Analoges Notfallkonzept

Kein Internetzugang? In Landsberg könnten Schulboten helfen

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Gähnende Leere herrschte in den Ferien. Seit heute sind die Klassenzimmer wieder voll, Homeschooling ist beendet – hoffentlich. Wenn nicht, gibt es Notfallpläne.

Landsberg – Die Sommerferien sind vorbei. Für die Schüler in Bayern heißt es seit heute wieder: Schulbank drücken. Zwar zunächst mit Maske, aber im Präsenzunterricht. Ob das so bleibt, weiß derzeit noch niemand. Die steigenden Fallzahlen geben Anlass zur Sorge. Deshalb ist es wichtig, Notfallpläne und -konzepte in der Tasche zu haben. Auch, um die Erreichbarkeit der Schüler, die bisher nicht immer optimal war, zu verbessern. Ein interessantes Konzept: Für die Mittelschule Landsberg stehen im Falle des nächsten Lockdowns Boten in den Startlöchern.

Es ist quasi das Gegenteil von digital: Boten – „echte“ Menschen, die am Montagmorgen Aufgaben an die Schüler verteilen und die erledigten Aufgaben am Freitag wieder in die Schule und damit zu den Lehrern bringen. Ganz persönlich und ohne Virtualität. Einen solchen Service möchte die Mittelschule Landsberg jetzt nutzen, sollte es zu einem neuen Lockdown kommen.Die Idee zu dieser Maßnahme, auf die übrigens auch andere Schulen zurückgreifen können, kam von der Frank Hirschvogel Stiftung, deren Motivation als „Bildungsförderer“ es ist, Schüler und junge Erwachsene bei Lernthemen zu unterstützen.

Dass Lernen und Lehren in dieser wackeligen Pandemiezeit gut organisiert und geplant sein müssen, ist mittlerweile jedem klar und viele Schulen haben zum Ende der Sommerferien kreative Ideen entwickelt – die Fehler oder Missstände der vergangenen Zeit nochmals reduzieren sollen. „Wir haben verschiedenste Konzepte ausgearbeitet, für jedes Szenario, das eintreten kann. Damit wir in der nächsten Krise gar nicht erst ins Schwimmen kommen“, sagt Anja Schweikert, Kommissarische Schulleiterin der Mittelschule Landsberg. Die Umsetzung des Homeschooling sei bisher gut gelaufen. Alle Lehrer seien sehr engagiert, hätten Wochenpläne oder sogar Erklärfilme erstellt, diese per E-Mail oder über andere Plattformen wie Padlet, mebis oder sogar Youtube-Links ihren Schülern zukommen lassen. Aber: „Wir haben gemerkt, dass viele Haushalte gar keine Internetverbindung haben“, sagt Schweikert.

Kein Internetzugang

Da würden dann auch die Endgeräte nicht helfen, mit denen die Kinder – unter anderem dank des Digitalpaktes, dem Sonderbudget zum digitalen Lernen – mittlerweile alle ausgestattet sind. „Bei uns haben alle Kinder einen Computer,“ sagt Schweikert. Allerdings entstammen diese nicht den Zusatzmitteln des Digitalpaktes, sondern einer Spende der VR-Bank Landsberg-Ammersee. Aber auch andere Unternehmen und Privatpersonen hätten große Hilfsbereitschaft gezeigt und Computer, Monitore sowie Zubehör zur Verfügung gestellt. Flüchtlingskindern bekamen die Geräte zum Teil persönlich von den Lehrern vorbeigebracht. Aber was bringt ein Notebook oder ein Tablet, wenn man nicht ins Internet kommt?“, fragt sich auch Stephanie Wolter, Stiftungsmanagerin bei der Frank Hirschvogel Stiftung, die die „Boten-Idee“ mit entwickelt hat.

„Bildungsgerechtigkeit auch in Coronazeiten“, dafür plädiert die Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen, Katharina Schulze in ihrem Maßnahmenpaket für den bayerischen Schulstart. Und auch nach einer Regelung des Bayerischen Kultusministeriums, wie und wann man überhaupt eine Lernplattform nutzen kann, müsse sichergestellt sein, dass Schülern ohne häuslichen Internetanschluss kein Nachteil erwachse. Aber gerade Schüler der Mittelschulen würden beim Thema Bildungsgleichheit oft ins Hintertreffen geraten, so Schweikert. Sie seien verstärkt bildungsbenachteiligt und „sozialökonomisch einfach die Schwächeren“. Und hier stoße man trotz aller Bemühungen häufig an Grenzen. „Viele Kinder, sicherlich manchmal ein Viertel der Klasse, haben wir einfach nicht erreicht,“ sagt sie. Manche Lehrer hätten mit ihren Schülern telefoniert, ihnen sogar Aufgaben in den Briefkasten geschmissen. Erledigt wurden sie trotzdem nicht. Denn es gebe auch andere Hindernisse, etwa Sprachbarrieren und eine fehlende Struktur im Alltag der Kinder.

Zudem wisse man aus Untersuchungen, dass sich ein Kind höchstens zwanzig Minuten vor einem Bildschirm auf den Online-Unterricht konzentrieren könne. Viele Schüler bräuchten die Routine und die Beziehung zu Lehrern und Klassenkameraden, um klarzukommen. „Wir überlegen daher, die bereits zuvor ins Leben gerufene Not­betreuung weiter auszubauen, damit solche Problemkinder nicht durchrutschen“, sagt Schweikert.

Nun hofft sie, dass die Zahlen nicht weiter hochgehen und ein erneuter Lockdown nicht mehr kommt. „Aber wenn, sind wir gewappnet“: Zusätzliche Förderangebote am Nachmittag, nachträgliches Aufarbeiten von Lerninhalten, ­Notfallbetreuung – oder eben der Einsatz von persönlichen ­Boten. Ob das ehrenamtliche Personen sind oder ob man öffentliche Kurierdienste engagiere, sei dabei zunächst nebensächlich, meint Stiftungsmanagerin Wolter. „Hauptsache, wirklich alle Kinder sind mit Aufgaben versorgt“. In digitalen Zeiten analog handeln: Das bedeutet nicht Rückschritt, sondern kann auch ein neuer Weg in Richtung Bildungsgleichheit sein.
Andrea Schmelzle

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