Morgen Abend im Stadtrat

Darf der Karl-Schrem-Bau abgerissen und neu gebaut werden?

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So könnte das neue Gebäude des Karl-Schrem-Baus aussehen.

Landsberg – „Die letzten Jahre ist man davon ausgegangen, dass der Karl-Schrem-Bau erhalten werden kann“, schreibt der Vorsitzende der SPD-Fraktion des Stadtrats, Dieter Völkel, in einer E-Mail an Oberbürgermeister Mathias Neuner. Daher möchte er die Entwicklung, die auf einen Neubau hinaus­läuft, am morgigen Mittwoch im Stadtrat „lückenlos und nachvollziehbar“ dargestellt bekommen, einschließlich der Gutachten „in chronologischer Reihenfolge“. Das klingt so, als sei die SPD einem Wortbruch auf der Spur. Ist sie aber nicht.

Mit enormen Problemen behaftet: der alte Karl-Schrem-Bau.

Glaube und Realität gehen an dieser Stelle ein großes Stück auseinander. Bereits ein Blick in den Bebauungsplan „2150 Am Papierbach“ schafft Klarheit. Dort ist festgelegt, dass das –nicht denkmalgeschützte – Gebäude lediglich „in seiner Kubatur“ zu erhalten ist. Maßgeblich dafür ist, dass es aufgrund seiner Höhe von 20 Metern ein städte­baulich dominantes Element darstellt. Diese Höhe sahen die Planer zugleich als Bezugsgröße für alle anderen Bauten im Areal.

Legt eine Kommune im Bebauungsplan fest, dass ein Gebäude „in seiner Kubatur“ zu erhalten ist, hält sie dem späteren Bauantragsteller alle Optionen offen. Er kann die Außenhaut erhalten und nur das Gebäude­innere neu aufbauen, er kann aber auch einen Neubau mit gleichen Maßen errichten. Das bekräftigt die Stadtverwaltung in ihrer Sitzungsvorlage für den heutigen Abend. Sie schreibt, dass ein „Ersatzbau“ ohne Änderung des Bebauungsplans möglich ist. Grund- und Geschossfläche sowie Höhe müssten dabei allerdings identisch sein.

Nicht identisch sein müssen Optik und Gliederung der Fassade. Das war schon im Oktober 2016 klar. Damals hatten die Architekten Aldinger (Stuttgart) und Kopperroth (Berlin) im Rahmen des Wettbewerbs zu Baufeld B2, für das inzwischen der Spatenstich erfolgt ist, eine Skizze des „neuen“ Schrem-Baus mit­geliefert.

Die Ostfassade des Gebäudes solle sich zum Neubau (B2) und zum Lech hin öffnen, schlugen sie damals vor: „Das Erdgeschoss kann als offenes, helles Gewerbegeschoss (zum Beispiel als Showroom) mit geschosshohen Verglasungen genutzt werden. In den Obergeschossen werden circa zwei Meter tiefe Loggien und Wintergärten integriert und ermöglichen damit individuell nutzbare Wohn- und Arbeitsräume.“ Die Jury, in der auch Stadträte mitwirkten, hatte diese Veränderungen begrüßt – die Architekten schafften es „in hervorragender Weise“, die bisherige Gestaltung des Industriekomplexes „sensibel aufzugreifen sowie ideenreich und nachhaltig fortzuschreiben“.

Der Bebauungsplan ermöglicht also einen Neubau mit gleichen Maßen. Und eine Veränderung der Fassade und Optik ist nicht nur möglich, sondern war immer schon geplant. Dass der Schrem-Bau unter allen Umständen zu erhalten ist, könnte allerdings aus den städtebaulichen Verträgen resultieren, die die Stadt Landsberg mit ehret + klein geschlossen hat.

Dort ist zwar geregelt, dass Wettbewerbsergebnisse prinzipiell realisiert werden müssen. Aber zum Schrem-Bau gab es erstens keinen Wettbewerb. Und zweitens äußerten sich die Architekten zur Bestandssanierung gar nicht. Die Verträge sprechen eher dafür, dass das Entkernen des Schrem-Baus zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses noch ungewiss war. Aufgabe der Planung sei unter anderem, den Erhalt des Karl-Schrem-Baus „zu untersuchen“, heißt es dort.

Ein Wiederaufbau

Sind Stadtrat und Verwaltung also wirklich „die letzten Jahre ... davon ausgegangen, dass der Karl-Schrem-Bau erhalten werden kann“? Bebauungsplan, städtebaulicher Vertrag und die Ausführungen der Architekten im Oktober 2016 sprechen eine andere Sprache. Im Kern hat man weder das Innenleben noch die Fassade des Gebäudes bewahrt, sondern nur dessen Kubatur. Wenn ehret + klein nun anbietet, einen „neuen“ Karl-Schrem-Bau zu errichten, der nicht nur seine Maße, sondern auch seinen Charakter widerspiegelt, wird das Soll sogar übererfüllt.

Ehret + klein hatte den Stadtrat im September informiert, bei einer Sanierung im Bestand gebe es „enorme Probleme“ bei Einhaltung der Energieeinspar-­Verordnung und des Schallschutzes. Auch seien beim Wärmeschutz „Befreiungen von den gültigen Vorschriften“ erforderlich. Der im städtebaulichen Vertrag vorgesehene energetische Standard „KfW55“ wäre nicht herstellbar. Zudem könne man keinen Nachweis des Brandschutzes der bestehenden Konstruktion erbringen.

Bei den nun vorliegenden, weiterführenden Detail-Unter­suchungen des Bestandes habe sich darüber hinaus herausgestellt, dass eine starke Belastung der bestehenden tragen­den Bauteile vorhanden sei, unter anderem Verunreinigungen durch Öle und Benzine in den Betonböden bis hin zur Bewehrung, welche durch Abfräsen beseitigt werden müssen. „Da Verunreinigungen bis in die Tragstruktur vorhanden sind und darüber hinaus eine fortgeschrittene Carbonatisierung und Bewehrungskorrosion der Außenstützen festgestellt wurde, hat die Schadstoffsanierung Folgen für die Statik respektive Standsicherheit des Gebäudes.“

Ende mit Schrecken

Das Fazit: Mit seinem Plädoyer, den Karl-Schrem-Bau nun doch abzureißen und in alter Anmutung, aber technisch modernisiert auf eigene Kosten neu aufzubauen, bewegt sich ehret + klein wohl in die einzig mögliche Richtung: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Werner Lauff

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