberger ADFC unterwegs ist – der heuer die Nordroute begleitet. Bei der er einen Event auslassen muss. „Sonst schafft man das nicht“, sagt die Radlerin. Die Konzerte finden im Einstunden-Rhythmus statt. Den Weg von einer zur nächsten Kapelle schafft man zwar spielend. Aber schließlich muss man ja auch mal was essen.

Der Kapellentag war auch heuer der Auftakt zur AMMERSEErenade – die jedoch trotz Jubiläum mit Musik im Dialog, Liberation Concert und einer Matinée im Münchener Künstlerhaus deutlich magerer ausfällt als sonst. „wir müssen uns personell neu aufstellen“, informiert Scholz, ohne ins Detail zu gehen. Aber im nächsten Jahr sei wieder volles Programm. Versprochen.

Susanne Greiner

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