Der Kick des Verbotenen

Tagsüber ein Spaß für Groß und Klein, nachts eine Gefahr für Leib und Leben: Die „Freefall-Rutsche“ im Inselbad. Foto: Peters

Sie tragen Namen wie „Kamikaze“, „X-Treme Faser“ oder „Thriller“. Mit immer irrwitzigeren und aufwendigeren Wasserrutschen versuchen Erlebnisbäder wie die Therme Erding oder das Alpamare in Bad Tölz für Nervenkitzel bei ihren Gästen zu sorgen. Da wirkt die „Freefall-Rutsche“ im Inselbad vergleichsweise harmlos – zumindest bei Tag. In der Nacht dagegen, wenn das Bad geschlossen ist, hätte sich die Landsberger Attraktion mittlerweile mehr als alle Konkurrenzprodukte eine furchteinflößende Bezeichnung ver­- dient, denn dann wird die grüne Kunststoffbahn zur lebensgefährlichen Falle. Erst jüngst landeten wieder zwei junge Erwachsene, die in der Nacht illegal in das Bad eingestiegen waren, nach Benutzung der ausgeschalteten Rutschanlage mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus.

Wenn Bademeister Jürgen Aicher am Morgen bei Dienstantritt sein kleines Büro im Inselbad betritt, wirft er als erstes einen sorgenvollen Blick auf eine kleine, unscheinbare, rote Lampe. Ist sie an, bedeutet das meist nichts Gutes. Denn ihr Leuchten dient als Zeichen dafür, dass die Videoüberwachungsanlage etwas aufgezeichnet hat. Wie in der Nacht auf Montag voriger Woche. Aicher sitzt vor einem Monitor und lässt die Bilder ablaufen, die die Kamera aufgenommen hat. Erst ist der Schirm schwarz, nur undeutlich ist die hohe Freefall-Rutsche zu erkennen. Doch dann geht ein Flutlicht an und erhellt die Szenerie. Deutlich sind zwei junge Männer und eine junge Frau zu erkennen, die vom Sprungturm ins Wasser springen. Noch sieht alles nach einem harmlosen Badespaß aus, doch das ändert sich bald. Die beiden jungen Männer erklimmen plötzlich die über zehn Meter hohe Rutsche. Nach einer kurzen Diskussion stürzt sich der erste in die Kunststoffbahn, die auf den ersten Metern fast senkrecht hinab führt. Was die illegalen Eindringlinge nicht beachten: Die Rutsche führt kein Wasser, nur ein leichter Film bedeckt den Kanal, im Auslauf stehen einige kleine Pfützen. Optimale Voraussetzungen für hohe Geschwindigkeiten, erklärt Aicher. „Normal führt die Rutsche viel Wasser, was bremsend wirkt.“ So rast der junge Mann mit über 80 Stundenkilometern die steile Rutsche hinunter und verliert auch nicht an Tempo, als er das Auslaufbecken erreicht. Dort, wo bei Tag eine Gegenstromanlage die Rutschenden sicher bremst, rast er mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Mit voller Wucht kracht er schließlich mit den Füßen in die Wand am Ende des Beckens. Von 80 auf 0 binnen eines Augenblicks: Die Kräfte, die dabei entstehen, sind fürchterlich und lassen die Fersenbeine des Mannes bersten. Der Verunglückte bleibt im ersten Schock regungslos sitzen. Dabei habe er noch Glück gehabt, sagt Aicher: „Wäre er mit dem Kopf voraus gerutscht, wäre er wohl tot.“ Sein Freund scheint vom Malheur nichts mitbekommen zu haben, denn auch er stürzt sich die Rutsche hinunter und wird erst von der Wand und dem dort sitzenden Verletzten gestoppt. Erst nach einer Weile rappelt sich der Erste auf und humpelt in Richtung Springerbecken. Die junge Frau, die das Unglück mitangesehen hat, alarmiert schließlich die Polizei, die wenig später in Begleitung von Rettungssanitätern auf dem Gelände erscheint. Die Einsatzkräfte stellen später einen nicht unerheblichen Alkohol-Wert bei den 23 und 24 Jahre alten Verunglückten von 2 beziehungsweise 1,6 Promille fest. Hohe Dunkelziffer Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art, der die Rutsche im Inselbad in die Schlagzeilen bringt. Schon im vergangenen August hatte sich ein 16-Jähriger bei einer nächtlichen Rutschaktion schwer verletzt. Die Dunkelziffer soll noch weit höher liegen (siehe untenstehenden Artikel). Damals reagierten die Stadtwerke als Betreiber und kündigten an, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Zu Beginn dieser Badesaison wurde ein Flutlichtstrahler mit Bewegungsmelder angebracht. Am Zugang zur Treppe warnt ein Schild mit zwei Totenköpfen und der Aufschrift „Betreten verboten. Lebensgefahr!“. Zudem ertönt beim unbefugten Betreten der Anlage eine Alarmsirene. „Was sollen wir denn noch tun?“, fragt Stadtwerke-Vorstand Norbert Köhler verzweifelt angesichts der neuerlichen Unfälle. „Rein rechtlich haben wir alles Nötige getan, aber natürlich gibt es da auch einen moralischen Aspekt. Keiner will schließlich solche Unfälle in seinem Bad haben.“ Also überlegen die Verantwortlichen derzeit erneut, wie man solche Vorfälle in Zukunft verhindern kann. Die Alternative, die Rutsche gleich ganz abzubauen, kommt für Köhler aber nicht in Frage. „Damit würden wir ja die bestrafen, die nichts dafür können.“ Stattdessen soll das Verbotsschild noch einmal überarbeitet werden, mit genaueren Gefahrenhinweisen. Auch eine Aufklärungskamapgne an den Schulen stehe im Raum, so Aicher, der dabei auch das Video zur Abschreckung einsetzen will. „Dann sehen die Jugendlichen am besten, was da passieren kann.“ Fast kastriert Dass die Gefahr beim nächtlichen Badeausflug ins Inselbad jedoch nicht erst auf der Rutsche beginnt, zeigt die Nacht vor dem jüngsten Unglück. Beim Versuch, einzusteigen, blieb ein 27-jähriger Landsberger mit dem linken Ringfinger am Zaun hängen. Er verletzte sich dabei so schwer, dass der betroffene Finger teilamputiert werden musste. Bereits einige Jahre zuvor hatte sich ein Eindringling fast selbst kastriert, als er sich seinen Hodensack an einer Zaunspitze aufriss. Gezeichnet für das ganze Leben Landsberg – Der Spaß dauerte vielleicht zwei, höchstens drei Sekunden, die Folgen wird Michael (Name geändert) wohl sein Leben lang spüren. Vor fast genau einem Jahr tat er das, was nun erneut zwei jungen Männern zum Verhängnis wurde: Der damals 16-Jährige stürzte sich nachts die „Freefall“-Rutsche im Inselbad herunter, verletzte sich schwerst. Seitdem gehören Schmerzen zu seinem Alltag. Michael ist mit seinem Schicksal nicht alleine: In einem Schreiben an den Landsberger Stadtrat, das dem KREISBOTEN vorliegt, nennt seine Mutter zehn weitere ähnlich geartete Unfälle und fordert Konsequenzen. Die Diagnose, die Michael nach dem Unfall im Krankenhaus erhält, ist niederschmetternd. Beide Fersenbeine des unteren Sprunggelenks sind zertrümmert, ein Wirbel angebrochen. „Die Füße sehen aus wie nach einem Zehn-Meter-Sprung auf Beton“, stellt der behandelnde Arzt schockiert fest. Eine Notoperation folgt, um Muskeln und Nerven in den Füßen zu entspannen. Drei Wochen lang muss der 16-Jährige täglich für zwei Stunden in eine Druckkammer, damit seine Füße abschwellen. Zwei weitere Operationen sind nötig, um die Trümmerbrüche mit je zwölf Schrauben zu richten. Erst drei Monate nach dem Unfall kann Michael den Rollstuhl verlassen. Sein Ziel, Sport-Abitur ist durch die Verletzungen passé. Während die Stadtwerke den Unfall des 16-Jährigen offiziell als viertes Unglück im Zusammenhang mit der „Freefall“-Rutsche führen, beschreibt die Mutter in ihrem Brief acht weitere Vorfälle, bei denen sich Jugendliche zum Teil schwerst verletzten, es aber noch schafften, das Bad zu verlassen, ehe sie den Rettungsdienst riefen. Von diesen Unfällen habe sie als Betroffenen durch „nächste Bekannte“ erfahren, mit drei der Jugendlichen habe sie daraufhin persönlich gesprochen. Mit ihren Erkenntnissen wendete sie sich Ende vergangenen Jahres an Stadtwerke-Vorstand Norbert Köhler, der ihr Nachbesserungen an der Rutsche in Aussicht stellt. Ihr Versuch, das Thema im Stadtrat vorzutragen, um auf die Risiken der Rutsche aufmerksam zu machen, wird dagegen von Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD) abgelehnt. Das Gremium sei dafür nicht zuständig, begründete er. Was die Mutter in ihrem Schreiben allerdings geflissentlich vergisst zu erwähnen, ist, dass sowohl ihr Sohn wie auch die meisten anderen der Verunglückten illegal in das Freibad eingestiegen waren und sich damit also an einem Ort befanden, an dem sie sich zu dieser Zeit gar nicht hätten aufhalten dürfen. „Wir können doch nicht prophylaktisch jegliches widerrechtliche Verhalten unterbinden“, sieht auch Lehmann die Schuld nicht auf der Betreiberseite, sondern bei den Jugendlichen. „Eine gewisse Eigen­verantwortlichkeit kann man schon voraussetzen.“ Auch aus diesem Grund hat Norbert Köhler gegen die jüngsten Eindringlinge erstmals Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet. „Bisher haben wir immer davon abgesehen, weil die Beteiligten durch ihre Verletzungen eigentlich schon genug gestraft sind.“ Vom härteren Vorgehen erhofft sich der Stadtwerke-Vorstand vor allem eine abschreckende Wirkung. Für Michael und die restlichen Verunglückten kommt das zu spät. Allein ihr Schicksal bleibt mahnendes Beispiel.

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