Ein kleines Stück Geschichte

Kuratiert wurde die Wallfahrtsmedaillen-Ausstellung von Gemeindearchivarin Elke Ratz. Auf sogenannten „Messetafeln“ hat die Zinngießerei Schweizer ihre Produkte auf Messen und Märkten präsentiert. Foto: Nagl

„Die Wallfahrtsmedaillen der Zinngießerei Babette Schweizer“ lautet der Titel einer Ausstellung, die vor einigen Tagen mit einem Vortrag von Professor Dr. Thomas Raff im Rathaus eröffnet wurde. Der Kunsthistoriker sieht in den Medaillen „eine Kostbarkeit der religiösen Volkskunde“. Bis heute sind Wallfahrtsmedaillen beliebte Andenken. Bis Mitte Mai ist die Ausstellung noch im Rathaus zu sehen.

Früher hat man sich die kleinen Devotionalien gerne an den Rosenkranz gehängt um damit beim Kirchgang Eindruck zu machen und in Dießen waren sie sogar ein Wirtschaftsfaktor. Wer sich beim Bummel durchs Rathausfoyer Zeit nimmt und die Texte zu den Exponaten genau studiert, kann viel über die Geschichte der Marktgemeinde erfahren, denn die ist eng mit den Ausstellungsstücken verknüpft. Vor über 200 Jahren wurde die heute noch bestehende Zinngießerei Babette Schweizer gegründet. Aus ihren Geschäftsbüchern und aus erhaltenen Modellen geht hervor, dass sie Medaillen für sehr viele Wallfahrtsorte, vor allem in Süddeutschland und Österreich, gegossen hat. Die Medaillen wurden in riesigen Stückzahlen geliefert. Um der großen Nachfrage gerecht zu werden, wurden in der Gießerei auch gerne Kinder von armen Kleinbauern mit Hilfsarbeiten beschäftigt. Hier konnten sie nach der Schule ein Zubrot für ihre Familie verdienen. Für den Vertrieb sorgten bereits im 18. Jahrhundert sogenannte „Verleger“. Am erfolgreichsten war die Firma von Johann Baptist Baab. Der Kaufmann aus Wessobrunn ließ sich 1740 in Dießen nieder und gründete ein Handelshaus „für kurze und geistliche Waren“. Sein Wohnhaus, das stattliche „Schwinghammerhaus“ an der Hofmark 28 steht noch heute. Baabs Töchter heirateten zwei Brüder aus Partenkirchen: Johann Baptist und Matthias Anton Schorn. Um 1770 wurden die beiden Familien geadelt und betrieben das Handelshaus „von Baab & von Schorn“ mit immer größerem Erfolg. Zeitweise konnten sie 600 Personen als Heimarbeiter oder Kraxenträger beschäftigen, die Waren über das flache Land und auf die großen Märkte nach Nürnberg, Frankfurt, Leipzig, oder sogar bis nach Hamburg, Krakau oder St. Petersburg transportieren. Bis heute erinnert der Von-Schorn-Weg ebenso wie das aufwendige Familiengrab am Chor der Kirche von St. Georgen an die erfolgreiche Kaufmannsfamilie. Weihnachten 1796 schloss der Zinngießer Adam Schweizer (1774-1848) erstmals einen Liefervertrag mit dem Handelshaus „von Baab & von Schorn“ ab. Dieses Datum gilt als das Gründungsdatum der Firma Babette Schweizer. „Von Baab & von Schorn“ ging bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Geschäften nach, dann verlor ihre Firma an Bedeutung. Die Zinngießerei Schweizer fand neue Vertriebswege und liefert bis heute in alle Welt. In früheren Zeiten gab es Wallfahrtsmedaillen aus verschiedenen Materialien, für jeden Geldbeutel das Passende: Häufig waren sie aus Messing, seltener aus Gold oder Silber. Aber auch das gab es, schließlich gingen auch Adel oder Klerus auf Wallfahrt. Die meisten Wallfahrer waren aber arm, für sie gab es die Zinn-Medaillen. Wie in der Ausstellung zu sehen ist, besitzen die Wallfahrtsmedaillen der Zinngießerei Schweizer vielfältige Grundformen. Meist zeigen sie auf einer Seite das so genannte Gnadenbild, auf der anderen die dazugehörige Kirche. Häufig wird durch ein paar abkürzende Buchstaben auf den Wallfahrtsort verwiesen. So zeigt zum Beispiel eine Medaille mit dem Kürzel „S.M.V.H.B.“ die „Santa Maria vom Heiligen Berg“ (Andechs). Und wer genau hinschaut, entdeckt in den Vitrinen im Rathaus weitere regionale Motive, zum Beispiel den Heiligen Rasso oder die Heilige Mechthildis aus Dießen.

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