Bis über die Grenzen

+
Michaele Bienert verlor vor elf Jahren durch einen Unfall ihr Bein. Dann gründete sie die Selbsthilfegruppe „ProThesenBewegung“ für Amputierte.

Waal – Es gibt ein Foto von Michaela Bienert, da sitzt sie auf einem Fahrrad. Unter ihrer kurzen weißen Hose schaut links die dunkle Prothese heraus, die sie trägt, seit sie durch einen Motorradunfall den größten Teil ihres Beins verlor. Unter dem Foto steht: „Es ist fast alles möglich. Du musst es nur wollen.“ Das ist Michaela Bienerts Botschaft an alle Prothesenträger. Traut euch. Pro- biert alles aus, worauf ihr Lust habt. Das größte Handicap ist nicht die Prothese, sondern die Barriere im Kopf.

Bei dem Unfall vor elf Jahren wurde Michaela Bienert von einem LKW überrollt. Im Krankenhaus merkte sie: Es gab für Amputierte keine Anlaufstellen, keine Antworten auf die vielen Fragen, die über das rein Medizinische hinausgehen. Sie war 29, sie hatte Power und nutzte ihre Behandlung, die sich über dreieinhalb Jahre hinzog, um die Anfänge eines großen Netzwerks aus Ärzten und Therapeuten zu knüpfen. Damit unterstützt sie nun andere Betroffene in der von ihr gegründeten Selbsthilfegruppe ProThesenBewegung. 

„Viele denken, sobald sie amputiert sind, ist ihr Leben zu Ende“, sagt Michaela Bienert. Sie selbst ist das beste Gegenbeispiel. Die 40-Jährige arbeitet in einem Landsberger Sanitätshaus, lebt mit Partner und zwei Katzen in einem gemütlichen Haus in Waal, fährt Motorrad und Fahrrad, treibt Sport und geht in die Berge. 

Vor ein paar Jahren machte sie fürs ZDF eine Tour ins Dachsteingebirge. Die Strecke galt selbst für Nicht-Behinderte als Herausforderung. Mit von der Partie waren außerdem eine Blinde, ein Gehörloser, ein Rollstuhlfahrer und ein Kleinwüchsiger. Gegenseitig halfen sie sich beim Überqueren von Gletschern und Geröllfeldern, kamen nach drei Tagen erschöpft, aber glücklich und stolz im Tal an. Die Tour entsprach ganz Michaela Bienerts Motto: „Man muss über die Grenzen gehen, um zu wissen, wo sie sind.“ 

Neulich war sie in einem Feriencamp für amputierte Kinder. Die Kids dort liefen mit Prothesen über Slacklines, kraxelten Kletterwände hoch und legten im Umgang mit ihren Handicaps eine Unbekümmertheit an den Tag, bei der selbst Michaela Bienert vor Bewunderung Gänsehaut bekam. „Die Kids zeigen einem, was alles möglich ist.“ Für die rund 50 Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe organisiert „Biene“, wie alle sie nennen, regelmäßige monatliche Treffen, Vorträge, Präsentationen und Ausflüge. Immer wieder bietet sie sportliche Aktivitäten an: Tauchen, Wassergymnastik, Rafting, Reiten, Tanzen, Bogenschießen, aber auch Geh-Training für – buchstäblich – die ersten Schritte mit der Prothese. Denn die sind schwierig und schmerzhaft, und oft seien die Betroffenen damit allein gelassen. 

Viele Stunden hängt Michaela Bienert am Telefon und macht Besuche in der Unfallklinik Murnau, um frisch Amputierten zur Seite zu stehen. „Es ist ganz wichtig, dass die Leute ihre Behinderung annehmen und positiv damit umgehen“, sagt sie. „Tut man das nicht, legt man sich mit dem Kopf selber Steine in den Weg.“

Ulrike Osman

Meistgelesen

Eine Leiche muss her!
Eine Leiche muss her!
Ein Weißbier mit Obama
Ein Weißbier mit Obama
Humpelstilzchen klaut Rotcapis Koffer
Humpelstilzchen klaut Rotcapis Koffer
"Coole Gedanken" für Gut Mittelstetten
"Coole Gedanken" für Gut Mittelstetten

Kommentare