Landestheater Schwaben in Landsberg

Kein Paradies auf Erden: „In der Dämmerung“ im Stadttheater Landsberg

Robyn und Helen in in der Dämmerung
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Robyn (Regina Vogel, links) und Helen (Anke Fonferek) in „In der Dämmerung“.

Landsberg – Wer vor der Aufführung von „In der Dämmerung“ das Programmheft gelesen hat, sieht das Stück mit anderen Augen. Er hat sich um den „Sixth-Sense-Effekt“ gebracht: das Erkennen, das eine der auftretenden Figuren nicht mehr lebt. Allerdings macht das den Weg frei, um sich ganz auf die Essenz des Stückes zu konzentrieren: Die Darstellung des fast Unmöglichen, den Verlust eines Menschen in seiner vollen Bedeutung zu akzeptieren – den Weg der erfolgreichen Trauer. „In der Dämmerung“ in der Inszenierung des Landestheaters Schwaben zeigt, wie schmerzhaft dieser Weg ist: mit Gefühl, ohne Sentimentalität, mit Humor und mit zwei hervorragenden Schauspielerinnen.

Das Paradies auf Erden ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Ob es das Paradies gibt und wenn ja, was es ist, verschließt sich dem Leben. Ob nun der Ort des immerwährenden Glücks oder himmlischer Seelenort: Das Paradies ist nicht ‚lebens-real‘. Und wenn den Zuschauer eine dunkle Bühne begrüßt, auf der im Hintergrund das Wort „Paradise“ leuchtet, sollte er misstrauisch werden. Vor allem, wenn dazu Glucks Orpheus‘-Arie „J‘ai perdu mon Eurydice“ erklingt und am Bühnenrand eine Figur im Dunkeln stoisch wartet. Bis die Musik endet und der Tag beginnt.

Robyns (Regina Vogel) Augen sind nass. Wasser und Wimperntusche rinnen an den Wangen herunter, Tränen – oder Wasser? Denn sie ist gekentert, zusammen mit ihrer Freundin Helen (Anke Fonferek), und auf einer verlassenen Insel gelandet. „Geht es uns gut?“, fragt Robyn, und Helen kommt auf die Bühne, ekstatisch glühend vor Überlebensenergie.

Während ihres Dialogs berühren sich die beiden Frauen nicht. Gegenstände müssen eine Spanne Nichts überwinden, eine Umarmung geschieht im Abstand von zwei Metern. Als das Stück ins Repertoire der Memminger aufgenommen wurde, galten zwar noch strenge Kontaktbeschränkungen. Aber die Kontaktarmut der beiden soll nicht Ansteckung vermeiden. Vielmehr verdeutlicht Regisseurin Ingrid Gündisch so die zwei Zustände – Realität und Wunschvorstellung – , in denen sich der Dialog abspielt.

„Gibt es ein paralleles Ich, hat sich da irgendwas geteilt? Wir?“ fragt sich Robyn beim Anblick einer Motte. Die Motte, die sowohl in der Halluzination als auch in der Realität auftaucht, fungiert als Brücke und zerrt Robyn in die Wirklichkeit zurück: zu dem Moment, in dem sie das Tier auf der Fensterbank in ihrer Küche sieht. Der Moment, in dem Robyns Mutter den Anruf aus dem Krankenhaus erhält und zu ihr sagt: „Sie hat es nicht geschafft“.

Helen ist bei dem Unfall gestorben. Robyn kann ihren Tod nicht akzeptieren und wünscht sich – Autorin Zinnie Harris zieht selbst die Parallele zu Orpheus und Eurydike – die Tote zurück, und sei es nur für einen Tag. Robyns Wunsch geht in Erfüllung. Aber eben nur in ihrem Kopf. Deshalb ist die Bühne (Franziska Isensee) komplett leer – weil es nicht ‚in der Welt‘ ist; deshalb tragen die beiden Partnerlook in weiß-grün – weil es eigentlich ein und dieselbe Person ist.

Erst, als Robyn den Tod ihrer Freundin akzeptiert – „Alles, was unser war, ist meins geworden“ –, als sie sich die Bilder des Unfalls und Helens starke Verletzungen vor Augen ruft und der halluzinierten Figur Helen „Du liegst in einem Grab“ ins Gesicht sagt, schiebt sich die Realität wieder in den Vordergrund. „Was immer kommt, könnte schon passiert sein“, sagt Robyn. Denn durch die Akzeptanz von Helens Tod stirbt Helen ein zweites Mal.

Die 49-jährige Britin Harris hat in einem Hospiz gearbeitet. Dass sie den Prozess des Trauerns kennt, merkt man ihrem Stück, dessen Konstruktion und den Dialogen an. Sie zeigt eine Traumwelt: „Der seltsame Ort, der Trauer heißt, und da gelten keine Regeln.“ Harris schildert, wie inakzeptabel, aber menschlich der Verlust eines Menschen ist: „Ungeheuerlich“ lässt sie Robyn sagen. Vogel und Fonferek spielen dieses Ungeheuerliche ruhig, fast still. Und kommen so dem Gefühl Trauer unglaublich nah.

Am Ende des Tages sitzen Helen und Robyn in der Dämmerung, vor ihnen Feuerholz. Robyn fragt „Wird es besser werden?“ „Ich weiß es nicht“, antwortet Helen. „Mach Feuer, der Tag ist fast vorbei.“ Und morgen beginnt ein Neuer.
ks

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