RATIONAL-Konzert "Klassik in Werk 3":

Lebensfreude des Siegfried Meister

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Die „Symphonie Prag“ und ein spannendes Duo: der nahezu tanzende Dirigent Alois Seidlmeier und Solistin Akiko Tanaka, deren Töne Tschaikowsky strahlen ließen. Bei „Klassik in Werk 3“ bot RATIONAL den Landsbergern romantische Ohrwürmer auf höchstem Niveau.

Landsberg – Im Programmheft zum Konzert „Klassik in Werk 3“ steht ein Grußwort von Siegfried Meister. Verfasst hatte es der im Juli verstorbene RATIONAL-Gründer, als das Programm des Abends feststand – Anfang des Jahres. „Wir denken, es ist in Herrn Meisters Sinne, wenn wir auch heute die Musik genießen“, sagt Vorstandsvorsitzender Dr. Peter Stadelmann in Reminiszenz an Meister. Und der Leidenschaft Meisters angemessen gab's anstatt einer Gedenkminute Gedenkmusik: Bachs „Air“. Danach längere Stille. Dann Applaus. Und das Konzert beginnt.

Bereits zum fünften Mal hat das Unternehmen RATIONAL zum Klassikkonzert in die Montagehalle Werk 3 geladen. Auch heuer waren die 1.450 Karten innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Die Konzerte finden statt „als Dank an die Bevölkerung Landsbergs“, leitet Stadelmann ein. Deshalb auch der für einen solchen Abend sehr niedrige Eintrittspreis von 15 Euro. Und natürlich werden die 21.000 Euro reiner Kartenerlös einem guten Zweck gespendet.

Das Orchester ist wieder „Symphonie Prag“ mit Musikern aus den großen Prager Klangkörpern. Der in Landsberg geborene Alois Seidlmeier dirigiert. Seit 2015 doziert er an der Hochschule für Musik in Karlsruhe und ist heuer Dirigent des Heilbronner Sinfonie Orchesters. Künstlerischer Leiter des Abends ist Johannes Skudlik.

Auf dem Programm stehen Rossini, Tschaikowsky, Mendelssohn Bartholdy und Ravel: Werke, die etwas gemeinsam haben: Energie und Lebensfreude. Auch das eine Reminiszenz an Meister. Nach Rossinis bekannter Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ mit den dort verarbeiteten Volksweisen der schweizerischen Kuhhirten und abschließendem Galopp besticht Tschaikowskys Violinkonzert von 1878 – sein einziges. Für den Solisten schwer zu spielen – weshalb einige Geiger gerne „nein danke“ sagten, als Tschaikowsky ihnen damals die Uraufführung anbot. Als das Werk Jahre später endlich zu hören ist, schreibt der gefürchtete Kritiker Eduard Hanslick, es werde „gezaust, gerupft, gebläut“ – womit er wohl die impulsive Spielweise mit explosiv anklingenden Tönen und doppelsaitigem Spiel meint, die der Solist oft einsetzt. Vor allem der erste Satz strotzt oft vor stark angestrichenen Saiten, die einen dramatischen Ton hervorrufen. Die in Tokyo geborene Solistin Akiko Tanaka setzt hingegen vor allem in der Solokadenz auf ein leichtes, fast sanftes Spiel. Sie kitzelt die dem Konzert innewohnende Lebensfreude hervor, anstatt sie hinauszuschreien. Das ist anders. Und ungemein erfrischend.

Mendelssohn Bartholdys romantische Symphonie Nr. 4 heißt nicht umsonst die „Italienische“: Der 21-jährige Komponist legt in dieses Werk die ganze Lebenslust südlicher Lande. Ebenso wie bei Tschaikowsky ist der erste Satz der „Ohrwurm“, dessen Melodie zum Mitsingen animiert. Nicht umsonst soll ihn der Komponist in einem Brief als das „lustigste Stück, das ich jemals gemacht habe“ bezeichnet haben. Auch der dritte Satz, ein walzerschwingendes Menuett, atmet Leichtigkeit. Und beim letzten Satz, einem Rondo, spricht der Titel für sich: „Saltarello“, ein Tanz aus Italien, abgeleitet von „saltare“, hüpfen oder springen.

Meisterwerk

Von Ravel gibt es den „Bolero“: Ein Tanz, den Ravel für die Tänzerin Ida Rubinstein komponierte, die ihn leicht bekleidet und mit lasziven Bewegungen 1928 ausführte – ein Skandal. Das Stück wurde schnell populär, obwohl es nicht vor Esprit sprüht: Eine Flöte setzt zur Trommel mit der mittelalterlich anmutenden Melodie ein. Diese wird von Blasinstrument zu Blasinstrument weitergereicht; Auch eine Celesta ist zu hören, filzbezogene Hämmerchen auf Stahlplatten. Schließlich übernehmen die Streicher die Melodie. Nicht mehr als ein Cres­cendo. Und dennoch zieht der Bolero immer wieder in Bann. Insbesondere, wenn er von einem exzellenten Orchester wie der Symphonie Prag gespielt und von einem energisch-eleganten Dirigenten wie ­Stadlmeier dirigiert wird. Donnernder Applaus vom Publikum. Ravel selbst sah das anders. Einem Kollegen gegenüber soll er gesagt haben, dass er nur ein Meisterwerk gemacht habe, den Bolero; aber „leider enthält er keine Musik.“

Als Zugabe gibt es ein Stück des US-amerikanischen Komponisten und Pianisten Louis Moreau Gottschalk – afroamerikanische Rhythmen, nahezu Big-Band-Sound, den Jazz vorwegnehmende Elemente sprengen die Grenze zwischen E- und U-Musik und laden ein zum Mitwippen. Und auch hier ist sie wieder spürbar: die Meistersche Lebensfreude.

Susanne Greiner

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