Schotter und Kies - Wann ist ein Garten ein Garten?

Kommt in Landsberg ein Schottergarten-Verbot?

Schottergarten in Landsberg
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Wann ist ein Garten begrünt? Reicht ein Buchsbaumbusch wie hier für eine Begrünung aus? In der bisherigen Bayerischen Bauordnung wurde eine Begrünung oder Bepflanzung nicht überbauter Flächen gefordert. Seit 1. Februar haben Kommunen die Möglichkeit, hier eigenständig durchzugreifen – und beispielsweise Schottergärten ausdrücklich zu verbieten.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg – Schottergärten spalten. Für die einen sind es „Gärten des Grauens“, die anderen preisen sie als charmante Lösung der Freiflächengestaltung. Und es werden mehr. Das sagt auch der Hochbauamtschef der Stadt Landsberg Hans Huttenloher, der die Steinanlagen nicht nur in Neubaugebieten entdeckt. Samt Gabionenwänden seien sie offenbar eine „Zeiterscheinung“, die auch in Altstadtgärten und auf dem Land zunehme. Im Februar dieses Jahres änderte der Freistaat die Bauordnung. Jetzt könnte jede Kommune Schottergärten ausdrücklich verbieten. 

Schottergärten sind für die Umwelt ein Gräuel. „Sie haben keine Pflanzen, die der Natur, den Vögeln, den Insekten etwas bieten können“, fasst die Fachberaterin für Gartenkultur und Landespflege vom Landratsamt Monika Seldmaier zusammen. Für die Anlage eines Schottergartens wird der Humus abgetragen, sodass kein Wasser mehr in der oberen Schicht gespeichert werden kann. Zudem erhitzt sich ein Steinboden weitaus stärker – weshalb in Städten die Durchschnittstemperatur höher liege als auf dem Land: „In der Nacht können das bis zu zehn Grad Unterschied ausmachen“, sagt Sedlmaier. Die sogenannten Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, nehmen zu, ebenso die Hitze­tage, an denen das Thermometer über 30 Grad steigt.

Für Sedlmaier ist ein Schottergarten auch ein ästhetisches Problem: „Da hat man nichts fürs Auge.“ Die Menschen, die diese Gartengestaltung bevorzugen, finden sie hingegen auch ästhe­tisch ansprechend. Vorrangig wird die Steinanlage aber ganz pragmatisch begründet: So ein Schottergarten mache weniger Arbeit und sei günstiger im Unterhalt. Kein Unkraut jäten, kein in der Erde buddeln, keine Schädlinge abpflücken, kein Gießen.

Was Gießen, Schädlinge und Erde angeht, mag das zutreffen. Nicht aber, was das Unkraut jäten angeht. „Im ersten Jahr ist meist noch alles o.k.,“, sagt Sedl­maier. Aber spätestens im dritten Jahr gehe es los: Staub, Laub und Samen, die sich im Steinbeet ansammeln, eine organische Substanz, die nicht entfernt werden kann. „Irgendwann keimen dort Pflanzen“, sagt die Garten-Fachberaterin. „Die Natur ist darauf angelegt, dass es keine Flächen ohne Grün gibt.“ Es gebe Pflanzen, die zum Wachsen lediglich den Abrieb des Schotters bräuchten. Eine Freifläche, auf der man nichts machen müsse, sei eine Illusion.

Um der Umwelt Gutes zu tun, hat Baden-Württemberg Schottergärten bei Neubauten inzwischen verboten. Auch andere Städte ziehen nach. In der Süddeutschen Zeitung äußerte sich vor Kurzem ein Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht und behauptete hingegen, eine Gesetzesänderung sei dafür nicht notwendig: Schottergärten seien schon jetzt verboten. Denn die Bayerische Bauordnung schreibt in Artikel 7 auf Grundstücken ein Pflanzgebot vor: „Die nicht (...) überbauten Flächen der bebauten Grundstücke sind 1. wasseraufnahmefähig zu belassen oder herzustellen und 2. zu begrünen oder zu bepflanzen.“ Schottergärten würden hingegen auf Folien angelegt, so der Anwalt – und seien damit nicht mehr wasser­aufnahmefähig. Beim Begriff ‚begrünen‘ habe er zudem auch keine Steine vor Augen – selbst wenn das Bauministerium laut Süddeutscher Zeitung hier von „Deutungsspielräumen“ spricht.

Die gibt es zum Beispiel in Bezug auf die Wasseraufnahmefähigkeit. Zwar speichert der Boden wegen des Humus­abtrags weniger Wasser. Aber Steingärten werden laut Monika Sedlmaier selten auf Folien, sondern auf durchlässigen Vliesen angelegt. Die seien zwar weniger durchlässig, aber eben nicht dicht. Sie sollen verhindern, dass Pflanzen von unten durchkommen oder Samen von oben eindringen und keimen – eigentlich.

Dass Schottergärten meist auf Vliesen angelegt werden, weiß auch Stadtrat Lennart Möller (Grüne). Einen weiteren Deutungsspielraum sieht er aber in Bezug auf die Definition des Begriffes ‚begrünen‘: Reicht eine Buchsbaumkugel oder ein Bon­sai auf 20 Quadratmeter Schotter? Nicht umsonst tragen die Steinanhäufungen das Wort ‚Garten‘ im Namen. „Ein Schottergarten ist kein Garten“, sagt hingegen Sedlmaier. Denn der bestehe für sie aus Pflanzen.

Das neue Gesetz

Seit dem 1. Februar gilt nun die reformierte Bayerische Bauordnung, genauer gesagt der reformierte Artikel 81 Absatz 1 Nr. 5. Er macht es Kommunen leichter, selbst mittels Ortssatzung Steingärten zu verbieten. Sie können nun die „Gestaltung und Bepflanzung der unbebauten Flächen auf bebauten Grundstücken“ selbst regeln – der Vorgarten als ‚Hoheitsgebiet der Kommune‘. Landsberg könne also per Satzung anordnen, dass auf unbebauten Flächen keine Schottergärten angelegt werden dürfen, sagt Möller.

Das bestätigt auch Simone Sedlmair von der Presseabteilung der Stadt: „Aus Gründen der Ortsgestaltung kann die Anlage von Steingärten, Schottergärten und Kunstrasen unterbunden werden.“ Und: Die Verwaltung habe bereits im Februar mit Untersuchungen begonnen, inwieweit „eine Umsetzung eines Verbotes von sogenannten Schottergärten (...) mittels einer Freiflächensatzung verfolgt werden soll.“ Auch der Klimabeirat sei an dem Thema dran.

Die Stadt Erlangen hat für ein Schottergartenverbot keine Gesetzesnovelle gebraucht: Als erste Stadt in Bayern hat sie bereits seit letztem Jahr eine Frei­flächengestaltungssatzung, in der steht: „Nicht zulässig sind insbesondere geschotterte Steingärten.“ So soll eine „angemessenen Durchgrünung“ sichergestellt werden.

Erlangen zielt indessen mehr auf Beratung als auf ‚Bestrafung‘. Auch Lennart Möller räumt ein, dass „man nicht immer alles verbieten“ könne. Vorerst gehe es darum, das „Selbstverständnis in der Bevölkerung“ zu fördern, zum Beispiels, indem man bei Neubauten Tipps zur Gartengestaltung gebe.

Ins gleiche Horn stößt auch das Mitteilungsblatt des Bayerischen Gemeindetages vom April mit einem Artikel zu „Handlungsmöglichkeiten der Kommunen zur Vermeidung von Schottergärten“. Es gehe vorrangig um „Beratung und Förderung“. Kommunen sollten nicht gleich mit dem Ordnungsrechts-Hammer zuschlagen, sondern eher Steingärten-Liebhaber von den Vorteilen bepflanzter Flächen überzeugen.

Bei bereits bestehenden Schottergärten – für die in Bayern allerdings der Bestandsschutz gilt – denkt der Bayerische Gemeindetag auch an kommunale Förderprogramme, die dem Grundstückseigentümer bei der ‚Renaturierung‘ finanziell unter die Arme greifen.

Bei allen möglichen Vorgaben gelte aber immer, die städtebaulichen und ökologischen Gründe gegenüber den Argumenten der Grundstücksbesitzer abzuwägen, betont der Bayerische Gemeindetag. Verhältnismäßigkeit ist das Zauberwort.

Drei Zentimeter Rasen

In der Stadt Landsberg berücksichtige man bereits das Verbot von Schottergärten bei laufenden Bebauungsplanverfahren, informiert Simone Sedlmair. Zum Beispiel schreibe die Frei­flächengestaltung für das Baugebiet Obere Wiesen eine Pflanzpflicht für nicht überbaute private Grundstücksflächen vor. Dabei lege man sowohl die Anzahl, als auch die Art der zu pflanzenden Bäume und Sträucher – möglichst heimische Sorten – fest.

Einer Versiegelung werde ebenfalls entgegengewirkt, um die natürliche Versickerung zu garantieren – ein Beitrag zum Hochwasserschutz. So müssen im Gebiet Oberen Wiesen Einfahrten als „befestigte Vegetationsflächen mit mindestens drei Zentimeter Rasenfuge oder wasserdurchlässigem Verbundpflaster“ gestaltet werden.

Ob die Stadt Landsberg in Bezug auf die ‚Steinwüsten‘ zum Verbot greifen wird oder eher auf die Freiwilligkeit der Bauherren setzt, bleibt abzuwarten. Eine genaue Definition des Begriffes Schottergarten dürfte schwierig werden. Auch die Stadt Erlangen hat bewusst nicht festgelegt, wie viel Steine auf einem Quadratmeter Erde erlaubt sind. Denn so exakte Maße wie drei Zentimeter breite Rasenfugen werden bei der Definition eines Schotter­gartens nicht greifen.

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