Mutige Klänge

Konzert "Lunatic" in der Christuskirche

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Sechs Musiker, die sich der übermütigen Ausgelassenheit hingeben: Das Konzert „Lunatic“ in der Christuskirche brachte unerhört Mutiges zu Gehör.

Landsberg – Es ist ein feurig-schneller Tanz aus dem Portugal des 16. Jahrhunderts, der beim Konzert in der Christuskirche am Sonntagabend tonangebend ist: die Folia. Übersetzt heißt das „übermütige Ausgelassenheit“ – und findet einen Anklang im französischen „folle“, verrückt. Weshalb das auftretende Sextett wohl auch einen ebenfalls ins nicht ganz normalen Konzerttitel wählt: Lunatic, mondsüchtig. Und weil zur Verrücktheit auch immer Mut gehört, findet das Konzert im Rahmen der Kreiskulturtage statt.

Die zu hörenden Stücke stammen allesamt aus dem Barock. Hatten damals schon den ‚Touch‘ des Unerhörten und auch heute ist davon noch ein Hauch zu spüren. Als roter Faden im Programm dient Claudio Monteverdi, der Venezier, Gambenspieler, Sänger – und Priester. Aus seinen „Madrigale von Liebe und Krieg“ (Was für ein Titel!) stammt das erste Stück. Sophia Rieth setzt mit der Altblockflöte ein, skandiert gemeinsam mit Umberto Kostanic am Cembalo, Salome Ryser am Barockcello und Felicia Graf an der Barockvioline die Melodie. Bis dann die Percussion einsetzt: Moritz Knapp und Fabian Löbhard an Trommel, Schellen, Klappern, Rasseln, Kastagnetten und sonstigem, was schlagbar ist.

Der Komponist nahm sich Freiheiten heraus: Dissonanzen, Koloraturen und Verzierungen, die angeblich die Gemüter in Wallung brachten – und sogar Ohnmachtsanfällen provozierten. Wofür? Um den im Text beschriebenen „Zorn“ der ‚guerrieri ed amorosi‘ entsprechend musikalisch darstellen zu können: Mit seinem „stile concitate“, einem ‚erregten Stil. Diese Erregung wird vor allem durch die Percussionisten deutlich. Aber auch Rieth, die Vituoses aus ihrer Flöte zaubert. Aber auch die Streicher spielen in eigenständigen Melodielinien umeinander. Und das Cembalo liefert dazu den tragenden basso continuo.

Ein weiteres Werk, das die gut 60 Zuhörer begeistert, ist ein älteres Werk, aus dem Mittelalter: „Estampita Isabella“, das Heiligenbild der Isabella. Rieth konzertiert hier solistisch mit der Sopranblockflöte mit Löbhard am großen Tamburin. Und wegen des Tamburins schleicht sich ein nahezu indianisch anmutender Rhythmus in das Stück, zu dem Rieth mit überblasenen Tönen, Trillern und rasanten Läufen ein unruhiges, trippelndes Tier hervorzaubert, dass sich in immer schneller werdendem Rhythmus in den Wahn zu tanzen scheint.

Eher ruhig setzt sich Domenico Gabriellis Cello-Sonate mit der Besetzung Cello und Cembalo dagegen. Auch wenn jeder einzelnen der vier Sätze von den zwei Percussionisten eingeleitet wird. Zum Beispiel vier Trommelschläge, beim fünften setzt das Prestissimo ein. Gabrielli war einer der ersten Komponisten, die Stücke für Cello solo schrieb. Und was Ryser mit Kostanic an Weichheit und Fülle erklingen lässt, nimmt Bach bereits vorweg.

Das Beste kommt oft zum Schluss. Auch bei diesem Konzert, mit Vivaldis „La Follia“: eine einfache Melodie in Moll und Dreiertakt, über die Blockflöte und Geige – eigentlich sind es zwei Geigen – mit größtem Erfinderreichtum und Liebe zum Spiel variieren. Ein Hauch von Wahn mag mitschwingen, wenn Rieth in rasenden Läufen spielt. Aber im Vordergrund steht nichts Negatives. Es scheint vielmehr das Spiel zu sein, das das Wort meint: die „übermütige Ausgelassenheit“. Ein Abend mit selten Gehörtem, glänzend präsentiert.

Susanne Greiner

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