Der, der mit den Bäumen spricht

Der Eresinger Karl Witti hat den Kunstpreis des Landkreises erhalten

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Der in Eresing lebende Maler Karl Witti, Träger des Kunstpreises 2018.

Landkreis – Kiefernskizzen in dunklem Grün, ein orange dräuender Himmel. Die Szene birgt Drohendes, zugleich auch Ruhe. Daneben Worte: „Ich fliehe, schlaft ihr nur weiter, ungerührt vom eisigen Wind, der eure Kronen zerzaust.“ Wer da mit den Bäumen spricht, ist Karl Witti, Träger des Kunstpreises 2018 des Landkreises Landsberg. Seinen Werken immanent sind Widerspruchsgeist, Sinnsuche, Utopie. Feine Zeichnungen neben farbintensiven Zukunftsvisionen, die immer auch die Vergangenheit in sich bergen. Wittis Werk ist sehr beredt. Witti selber scheint eher schüchtern. Und sehr geerdet.

„Wir wollen etwas tun, um die künstlerische Szene in den Mittelpunkt zu stellen“, bekräftigt Landrat Thomas Eichinger beim Festakt zur Preisverleihung im Landratsamt. Das hat sich zu diesem Anlass festlich geschmückt: weiß-goldene Fahnen mit Aussage: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, Paul Klee. Zum Beispiel Werte der Gesellschaft, die sich im Moment stark im Wandel befänden, betont Eichinger. „Und das der Kunst immanente Hinterfragen ist wichtig.“ Der Kunstpreis des Landkreises, initiiert von Annunciata Foresti, wird heuer bereits zum dritten Mal verliehen und ist mit 4.000 Euro dotiert.

Der 70-jährige Witti wurde in Miesbach geboren, lebt und arbeitet in Eresing. Viele seiner Naturstudien sind im Pflaumendorfer Moos entstanden. Darin zeigt er eine Natur, die gut ohne den Menschen auskommt. So in „Wiederkehr der Wälder“: Industrieruinen, Autobahnen, überwucherter Raum, von der Natur erobert. Witti hat „die gedankliche Möglichkeit, verschiedenen Zeiten an einem Ort vorzustellen“, formuliert sein Freund und Kunsthistoriker Christian Burchard in der Laudatio. Ureinwohner vergessener Welten, schlittschuhlaufend in Versailles; oder Rom, unter einem Berg von Asche begraben. Jedem Jetzt, so scheint es, wohnen Erinnerungen an die Vergangenheit und Möglichkeiten der Zukunft inne. Wittis Arbeiten haben eine ganz eigene Formsprache. Sind kein Selbstzweck, sondern verfolgen eine Absicht, suchen Sinn, stellen Fragen. Ob der Mensch bleibt? „Einen Hoffnungsschimmer habe ich noch“, schmunzelt der Künstler.

So unterschiedlich wie sein Werk ist auch sein Leben: Witti studierte in München Bildhauerei. Vier Jahre lang schnupperte er als Zeichenlehrer in Oberammergau in die Beamtenlaufbahn. Seit 1982 ist er freier Künstler. Er arbeitete fürs Fernsehen und fürs Theater. Leitete seit 1990 drei Mal die Bühnenmalerei der Passionsfestspiele Oberammergau. 2020 wird es das nicht mehr machen. Die überdimensionalen Bühnenbilder seien anstrengend: „Man steht, kriecht, krabbelt und robbt.“ Der Mensch Witti scheint gerne zu lachen, hört aufmerksam zu, ist zurückhaltend, eher leise. Seine Dankesrede, auf die langanhaltender Applaus folgt, ist wohl eine der Kürzesten. Aber Witti scheint fest in sich zu ruhen. Ein Vertrauen, zu dem vielleicht auch seine Frau beiträgt. Die hat für den Festakt ein farbenprächtiges Blumenkunstwerk gezaubert. Wofür er dankt, lächelnd: „Mein Blumenmädchen“.

Die Preisträger zuvor waren ebenfalls Männer: 2016 Ernst Heckelmann, letztes Jahr wurde Bert Praxenthaler geehrt. Zeit, dass 2019 eine Frau den Preis erobert.

ks

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