Wer wusste was am Klinikum Landsberg?

Am Verwaltungsrat vorbei: Nebenjob für den Klinikum-Chef 

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Vertragsunterzeichnung im Februar 2017: Landrat Thomas Eichinger sicherte dem neuen Vorstand des Klinikums, Marco Woedl (links), Nebentätigkeiten schriftlich zu – ohne Wissen des Verwaltungsrates.

Landsberg – Der KREISBOTE hatte in der vergangenen Woche aufgedeckt, dass Krankenhauschef Marco Woedl parallel zu seiner hauptberuflichen Tätigkeit ein eigenes Unternehmen führt. Als Berufsbezeichnung gibt er jetzt „Vorstand Klinikum Landsberg am Lech & CEO Cupertino Consulting GmbH“ an. Inzwischen ist klar: Landrat Thomas Eichinger (CSU) hat ihm diese doppelte Berufstätigkeit erlaubt - am zuständigen Verwaltungsrat vorbei.

Ausgangspunkt für diese neuen Erkenntnisse sind zwei Mitteilungen von Marco Woedl und vom Klinikum. Woedl schrieb dem KREISBOTEN, seine Nebentätigkeit als „geschäftsführender Gesellschafter“ der Cupertino Consulting sei bereits vor seiner Einstellung mit dem Landrat besprochen worden. Ihm sei diese Tätigkeit in seinem Vorstandsvertrag schriftlich zugesagt worden. „Das Thema wurde darüber hinaus im Verwaltungsrat des Klinikums besprochen.“

Die am folgenden Tag verbreitete Erklärung des Klinikums lautete ähnlich: im Gespräch zugesagt – im Vorstandsvertrag ent­halten – außerdem im Verwaltungsrat des Klinikums besprochen. Diese Reihenfolge ist aber merkwürdig. Nach § 7 der Unternehmenssatzung des Klinikums Landsbergs ist es nämlich nicht der Landrat, sondern der Verwaltungsrat, der „das Dienstverhältnis des Vorstands regelt“. Dazu gehört auch die Entscheidung, ob und in welchem Umfang der künftige Vorstand des Klinikums parallel zu seiner Amtsausübung unternehmerische Tätigkeiten ausüben darf. Der Verwaltungsrat kommt vor Vertragsabschluss ins Spiel und nicht etwa erst danach.

Der KREISBOTE fragte nach: Kann es sein, dass der Verwal­tungsrat über die parallele unter­nehmerische Tätigkeit Woedls nicht vor seiner Anstellung beraten hat, wie es erforderlich wäre, sondern erst zwei Jahre später? Das würde einen großen Unterschied machen. Einen Kandidaten mit unverhält­nismäßigem Nebentätigkeitswunsch könnte man ablehnen. Einen etablierten Vorstand wirft man deswegen aber nicht hinaus.

Tatsächlich hat Kreisrätin Monika Groner (GAL) nach Informationen des KREISBOTEN das Thema erst kürzlich im Verwaltungsrat zur Sprache gebracht, nachdem es ihr „aus dem Klinikum zugetragen“ wurde. Groner bestätigte das auf Anfrage. Ein zweites Mitglied des Verwaltungsrats bekräftigte diese Angabe. Auch von einem dritten Mitglied des Verwaltungsrates liegt eine Bestätigung vor: „Wir haben von der Genehmigung der Nebentätigkeit erst erfahren, als sie schon aufgenommen war“.

Alle drei Mitglieder wollten über den Verlauf der anschließenden Beratung aber keine Auskünfte geben, weil sie zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Damit ist dennoch klar: Landrat Thomas Eichinger hat mit der mündlichen und schriftlichen Zusage seine Zuständigkeit überschritten; er handelte insofern am Verwaltungsrat vorbei.

17 Minuten täglich

Nach Darstellung des Klinikums ist die „Nebentätigkeit“ Woedls aber ohnehin kein Problem; sie nehme pro Woche nur zwei Stunden in Anspruch, heißt es in der Presseerklärung.

Mit den Angaben auf der Website des Unternehmens ist das aber kaum in Einklang bringen. Woedls Geschäftsmodell besteht in der entgeltlichen Vermittlung von Aufträgen an Berater aus dem Gesundheitsbereich. Dabei können Interessenten wählen, ob sie auf eigene Rechnung arbeiten oder „unter dem Dach“ der Cupertino Consulting, die dann „der Anbieter und Leistungserbringer gegenüber dem Kunden“ ist.

Allein die „15-minütigen Telefontermine“ zur Kundenakquise, für die Woedl 36 Slots pro Woche bereithält, dürften selbst bei mäßiger Inanspruchnahme die genannten zwei Stunden überschreiten. Auch ist eine Vermittlung ohne persönliches Zutun kaum vorstellbar. Dass man „den größten Marktplatz für Beratungsprojekte im Gesundheitswesen“ mit 17 Minuten Arbeit pro Tag betreiben kann, ist nicht glaubhaft.

Hinzu kommt, dass Woedl auf seiner Website intensive Selbstdarstellung betreibt. „Umfassende Kenntnisse aus nahezu allen Klinikbereichen ... Tätigkeit für die renommierte Unternehmensberatung Oberender & Partner ... Kernkompetenzen in den Bereichen Strategie- und Organisationsentwicklung“. Wer das schreibt, der wirbt mit seinem persönlichen Engagement.

Dies und die Tatsache, dass Woedl seine beiden Jobs gleichberechtigt – mit einem kaufmännischen und (&) – nebeneinanderstellt, führt zu einem weiteren Aspekt der Angelegenheit. Maßgeblich ist nämlich nicht nur der Umfang der Tätig­keit, sondern auch, wie exponiert sie ausgeübt wird. Woedls Auftritt nach außen führt dazu, dass seine Rolle als Vorstand des Kommunalunternehmens geradezu in den Hintergrund rückt. Auch finanziell ist das der Fall – die 2.400 Euro Zuverdienst, die eine Messlatte im öffentlichen Dienst ist, wird hier weit überschritten sein.

Zwar ist es im Gesundheitswe­sen nicht unüblich, dass eine Person zwei oder sogar drei Kliniken leitet. Aber in diesem Fällen handelt es sich um eine gleichgerichtete Tätigkeit. Der Landsberger Fall ist davon zu unterscheiden. Hier geht es um Einnahmenoptimierung durch die Akkumulation unterschiedlicher Jobs.

Home Office

Warum der Verwaltungsrat nach Kenntnis des Vorgangs nicht die Notbremse gezogen hat, ist weiterhin unklar. Neuesten Informationen zufolge hat das Gremium Marco Woedl sogar die teilweise Ausübung seines Amts per „Home Office“ gestattet.

Werner Lauff

Kommentar:

Das Grübeln des Landrats

Anfang 2017 sitzt Landrat Thomas Eichinger am Kamin und grübelt. Es gibt einen Kandidaten für das Amt des Vorstands des Klinikums Landsberg. Aber der hat einen Wunsch. Er würde gerne zusätzlich ein Unter­nehmen gründen und dort geschäftsführender Gesellschafter sein. Das Amt eines Verwaltungschefs fülle ihn nicht aus. Er sei „Optimierer, Innovator, Unternehmer“ und voller Taten­drang. Außerdem reize es ihn, neben seinem Vorstandsgehalt durch die Vermittlung von Beratungsleistungen im Gesundheitswesen noch ein zweites Einkommen zu erzielen.

Eichinger kramt in seinem Gedächtnis. Im Grundsatzprogramm der Jungen Union hatte gestanden: Freies Unternehmertum ist die Grundlage unserer Wirtschaft. Leistung muss sich wieder lohnen. Und: In privatem Handeln liegt die Kraft. So gesehen, denkt Eichinger, sollte er zustimmen.

„Vorstand Klinikum Landsberg am Lech & CEO Cupertino Consulting GmbH“, das klänge ja auch gut. Der Duft von Apple durchweht den Kreis, lacht Eichinger und freut sich über seine Formulierung. Nach Hirschvogel, Delo und Rational endlich mal was Hippes. Und wenn Woedls Unternehmen tatsächlich „der größte Marktplatz für Beratungsprojekte im Gesundheitswesen“ geworden ist, falle auf ihn, den Landrat, doch auch Glanz ab. „Wäre mal nötig“, denkt Eichinger und zieht den Kugelschreiber aus der Wollweste. Den Vertrag, den kann man eigentlich so unterschreiben.

Plötzlich fröstelt ihn. Meldet sich da sein Gewissen, weil eigentlich der Verwaltungsrat zuständig ist, das Dienstverhältnis zu regeln? Nein, das kann es nicht sein, das schließt Eichinger aus. Den Verwaltungsräten kann man das ja später immer noch sagen, wenn sie es überhaupt merken, sinniert er. Außerdem: „Vergebung ist leichter zu erhalten als Erlaubnis“, haben die Freunde bei der Jungen Union gesagt. Und das hat immer gut geklappt.

Sind es Bedenken, dass die Ärzte, das Pflegepersonal und die Patienten eigentlich einen „ganzen“ Vorstand erwarten und nicht einen, der Erwerbsquellenhopping macht? Sind es Sorgen, dass es Interessenkonflikte zwischen beiden Tätigkeiten gibt? Macht ihn unruhig, dass das seriöse Klinikum in einem Atemzug mit allen möglichen Partnern von „Cupertino Consulting“ genannt wird, aus der Pharmaindustrie zum Beispiel? Nein, das ist es alles nicht. Was Eichinger frösteln lässt, hat eine ganz andere Ursache. Er müsste mal ein Scheit nachlegen.

„Thomas Eichinger“ schreibt Eichinger sorgfältig auf die Unterschriftszeile. Wieder eine Entscheidung getroffen, wieder den Landkreis nach vorne gebracht. Jetzt noch den Entwurf der Presseerklärung durchsehen, den man ihm zugeschickt hat. Da steht am Schluss ein Zitat des Kandidaten: „Wir stehen vor großen Herausforderungen und müssen alle an einem Strang ziehen“. Das klingt gut, kann man so lassen, aber trotzdem, denkt Eichinger, sollte noch etwas Farbe rein. Er muss nicht lange überlegen. „Für die Zukunft hat sich der neue Vorstand viel vorgenommen“, formuliert er. Ja, das passt. Das wird der Sache gerecht. Das bringt sie auf den Punkt. Akte zu. Feierabend. Und der ist heute mal wieder wirklich verdient.

Werner Lauff

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