Der Mensch zählt

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Rainer Kramny ruht in sich selbst. Das braucht er auch für die Arbeit als Ehrenamtlicher im Strafvollzug.

Landsberg – „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Dieser Satz von Erich Kästner war vor 17 Jahren für Rainer Kramny mit ein Grund, sich als Ehrenamtlicher im Strafvollzug zu engagieren. „Und dann hatte ich einen Spendenaufruf von Dieter Hildebrandts gelesen, der um Zeitungsabos für Gefangene bat, damit sie wenigstens etwas von der Außenwelt mitbekommen.“ Beides zusammen führte ihn zur Evangelischen Straffälligenhilfe und zum Ehrenamt im Strafvollzug.

Rainer Kramny hat in seiner Arbeit als Ehrenamtlicher schon 20 Straffällige betreut. „Es geht um männliche Gefangene, die keinen Kontakt mehr zur Außenwelt haben“, also weder Besuch von Familienangehörigen noch Freunden bekommen. Diesen Personen wolle man die Möglichkeit geben, eine Vertrauensperson zu finden. Der Inhaftierte müsse allerdings eine Voraussetzungen erfüllen: gute Führung. Denn „wenn ein Sträfling die Therapieangebote der JVA zur Wiedereingliederung nicht wahrnimmt, wird ihm auch kein Ehrenamtlicher vermittelt.“ 

Die Aufgaben eines Ehrenamtlichen im Strafvollzug reichen vom Briefkontakt bis zur Einzelbetreuung, die oft zwei bis vier Jahre dauert – bis zur Entlassung, oder bis Gefangener oder Betreuer den Kontakt abbrechen möchten. Dabei begleite man den Gefangenen auch, wenn er Ausgang hat, man helfe ihm, eine Wohnung oder auch einen Arbeitsplatz zu finden. Aber „es geht auch darum, dem Gefangenen zu vermitteln, dass die JVA seine Resozialisierung will – und nicht nur die Bestrafung“. 

Zuerst müsse der Straffällige selbst den Regelbesuch beantragen. Das sei wichtig, denn diese Eigeninitiative zeige, dass der Gefangene wirklich etwas ändern wolle. Erst dann sitze man das erste Mal zusammen. Nach der Entlassung wollten die meisten keinen Kontakt mehr zum Betreuer haben: „Sie möchten mit dieser Zeit einfach abschließen“, erklärt Kramny. Das sei dann manchmal schon eine bittere Pille, wenn man ohne jegliches Dankeschön dastehe. In seiner Arbeit mit Häftlingen der JVA Landsberg hatte er schon mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun: „Ärzte, Arbeiter, Priester, einfach alles mögliche.“ 

Genauso vielfältig sind die Straftaten: Gewalt in der Familie, Sexualstraftaten, Terrorismus, Diebstahl, Mord. Kramny will ihnen Respekt entgegenbringen, was damit anfängt, dass er jeden siezt: „Ich will denjenigen ernst nehmen, er ist ja nicht mein Kumpel.“ Genau darin liege bei diesem Ehrenamt eine Gefahr: Viele der Straffälligen hätten einen gewissen Charme, der den Betreuer vereinnahmen könne. „Man muss immer darauf achten, eine gewisse Distanz zu wahren“, betont Kramny. 

Der Hochfrequenztechniker ist inzwischen Rentner: „Mit 55 habe ich mich bei Siemens selbst wegrationalisiert“, sagt er lachend. Er selbst hat erfahren, was es heißt, ausgegrenzt zu sein: Seine Mutter flüchtete von Breslau in den Bayerischen Wald, wo er als Flüchtling immer nur eines zu hören bekam: „Du bist nix und du wirst nix.“ Dieser Unkenrufe zum Trotz studierte er und arbeitete im Flugzeugbau. Im Beruf und im Ehrenamt habe er aber vor allem eines gelernt: „Erfolg ist gut und schön, aber was wirklich zählt, ist der Mensch.“

Susanne Greiner

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