Prägend für das Dorfbild

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Blick von oben auf den eingerüsteten Pfarrhof, der sich zwischen Kirche und alter Schule (vorne links) befindet. Hinten die Lechschleife und der Kirchturm von Apfeldorf.

Kinsau – Zwischen alter Schule und Pfarrkirche St. Matthäus steht in Kinsau der Pfarrhof, der mit seinem 15 Meter hohen Giebel für das Dorfbild prägend ist. Das Gebäude, das 1739 bis 1741 entstand und ein Werk des Wessobrunner Meisters Joseph Schmuzer ist, wird zurzeit  eine Million Euro veranschlagt. Die Gemeinde, die den historischen Pfarrhof von der Kirchenstiftung erworben hat, wird ab Frühjahr 2016 die Räume im 1. Stock nutzen, wozu das Amtszimmer von Bürgermeister Marco Dollinger, ein Büro für die Sekretärin Martha Besel, das Sitzungszimmer, die Teeküche, WCs und ein Raum für kulturelle Zwecke gehören.

Im nächsten halben Jahr gibt es noch viel Arbeit für die Handwerker. Die sind selbst im August zahlreich auf der Baustelle anzutreffen. Draußen ziehen Tiefbauer einen Graben, damit die Fernwärmeleitung von der Mehrzweckhalle, wo eine Hackschnitzelheizung eingebaut ist – zum Pfarrhof verlegt werden kann. Zimmerer aus Bernbeuren haben – Bürgermeister Dollinger findet die Vorgehensweise „bemerkenswert“ – oben am Gerüst eigens ein provisorisches Vordach angebracht, damit sie geschützt vor Sonne und vor Regen verrottete Balkenköpfe erneuern. 

Zudem muss der Dachstuhl, der auf der Ostseite nach außen gedrückt hat und massive Schäden im Mauerwerk verursacht hat, statisch gesichert werden. Dies geschieht mit Querverbindungen aus Stahl, die an den gut erhaltenen Balken aufgeschraubt werden. Schließlich soll das Dach neu eingedeckt werden. 

Zu Beginn der Baumaßnahme halfen Dutzende Kinsauer mit, zentnerweise Schutt und Schmutz vom Dachboden zu entfernen; eine vergleichbare Beteiligung hätte sie noch bei keine anderen Bauprojekt festgestellt, gab Architektin Beate Joswig vom Schongauer Büro „Plan 3 Architekten“ dem Rathauschef zu verstehen. 

Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt bis zum Jahresende bei den Restauratoren. Kirchenmaler Wolfgang Reitschuster aus Egling an der Paar bildet dazu mit seinem Kollegen Bertram Streicher aus Landsberg eine Arbeitsgemeinschaft. Zeitweise werden aus diesen beiden Firmen im Herbst vier Experten gleichzeitig vor Ort sein. 

Die Schäden seien besonders im ersten Stock massiv, erklärt Restaurator Reitschuster. Sie seien eine Folge der statischen Mängel am Dach und des Wassereintrags. So muss in der Teeküche, die sich im 1. Stock zwischen künftigem Sitzungszimmer und Bürgermeisterbüro befindet, die Holzkehle geöffnet werden. Das morsche Holz muss entfernt und eine neue Lattung als Putzträger eingebracht werden. „Da wird’s sicher noch Überraschungen geben“, kann sich der Fachmann mit Blick auf die nächsten Monate gut ausmalen. 

Mit Überraschungen konfrontiert sind die Gemeinderäte, die auf der Sitzung Mitte August weiteren Nachträgen zugestimmt haben. Inzwischen ist mehr als die Hälfte der Arbeiten vergeben worden. Als nächstes folgt im September und Oktober die Beauftragung für die Restaurierung der Türen und der Außenfassade in zwei separaten Ausschreibungen. 

„Wer sich zur Restaurierung eines solchen historischen Gebäudes entschließt, der muss mit unliebsamen Überraschungen rechnen“, sagt Bürgermeister Dollinger. Und er fügt hinzu, man könne doch nicht glauben, dass bei einem 300 Jahre alten Haus alles „flutscht wie eine eins“. Der Kirchenmaler könne vor Beginn der Arbeiten nicht in die Wand reinschauen; ebenso wenig der Zimmerer in den Bereich der Dachbalken, wo vorher zugemauert war. 

Auf Erbpacht-Basis 

Der Ausbau des denkmalgeschützten Gebäudes, das seit 2013 im Besitz der Gemeinde ist, erfolgt behindertengerecht. So wird auf der Westseite südlich des Treppenhauses ein Aufzug eingezogen. Gruppen aus der Pfarrgemeinde nutzen künftig Räume im Erdgeschoss, die über einen eigenen Eingang auf der Nordseite erschlossen werden. Im Kaufvertrag ist geregelt, dass der Pfarrei das Recht auf 66 Jahre Erbpacht zusteht. 

Beim repräsentativen Eingang auf der Südseite geht es nach links in ein Besprechungszimmer. Dort werden historische Holzfenster erhalten, die noch aus der Zeit stammen, als der Pfarrhof erbaut wurde. Im Zimmer auf der rechten Seite soll ein Seniorencafe weiterbetrieben werden, das schon in den vergangenen Jahren regelmäßig dort stattfand. Der Kinsauer Pfarrhof, der bei 17 Meter Länge und Breite sowie 15 Meter Höhe stattliche Ausmaße hat, ist seit 30 Jahren nicht mehr bewohnt. Nach dem Tode von Pfarrer Feldmaier 1965 war dort noch zwei Jahrzehnte dessen Pfarrhaushälterin Frieda Semmelroth zu Hause. 

Fast 1 Millionen Euro 

Die Gemeinde Kinsau mit ihren 1000 Einwohnern muss die Hälfte der Kosten schultern, die sich nach jetzigem Stand auf 998000 Euro belaufen. Größter Zuschussgeber ist mit 300000 Euro das Landesamt für Denkmalpflege, das bei der Renovierung bis in Details wie Fensterrahmen und Steckdosen-Platzierung strenge Kriterien ansetzt. 

Wie kürzlich im KREISBOTEN berichtet, beteiligt sich auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Die gewährten 50000 Euro sind für Schreinerarbeiten an den wertvollen Fenstern verwendet, schildert Bürgermeister Marco Dollinger, der selbst eine Schreinerlehre absolviert hat, aber schon viele Jahre als Fallschirmtechniker bei der Bundeswehr arbeitet.

Johannes Jais

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