Die Kleinen sind die Verlierer

Landrat Walter Eichner (links) bedankte sich bei Historiker Prof. Dr. Ferdinand Kramer für seine Ausführungen zur Gebietsreform vor 40 Jahren und deren Folgen. Foto: Bauch

Am Sonntag hat der Landkreis Landsberg in seiner jetzigen Form seinen 40. Geburtstag gefeiert. Im Zuge der Gebietsreform Bayern, die am 1. Juli 1972 in Kraft trat, gewann der Altlandkreis 14 neue Gemeinden dazu, einige wurden eingemeindet, einige blieben selbständig. Im Rahmen einer Feier des Kreistags referierte der Historiker und ehe­malige Kreisrat Prof. Dr. Ferdinand Kramer aus Untermühlhausen über die Gebietsreform und deren Folgen.

Der damalige bayerische Innenminister Bruno Merk initiierte die Reform, deren Ziel es war, größere, leistungsfähigere und effizienter arbeitende Einheiten sowie ortsnahe Dienstleistungen im Freistaat zu schaffen. 30 Jahre nach der Gebietsreform gab die Regierung die Akten frei und Prof. Dr. Ferdinand Kramer, Lehrstuhl für bayerische Geschichte und vergleichende Landesgeschichte an der LMU München, widmete sich der Rekonstruktion der Reform. „Insgesamt 143 Landkreise wurden halbiert – die Anzahl der Gemeinden radikal reduziert“, weiß der Historiker. Von 1970 bis etwa 1978 habe es verbitterte Auseinandersetzungen zwischen den maßgeblichen politischen Personen gegeben, da jene den Prozess ablehnten. „Diese Kontroversen sind die Ursachen für die heutige Forschung.“ Damals herrschte laut Kramer Planungseuphorie und es begann ein nie gekannter Ausbau der Infrastruktur. „Wir kennen die Motive und Ziele, aber nicht die Folgen.“ Der erste, der sich kritisch damit befasste, war der heutige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der in seiner Doktorarbeit 1985 die Re­- form insgesamt positiv bewertete, aber auch die Widersprüche darlegte, beispielsweise sollten die Kosten gesenkt werden, tatsächlich aber stiegen die Personalausgaben um 61 Prozent. Durch geschickte Umschichtungen war dann nicht wie vorgesehen der Staat selbst in der Pflicht, sondern die Kommunen. „War es für kleine Orte besser, eingemeindet zu werden oder eigenständig zu bleiben?“, fragte sich Kramer. Unter anderem mithilfe von zwei Beispielen im Landkreis Landsberg konnte er Antworten finden. Er verglich die selbstständige Gemeinde Hurlach mit dem etwa gleich großen, aber eingemeindeten Walleshausen, welches seit der Reform zu Geltendorf gehört. Außerdem beurteilte er die ebenso gleich großen Ortschaften Schwifting (selbstständig) und Epfenhausen/Untermühlhausen (eingemeindet in Penzing). In den eingemeindeten Orten sank die Repräsentation der Bürger und auch in der Bevölkerungsentwicklung zeig-te sich ein geringeres Wachstum. „Obwohl Walleshausen spezifischen Wachstumseigenschaften wie dem S-Bahnhof in Geltendorf ausgesetzt war, ist der Ort nur um ein Drittel gewachsen“, so der Experte. In den betroffenen eingemeindeten Orten habe es ebenso gravierende Folgen für die Baulandentwicklung gegeben und auch Betreuungsschwierigkeiten wie etwa für Kleinkinder oder ältere Bürger seien entstanden. Die Infrastruktur sei ebenso zurückgegangen, was sich an den Schließungen der Bahnhöfe, Schulen oder der Raiffeisenbank-Filialen zeige. „Bis 2012 haben alle eingemeindeten Orte ihre eigenen Schulstandorte verloren.“ „Es ist schwierig die Folgen der Gebietsreform einzeln zu erfassen“, findet der Professor. Deutlich sei jedoch zu sehen, dass viele Erfolgserwartungen nicht eingetreten seien. „Die Aufgaben für den Staat sind weiter gewachsen und die Kosten lediglich verlagert worden.“ Verlierer der Reform seien ganz klar die kleinen Orte, während größere an Infrastruktur gewonnen hätten. Prof. Kramer: „Die Gebietsreform ist ein typisches Kind der Prosperitätsjahre um 1970.“

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