Der Schatz auf dem Dachboden

Wie ein kleines Dorf zu einem Sakralkunstwerk aus dem 18. Jahrhundert kommt

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Vom Handwerker zum Schatzsucher. So ist es Alexander Resch (rechts) und Dietmar Hefel (links) ergangen. Sie fanden das Kunsterwerk auf dem Dachboden des Pfarrhofs – und hielten es zunächst für eine alte Plane.
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Das Kunstwerk aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts stammt von Maler Veit Benno Lederer. Vor allem der historische Wert ist enorm hoch. Irmgard Schnell-Stöger (Foto) restaurierte das Fundstück.

Kinsau – Wie bei vielen Kunstfunden mogelte sich auch in dieser Geschichte ein lautloser Akteur ins Geschehen: der Staub. Als im Herbst 2015 in Kinsau Alexander Resch und Dietmar Hefele den Dachboden des Pfarrhofs im Rahmen der Sanierung ausräumen, hatte dort besagter Staub den Mantel des Vergessens längst ausgebreitet. Fingerdick liegt er auf einem Packen Stoff, den Resch unter einem alten Schrank hervorzieht. Resch, Maurermeister und Bayer bis in die Fußnägel, misst dem Fund wenig Bedeutung zu. „Ich hab gedacht, das ist halt eine alte Placha (bairisch = Plane)“, sagt er verschmitzt.

So entfaltet der Handwerker, dessen Lieblingsspruch auf Baustellen „Mach’ koa Doktorarbeit draus“ lautet, entschlossen den Ballen. Schüttelt aus dem Tuch erst einmal kräftig den Staub raus. Eine Tat, die der Restauratorin Irmgard Schnell-Stöger Jahre später noch die Nackenhaare aufstellen sollte. „Ich hab einen Schrei getan, den man wohl bis Landsberg hörte“, sagt die Expertin. Sie restaurierte den Fund später – in der vergangenen Woche wurde er in Kinsau präsentiert.

Denn es war keine alte Plane, was da auf dem Dachboden lag. Es war ein Ölgemälde – ein außergewöhnliches: eine Mariendarstellung in runder Form. Durchmesser 2,88 Meter, Umfang neun Meter. Hefele, als Kirchenpfleger mit Sakralkunst vertraut, sagt zu Resch, nachdem der Staub sich gelegt hat: „Du, das ist kein Glump.“

Nach einer Lagebesprechung mit Bürgermeister Marco Dollinger wird das Bild provisorisch auf ein Plastikrohr aufgerollt. Die Männer zeigen es dem Kirchenmaler Wolfgang Reitschuster, der zur Stunde im Pfarrhof Putzarbeiten durchführt. Seine Schätzung: Das Ding ist alt, mindestens 200 Jahre.

Reitschuster lag gar nicht verkehrt. Das Bild stammt vom Beginn des 18. Jahrhunderts und wird dem Maler Veit Benno Lederer (gestorben 1745) zugeschrieben. Ein lokaler Künstler, der auch in Schongau Kirchen gestaltete. Vermutlich hing es als Deckenbild in der Pfarrkirche St. Matthäus neben dem Pfarrhof.

Im 17. und 18. Jahrhundert war diese Wallfahrtskirche „zur wundertätigen Madonna“ überregional bekannt. Von 1712 bis 1714 baute man sie neu, da das der alte Bau die vielen Wallfahrern nicht mehr fassen konnte. In der kunsthistorischen Buchreihe „Die Kunstdenkmäler von Bayern“ wird das zentrale Deckenbild der Kirche als „Das apokalyptische Weib“ erwähnt. Eine fast gruselige Darstellung, die auf das zwölfte Kapitel der Offenbarung des Johannes zurückgeht. Dabei wird die so genannte „Mondsichelmadonna“ meist mit der Sonne bekleidet gezeigt, den Mond zu Füßen.

Ob diese Deutung der vor 200 Jahren populären Darstellung entspricht, ist noch unklar. Vieles auf dem Bild wirft Rätsel auf: etwa ein Engel mit verbundenen Augen. Zumindest ist sicher, dass es sich um die Muttergottes handelt, die hier auf einer Mondsichel kniet: „Mater purissima“ (Die reinste Mutter) steht oben geschrieben. Rechts unten verkündet die Schrift „Macula non est in te“ (Du bist frei von Makeln) ihre unbefleckte Empfängnis. Von Putten umgeben zertritt sie den Drachen – also das Böse. Auch der Tod beugt sich als Skelett unter ihr. Wie sich herausstellt, wurde das Bild vermutlich 1892 bei der Kirchenrenovierung entfernt. „Möglicherweise war diese Darstellung aus der Mode gekommen. Vielleicht war sie den Leuten auch zu drastisch, so dass man sie abhängte“, erklärt Schnell-Stöger. So mottete man seinerzeit das Kunstwerk auf dem Dachboden des Pfarrhofs ein. Über 120 Jahre lag es dort im Dornröschenschlaf: Der, der es dort verstaute, ist längst tot und begraben.

Ein Dorf stößt auf einen

Schatz. Weniger wegen dem materiellen Wert als vielmehr vom historischen Aspekt. „Das Bild wurde nie gereinigt, nie restauriert und nie etwas hinzugefügt. Ein Sechser im Lotto“, schwärmt Restauratorin Schnell-Stöger. Vielleicht kein Meisterwerk wie von Caravaggio: Die Gelenke des Skeletts wirken wie grobe Scharniere, da es der Maler mangels Anatomiekenntnissen nicht besser wusste. Dennoch ein authentisches Werk großer Seltenheit.

Was aber macht eine kleine Gemeinde mit so einem Kunstschatz? Dollinger ruft die Kreisheimatpflegerin Heide Weißhaar-Kiem an. Eine Frau, die in der Welt der Denkmalpflege gut vernetzt ist. Sie stand der Gemeinde bei der Sanierung des denkmalgeschützten Pfarrhofs – der heute das Rathaus beherbergt – oft mit Rat und Tat bei. Wenig später begutachten Experten das Bild. Sie schätzen die Restaurierungskosten auf 30.000 Euro.

„Als ich die Summe gehört habe, hab ich geschluckt. Wer bezahlt so was?“, gesteht Dollinger. Viel Geld für ein kleines Dorf. Zu viel Geld – kann man dem Bürger für ein altes Bild nicht zumuten. Auch hier weiß Weißhaar-Kiem Rat: Sie wendet sich an die Bauer’sche Barockstiftung in München – die sofort einspringt. Und die Restaurierung zu hundert Prozent übernimmt. Ein Glücksfall.

Im Sommer 2018 beginnt Schnell-Stöger aus Oberammergau ihr Werk: Für ein Vierteljahr verlegt sie ihre Werkstatt in den Kinsauer Pfarrhof. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Regina Koch verrichtet sie zwischen Sitzungssaal und Trauungszimmer ihre schwierige Arbeit. „Eine Sträflingsarbeit“, findet Bürgermeister Dollinger, der gelegentlich vorbei schaut. Das Bild ist voller Risse, die Farbe bröselt. Und darf, solange die Malschichten nicht gefestigt sind, weder bewegt, aufgespannt noch aufgestellt werden.

Allein bei der Vorstellung schmerzt der Rücken: Ein liegendes Bild mit drei Metern Durchmessern filigran bearbeiten. An den Rissen weben die Frauen neue Fäden ein. Gerissene Fäden verbinden sie wieder. Die losen Pigmentpartikel kleben sie mit Hausenblasenleim fest: ein Spezialleim, der aus der Schwimmblase eines Fisches gewonnen wird. Ihr Werkzeug: Wattestäbchen. „In 80 Prozent der Fälle ging es nicht anders, da die Oberfläche so fragil war“, sagt Schnell-Stöger. Das dauert einfach bei 6,5 Quadratmetern. Aus der Not machen die Kinsauer eine Tugend. Das Rathaus wird zur offenen Werkstatt erklärt: Bürger schauen vorbei. Und zeigen zur Freude der Restauratorinnen wohlwollendes Interesse.

Nach dreieinhalb Monaten ist das Werk vollbracht. Das Ergebnis: ein Gemälde in seinem ursprünglichen Zustand. Nichts ergänzt, nichts ausgebessert oder dazu gemalt – nur konserviert. Der Betrachter erkennt die einstigen Risse durchaus – kann die Bildsprache jedoch gut lesen. Der Traum jedes Denkmalpflegers. „Die Gemeinde hat es in seinem authentischen Zustand akzeptiert. Das ist nicht selbstverständlich“, lobt die Restauratorin. Letztlich wurden es 45.000 Euro Kosten – was aber aufgrund der langwierigen Arbeit nicht überrascht.

Mit einem Spannrahmen aus der Werkstatt des örtlichen Schreiners Christian Mitgefaller fand das Marienbild nun seinen Platz an der Wand eines extra Raums im Rathaus. Dort präsentierten die Kinsauer in der vergangenen Woche mit Stolz „ihr Kunstwerk“ der Öffentlichkeit. Auch Landrat Thomas Eichinger kommt zur Feierstunde, stellt der Restauratorin fachkundige Fragen.

Wer weiß, vielleicht kommen bald Besucher aus nah und fern? Die Gemeinde ließ schon mal schmucke Erklärtafeln für die Betrachter anfertigen. Denn die „Maria von Kinsau“ bleibt nun, wo sie ist: im Rathaus. Das ist bei solch einem Fund eher die Ausnahme: Das Bistum Augsburg, zu der die Kinsauer Kirche gehört, hatte durchaus Interesse an dem Bild. Und fragte wohl auch dahingehend nach. Doch da hat die Kirche Pech: 2013 verkaufte sie der Gemeinde den Pfarrhof mitsamt

Inventar. Niemand hatte sich

die Mühe gemacht, das Gebäude auszuräumen. So bleibt dem Bild ein trauriges Schicksal erspart: in einem Kunstdepot in Augsburg wieder Staub anzusetzen.

Klaus Mergel

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