Therapie der besonderen Art

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Ein gutes Team: Kirstin Berwind und ihr achtjähriger Islandwallach Alsvinnur, mit dem sie Kinder und Erwachsene mit ganz unterschiedlichen Problemen therapiert.

Unterdießen – Freihändig sitzt der fünfjährige Timo (Name geändert) auf dem Pferd, vor sich ein Körbchen mit bunten Bällen, die er in gleichfarbige Eimer am Boden wirft. „Welche Hand kann besser treffen?“, fragt Therapeutin Kirstin Berwind, die das Pferd führt.

Dann lässt sie den Islandwallach an der Hand traben. Timo hält sich an den zwei Griffen eines Gurtes fest, der um den Pferdebauch gebunden ist. Sein Lachen gluckst durch die Reithalle. Der Höhepunkt an diesem Vormittag: Timo stellt sich auf den Rücken des stehenden Pferdes und winkt seinen Eltern zu, die von der Bande aus zuschauen.

Auf dem Pferd stehen – in seinen ersten Stunden bei Diplom-Reittherapeutin Kirstin Berwind hätte Timo sich das nie getraut, so wie etliches andere auch nicht. „Er hatte viel Angst, Schwierigkeiten im Kindergarten und Störungen der Grob- und Feinmotorik“, berichtet Berwind. Das therapeutische Reiten hat ihm unter anderem geholfen, selbstbewusster zu werden und sich mehr zuzutrauen. Ganz nebenbei lernte er Farben benennen und Buchstaben lesen und überwand seine große Schüchternheit. „Er hat am Anfang nicht mit mir geredet“, erinnert sich die Therapeutin, die auf dem Reit- und Therapiehof Lillemor in Unterdießen und einem weiteren Hof in Grafrath arbeitet.

Zu der 42-Jährigen kommen Kinder und Erwachsene mit ganz unterschiedlichen Problemen. Menschen mit Hirnschädigungen und Verhaltens-auffälligkeiten, psychischen Erkrankungen oder gestörtem Sozialverhalten – sie alle pro-fitieren von der Arbeit mit dem Pferd. „Reiten fördert den gesamten sensomotorischen Bereich, die Koordination, Wahr-nehmung und Sprachentwicklung“, so Berwind.

Für den Außenstehenden sieht es nicht so aus, als würde viel passieren, wenn die Kinder auf dem Pferd im Schritt oder Trab durch die Halle geführt werden, sich auf den Pferderücken legen oder verkehrt herum auf ihm sitzen. Doch durch die – je nach Bedarf – ruhigen oder anregenden Übungen finden hyperaktive Kinder zu mehr Konzentration, Schüchterne entwickeln größeres Selbstvertrauen, Spastiken werden gelockert. Sogar sechs Monate alte Babys kann man bereits aufs Pferd legen, um ihre Entwicklung zu fördern.

„Durch den Rhythmus des Tieres wird zum Beispiel das Gehen angeschoben“, so Kirstin Berwind. Auch Autisten, die keinen Kontakt zu Menschen aufnehmen können, finden zum Pferd oft leicht Zugang. So wertvoll die Therapie sein mag, die Krankenkassen winken meistens ab. „Sogar bei Kindern mit Down Syndrom werden inzwischen kaum noch Kosten übernommen“, bedauert Berwind. Unterstützung gibt es bei Bedarf höchstens von der Bezirksregierung oder über Stiftungen.

Ulrike Osman

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