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»Symbol für Landsberger DP-Lager«

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Von: Susanne Greiner

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Kibbuz Lohamei vor dem Kratzerkeller Landsberg
Mitglieder des Kibbuz Lohamei vor dem Kratzerkeller. Auf dem Plakat steht auf Hebräisch „Ghetto Kämpfer“. © USHMM

Landsberg – „Es geht hier um die Zeitgeschichte Landsbergs im 20. Jahrhundert“, betont Stadtrat Axel Flörke (Landsberger Mitte) in einer Pressemeldung zur Denkmalstellung des Kratzerkellers. In der Ausgabe vom 14. September hatte der KREISBOTE im Artikel „Der Kratzerkeller, ein Kibbuz?“ auf Basis der Pressemitteilung der Stadt und Aussagen anderer Experten die Frage gestellt, ob es gerechtfertigt sei, das gesamte Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Der Artikel habe ihn ‚entsetzt‘, so Flörke. Sicherlich sei es „ein neuer und mutiger Schritt, ein Bauwerk nicht wegen seiner baulichen Historie und Bedeutung, sondern wegen seiner kulturhistorischen Bedeutung unter Denkmalschutz zu stellen“. Der KREISBOTE hat mit der Journalistin und Anstoßgeberin der Denkmalschutzstellung Karla Schönebeck gesprochen.

Frau Schönebeck, wie definieren Sie ein Kibbuz?

Karla Schönebeck: „Er ist ein basisdemokratisch angelegtes Kollektiv, vorwiegend im ländlichen Raum aktiv. Wörtlich übersetzt bedeutet es Versammlung, Kommune.“

Nun ist der Kratzerkeller ja kein ‚Land‘, auf dem das Kollektiv leben konnte. Gehört ein Grundbesitz zu einem Kibbuz?

Schönebeck: „Grundsätzlich ja. Im Falle des Kibbuz im Kratzerkeller ist für mich aber entscheidend, dass die Gründer selbst und auch die dort untergebrachten unbegleiteten Jugendlichen dieses Kollektiv als Kibbuz Lohamei HaGeta‘ot, Kämpfer des Warschauer Ghettos, bezeichnet haben. Sie organisierten die Einwanderung mittels Schlepperbanden nach Palästina, also illegal – Auch Bayern war besetztes gebiet, in dem man sich nicht einfach frei bewegen konnte – Israel wurde ja erst 1948 gegründet.

Ben Gurion hatte zur Auswanderung aufgerufen, 1945 auch hier in Landsberg. Aber Juden waren nirgendwo erwünscht. Auch in Landsberg gab es um das DP-Lager anfangs noch einen Stacheldraht. Im Kratzerkeller absolvierten die Mitglieder unter anderem Schießübungen, teilweise mit der illegalen Haganah (zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina ab circa 1920, Anm. d. Red.). Ein Überlebender, der damals 18-jährige Abba Naor, erzählte mir, dass er für den Beitritts-Eid seine Hand auf die Bibel mit einem Revolver legen musste, zeitlebens für ihn unvergessen. Im Speisesaal wurde aber auch mit Gesang der Beginn des Schabbat gefeiert, im Keller wurden Rinder geschlachtet.“

Gab es andere Kibbuzim in Landsberg?

Schönebeck: „Ja, in dem DP-Lager in der Saarburgkaserne, in der teilweise bis zu 7.000 Personen lebten, gab es insgesamt acht Kibbuzim – zum Beispiel den Frauen-Kibbuz Ohel-Sara. Zeitweise gehörten rund 350 Jugendliche diversen Kibbuzim an. Die Landsberger Untergrundbewegung im Kratzerkeller ist aus der im Warschauer Ghetto gegründeten zionistischen Jugendorganisation Dror hervorgegangen, dessen Mitglieder laut Aussage von Naor dort zuerst betreut wurden. Einige der Jugendlichen sind dann nach Holzhausen umgesiedelt, da sie im Landsberger DP-Lager unglaublich beengt lebten. Auch im Maurerhansl in Dießen oder in Holzhausen war der Kibbuz Dror vertreten.

Eine offizielle Gründung fand dann 1949 in Israel statt, oder?

Schönebeck: „Diese Gründung ist wohl eher als geschichtliches Kontinuum zu sehen, ein Neuanfang in Israel, ohne Wahrnehmung der Vergangenheit. Das Vorhandensein des Kibbuz im Kratzerkeller ist aber diversen Quellen zu entnehmen, beispielsweise denen des United States Holocaust Museum in Washington, D.C, das eine eigene Abteilung zu den DP-Lagern in Landsberg, Feldafing und Föhrenwald hat. Die Gründung in Israel schloss auch die Idee des Mitbegründers Yitzak Zuckermann zu einem Kinder-Gedenk-Museum ein. Es ist heute eines der bedeutendsten Kibbuzin in Israel.“

Warum muss Ihrer Ansicht nach das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz stehen?

Schönebeck: „Der Kratzerkeller steht für mich symbolisch für einen wichtigen Teil des Landsberger DP-Lagers und damit auch der Stadtgeschichte. Hier kann man noch erahnen, wie die DPs gelebt haben, wohlgemerkt zum ersten Mal seit langem wieder selbstbestimmt. Die Kibbuzim gaben den Jugendlichen wieder Halt, nach einer entsetzlichen Vergangenheit, oft ohne Ausbildung, und im Angesicht einer ungewissen Zukunft.“

Welche Reaktionen haben Sie auf den denkmalgeschützten Kratzerkeller bekommen?

Schönebeck: „Viele haben gesagt, dass sie jetzt endlich ohne Beklemmung an dem Gebäude vorbeigehen können. Auch aus den USA und Israel habe ich positive Resonanz bekommen. Ich hatte mich für den Kellerbegang im Mai auch mit den Investoren getroffen, die dem Thema offen gegenüberstehen.“

Sie haben ja auch Jura studiert. Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema DPs?

Schönebeck: „Circa seit 2012. Mit dem Kratzerkeller habe ich mich intensiv ab Oktober 2021 beschäftigt. Die Ergebnisse sind auch in der bereits in der Säulenhalle gezeigten Ausstellung „Liberation Concert – Menschlichkeit.Würde.Hoffnung“ nachzulesen, die am 30. September in den Bayerischen Landtag geht. Dass wir das Projekt „Liberation Concert in Bayern“, innerhalb des Wertebündnis Bayern, beim Netzwerktreffen zu „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ in Nürnberg vorstellen dürfen, ist eine Möglichkeit, weiter Brücken zu bauen und Verständnis zu erzeugen.“

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