Keine Feier für Walleshausen

Heimatforscher Franz Welz mit seinem selbst gebauten, naturgetreu nachgebauten Modell der Walleshausener Fluchtburg. Foto: Osman

Zu gern hätte Walleshausen in diesem Jahr gefeiert. Jahrzehntelang war man davon ausgegangen, heuer das 1100-jährige Ortsjubiläum begehen zu können. Laut dem Kreisheimatbuch von 1966 soll das Dorf 912 erstmals urkundlich erwähnt worden sein – eine Behauptung, die sich jedoch durch historische Quellen nicht ausreichend belegen lässt, wie sich herausstellte. Franz Welz, Betreiber des Walleshauser Heimatmuseums, reagierte auf seine Weise: Er ließ ein Stück Geschichte lebendig werden, das sogar noch älter ist als 1100 Jahre

. Das Kreisheimatbuch geht zurück auf Bernhard Müller-Hahl, über ein Viertel Jahrhundert lang erfolgreicher und höchst populärer Landrat, der sich neben seinen Amtsgeschäften mit Begeisterung der Kunst und Heimatforschung widmete. Doch Müller-Hahl war Politiker, nicht Historiker. „Niemand weiß, wo der Landrat das Jahr 912 hergenommen hat“, sagt Welz. Tatsächlich lässt sich die erste urkundliche Erwähnung Walleshausens lediglich auf den Zeitraum zwischen 907 und 937 eingrenzen. Hier willkürlich ein Jahr herauszupicken und zum Jubiläumsjahr zu erklären, schien den Verantwortlichen im Ort zu gewagt. „Es ist im Namen dieser angeblich ersten urkundlichen Erwähnung in den letzten 50 Jahren alles Mögliche veranstaltet worden“, erinnert sich Welz. 1962 feierte man eine 1050-Jahr-Feier, aus deren Anlass ein gewaltiger Findlingsblock mit Gedenktafel in Walleshausen aufgestellt wurde. 1982 folgte eine 1070-Jahr-Feier in der Paartalhalle. Bei aller Enttäuschung über das geplatzte 1100-jährige Ortsjubiläum findet Welz jedoch Trost in der Tatsache, dass erste Siedlungsspuren in der Gegend weitaus älter sind. „Wir sollten uns freuen, dass die Steinzeitsiedlung Walleshausen-Unfrieds­hausen-Pestenacker zum Welt-kulturerbe erklärt wurde.“ Fluchtburg-Nachbau Welz zeigt in seinem privaten Heimatmuseum nicht nur Exponate aus dem bäuerlichen Leben vergangener Jahrhunderte, sondern auch Fundstücke aus vor- und frühge-schichtlicher Zeit. Nun hat er die Ausstellung um ein weiteres Stück erweitert: Der 65-Jährige hat eine mittelalterliche Fluchtburg im Maßstab 1:100 naturgetreu nachgebaut. „Diese Burg stand vor 1100 Jahren mit Sicherheit schon hier, möglicherweise sogar schon seit 880.“ In dieser Zeit begann man mit der Errichtung von Fliehburgen zum Schutz vor den einfallenden Ungarn. Das Original von Welz´ Modell stand aller Wahrscheinlichkeit nach auf einer Bergkuppe ganz in der Nähe des heutigen Heimatmuseums, dem Burgselberg. „Es müssen damals ungeheure Erdbewegungen und Aufschüttungen stattgefunden haben“, vermutet Franz Welz. Sämtliche Details entnahm er den Vermessungsunterlagen der Nachkriegszeit, als der Wald in dieser Gegend abgeholzt wurde. Eine Beschreibung der Burg findet sich außerdem in den Landsberger Geschichtsblättern von 1954, die ein Kapitel über „Die versunkene Veste im Paartal“ enthalten. „Das muss eine tolle Anlage gewesen sein“, so der Heimatforscher bewundernd. Wochenlang hat Welz an seinem Modell geschnitzt und gefeilt. Allein für die Umfriedung schnitt er 550 Pfeiler zu, gestaltete zwei Wehrtürme und einen dreigeschossigen Wohntrakt. „Der erste Stock war den Frauen und Kindern vorbehalten, der zweite den Männern und der dritte war das Verteidigungsdeck.“ In der unteren Etage seien lediglich Vorräte aufbewahrt worden. Das ganze Bauwerk thronte auf einem steilen Abhang, verfügte jedoch auf der Rückseite über einen zusätzlichen Ausgang, der auf einen versteckten Fluchtweg mündete. „Das ganze war eine Fieselarbeit“, erzählt Welz, zumal er viel Liebe ins Detail investiert hat. Für den Burghof gestaltete er einen Brunnen, komplett mit Überdachung, Kurbel und Walze, der ebenfalls in den alten Vermessungsunterlagen vermerkt ist. Den Eingang des Wohntraktes sicherte er mit einer Zugbrücke. „Die ist allerdings Fantasie“, gibt Welz zu. Zu besichtigen ist das Modell in der Heimatstube Walleshausen. Öffnungszeiten nach Vereinbarung, Telefon 08195/629 oder 8331. Ulrike Osman

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Jetzt kostet auch Bio-Müll
Jetzt kostet auch Bio-Müll
Ex-Rechtsanwalt steht mit einem Bein im Gefängnis
Ex-Rechtsanwalt steht mit einem Bein im Gefängnis
Töpfermarkt am Limit
Töpfermarkt am Limit

Kommentare