Webern putzt die Ohren

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Christian Elin am Sopransaxophon und Klarinettist Rolf Weber harmonierten perfekt bei Elins Komposition „Cycles“ im vollbesetzten Bibliothekssaal.

Landsberg – „Mit Anton Weberns Musik können Sie sich jetzt die Ohren putzen.“ Der Landsberger Cellist und Veranstalter der Konzertreihe „Kammermusik im Bibliothekssaal“ Franz Lichtenstern leitete mit diesen Worten den zweiten Teil des facettenreichen Konzerts am Sonntagabend ein. Schwelgten die Zuschauer im ersten Teil noch in Max Regers Klarinettenquintett, putzte Weberns expressionistische Tonaneinanderreihungen diese Romantik wortwörtlich aus. Der dritte Teil des Abends widmete sich ganz dem Vergnügen – oder wie Lichtenstern sagt: „Musik zum Spaß haben.“

Mit Reger und Webern standen nicht die leichtesten Komponisten auf dem Programm. Dennoch, der Saal war restlos ausverkauft. Klarinettist Rolf Weber gab mit sanften Tönen Regers Quintett in A-Dur genau die Stimmung, die der Komponist sich wünschte: Melancholie gemischt mit Mozarts Leichtigkeit. Wer allerdings Mozarts Harmonien erwartete, lag falsch. Das Stück entstand 1915, kurz vor Regers Tod, und die Harmonien sind – unmusikalisch gesprochen – teilweise schräg. Neben Rolf Weber musizierten die Violinisten Katja Lämmermann und Ludwig Hahn, Dorothea Galler an der Viola und Lichtenstern am Cello.

Anton Webern ist den expressionistischen Musikern zuzuordnen. So klangen auch die zwei „glitzernden Diamanten“, wie Strawinski die kurzen, radikal reduzierten Stücke des österreichischen Komponisten bezeichnete. Einzelne Töne, die vom Klavier (Kazue Weber-Tsuzuki) in Abwechslung mit Klarinette, Geige und Tenorsaxophon (Christian Elin) in die Luft „gehackt“ werden. Beim Zuhören ließ sich dennoch eine Melodie erahnen. Webern habe seine Musik ganz und gar unsachlich aufgefasst: Beim Versuch, deren Bedeutung auszudrücken, habe er geschrien und mit den Füßen gestampft, berichtete ein Zeitgenosse.

Christian Elins Kompositionen sind dem Ohr schmeichelnde Klangfolgen im Stil von Michael Nyman: Sie lassen vor den Augen der Zuhörer Landschaften entstehen. In „Cycles“ werfen sich Saxophon und Klarinette die Töne zu, unterschiedliche Klangfarben, die sehr gut harmonieren. Nicht umsonst gehört auch das Sax zu den Holzblasinstrumenten. Sein Erfinder, der Belgier Alphonse Sax, optimierte die Form der Bassklarinette, bevor er sich dem Saxophon widmete. „Mit dem ersten Weltkrieg gelangte das Instrument dann nach Deutschland“, erzählt Elin. Und ab da habe es jeder Komponist in seine Werke einbezogen. Als zweites Werk gönnte Elin seinen Zuhörern eine Uraufführung: Die von Diego Ortiz‘ Kompositionen inspirierte „Recercada Primeira“ spielt mit einem Thema in mehreren Variationen. Cello und Bassklarinette scheinen miteinander zu sprechen, mal in hüpfenden Zupftönen, mal in singenden Legatobögen.

Dem Jazz gewidmet sind Mauricio Kagels fünf Stücke aus der Radiophantasie „Rrrrrr“, einem Werk, das insgesamt 41 Musikstücke beherbergt – die alle mit „r“ anfangen. Auch „Off Pist“ von Svante Henryson lässt den Ursprung vieler moderner Saxophonstücke, den Jazz, erahnen. Elin schleift die Töne nach unten, nimmt die Stimme zu Hilfe, während das Cello irisch klingende Tonfolgen anstimmt. Die eingängige Melodie blitzt immer wieder auf, wird variiert, in schnellen Läufen versteckt, bevor das ganze Stück auf einem kurzen Ton abrupt endet. Das gute Zusammenspiel von Elin am Sax und Lichtenstern am Cello wurde zurecht mit Jubelrufen belohnt.

Susanne Greiner

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