KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete im Landkreis Landsberg

An Steilhalden und Flussauen - Am Lech entlang zwischen Hohenfurch und Kinsau 

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Teil des Naturschutzgebietes: das alte Wehr

Kinsau – Helmut Linder, der Naturfreund, Vogel- und Pflanzenkenner aus Hohenfurch, ist mit seiner Frau Heidi mehrmals die Woche am oberen Lech unterwegs – bis hinunter nach ­Epfach. Er ist ein Grenzgänger, wenn er im Naturschutzgebiet am oberen Lech wandert. Denn das umfasst die Steilhalden und die Flussauen zwischen Hohenfurch und Kinsau und betrifft zwei Landkreise. Es ist 188 Hektar groß. Knapp die Hälfte davon, 85 Hektar, ist auf Kinsauer Flur und damit im Landkreis Landsberg.

Ausgestattet mit festem Schuhwerk, Socken und kurzen Hosen, machen sich Heidi und Helmut Linder an diesem heißen Nachmittag mitten im August gemeinsam mit dem Reporter auf den Weg. Sie gehen in die Kniebeuge, zeigen auf das Tausendguldenkraut und auf die lila Kalkaster genauso wie auf den Kreuzenzian oder die Golddistel.

„Fällt dir auf, Heidi, dass so wenig Falter fliegen?“, ruft Helmut Linder seiner Frau zu, die auf dem Pfad an einer kleinen Halbinsel auf Kinsauer und Epfacher Seite voranspaziert. „Für die Sonne, für diese Wärme sollten mehr fliegen“, meint der 68-jährige Hohenfurcher.

Aber halt: Links des Weges ist dann wenigstens ein Bläuling zu sehen. Und auf der anderen Seite ein Perlmuttfalter mit der braunen Farbe und den schwarzen Punkten. Er lässt sich auf einer Blüte nieder. Wenigstens so lange, bis der Zoom der Kamera ausgefahren ist und er aus kurzer Entfernung für ein Fotomotiv taugt.

Fledermäuse und Vögel

Weiter flussaufwärts – wir sind bereits am alten Wehr oberhalb der Staustufe 8a – ist ein Lieblingsplatz von Helmut Linder. Er greift zum Fernglas und schaut hinaus auf den breiten Lech, wo er einige Graureiher sieht. Am alten Wehr hat der Hohenfurcher zusammen mit Helfern Vogelhäuser mit einem verblechten Dach errichtet, wo oben die Fledermäuse und unten verschiedene Vogelarten einfliegen können. Auch sind an den Bäumen zwischen dem Kiesweg und dem Lech mehrere Nistkästen aufgehängt.

Wo die Natur auch mal den Weg versperren darf: Gerhard Däubler auf der Halbinsel, die bei der Staustufe aufgeschüttet wurde.

Zum südlichsten Naturschutzgebiet im Landkreis Landsberg gehören auch die Steilhalden, die sich an der Schleife zwischen Hohenfurch und Kinsau auf der Westseite befinden, während sie weiter flussabwärts bei Reichling auf der Ostseite gleichsam den Gegenpart bilden. Zwischen den Bäumen kommen helle Kiesflächen zum Vorschein.

Auf der Westseite führt unter schattenspendenden Laubbäumen ein steiler Weg hinauf zur Hochebene. Früher – bis 1929 – war dort eine Zahnradbahn. Mit ihr wurde der Holzstoff, den eine Fabrik unten am Lech produzierte, auf die Hochebene bis zur Eisenbahnline Landsberg-Schongau hinauf befördert, um ihn auf Waggons zu einer Papierfabrik ins Allgäu zu transportieren.

An der Steilhalde sind unzählige Bäume in einem großen Fichtenbestand geknickt – Folge eines Sturms. Kein schöner Anblick – aber auch das gehört zum Naturschutzgebiet. Unten am Weg steht eine Pappel. An ihr sieht man den Biberverbiss. „Die schlägt sich aber durch“, ist Helmut Linder überzeugt, dass sich die Pappel hält.

Blickwinkel Naturschutz

Regelmäßig, wenn auch nicht so oft wie Helmut Linder aus Hohenfurch, kommt Gerhard Däubler an den oberen Lech. Von Berufs wegen. Der 61-Jährige arbeitet seit knapp vier Jahren in der unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Landsberg, war zuvor drei Jahrzehnte im Landratsamt Aichach-Friedberg beschäftigt. Einmal im Monat schaut er sich um an den Steilhalden und an den Flussauen nahe Kinsau.

Am alten Wehr blickt er hinüber auf die Ostseite. Und ärgert sich, dass dort jemand im Auto in südliche Richtung fährt. Auf der Westseite ist ihm an diesem heißen Augusttag vormittags ein Quadfahrer entgegengekommen. Den hat er sogar angehalten. Der hatte keine Genehmigung.

Die Leute drängten in die Natur, kommt er auf den Erholungsdruck zu sprechen. Das Gute daran sei, dass Menschen einen Bezug zur Natur bekämen. Aber es sei auch wichtig, in diesen wertvollen Gebieten Respekt vor der Natur mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt zu zeigen. „Schonen und schützen“ seien dafür die Stichwörter.

Auf der Ostseite drüben geht es, wo der Weg endet, einen schmalen Trampelpfad entlang und auch durch Gestrüpp auf eine Fläche am östlichen Flussufer, die zur Peitinger Flur gehört. Ein Birkländer Bauer hat Rinder in der Flussaue, die bewusst beweidet werden soll. Ganz in der Nähe ist die erste Fischaufstiegshilfe, die im Landkreis Landsberg am Lech gebaut wurde.

Nach dieser kurzen Exkursion auf Weilheim-Schongauer Terrain geht’s vor zur Staustufe 8a. Dort ist, nachdem sie Ende der 80-er Jahre erbaut worden war, eine Fläche im Fluss aufgeschüttet worden. Das ausgehobene Material reichte dafür, dass sich die ungefähr zwölf Hektar große Halbinsel, eine Folge der Baumaßnahme, stellenweise bis zu acht Meter über das Niveau des Flusses erhebt. Auch dort wird die Fläche beweidet. Ein Züchter aus dem Fuchstal lässt hier Schafe und Ziegen grasen. So soll der Verbuschung entgegengewirkt werden.

Natur-Schatzkästchen

Gerhard Däubler sieht diese Halbinsel als „ganz wertvoll“ an, gerät dort regelrecht ins Schwärmen. Nirgendwo sonst an Flussauen finde man so ein Natur-Schatzkästchen. Die Hitze auf dem steinigen Boden und auf dem Magerrasen sei ideal für Reptilien, die auch beste Bedingungen für Winterquartiere finden. Auch ist auf der Halbinsel ein Tümpel angelegt worden, wo sich nicht nur die Gelbbauchunke und Libellen wohlfühlen.

Typisch ist, wie der Naturschutz-Fachmann erklärt, der intensive Kieferbestand. Die angeflogenen Fichten sollen hingegen besser entfernt werden. Auf dieser Halbinsel mitten im Fluss ist dafür Uniper, der Kraftwerksbesitzer, zuständig. Das Unternehmen ist ebenso wie der Staat und wie private Eigentümer Grundstückbesitzer in dem 185 Hektar großen, landkreisübergreifenden Naturschutzgebiet.

Als Natur- und Vogelfreunde am Lech zwischen Epfach und Hohenfurch daheim: Heidi und Helmut Lindner

Am Hang zum Lech, wo bevorzugt Erlen und Eschen stehen, wurde ein Weg angelegt. Dort können oder dürfen die Angler vom Kreisfischereiverein Schongau Kies in das flache Flussbett schütten. Wozu? Damit Äschen und Huchen ideale Lebens- und Laichbedingungen vorfinden. Der Lech schwemmt das Gestein häufig weg. So wird das Einbringen von Kies alle zwei Jahre wiederholt. Besonders ist auf dem Magerrasen auch die Flora. An diesem „Extremstandort“, wie es Däubler charakterisiert, blühen zum Beispiel der Natternkopf, das Sonnenröschen, der Hornklee oder die große Braunelle.

Warum das Naturschutzgebiet mit dem langen Namen „Steilhalden und Flussauen des Lechs zwischen Kinsau und Hohenfurch“ im Jahr 2004 ausgewiesen wurde, hat mehrere Gründe.

Der wichtigste ist, einen Abschnitt des Lechtals mit seinen vielfältigen Lebensgemeinschaften der Gewässer, Auen und Leiten mit dem Ziel zu erhalten und zu entwickeln, die Funktion des Lechtals als Floren- und Faunenbrücke zwischen Alpen und Jura zu sichern sowie zu fördern.

Der Lech, immerhin der ­fünftgrößte Fluss in Bayern, entspringt bis in Vorarlberg und mündet bei Rain in die Donau. Er ist 256 Kilometer lang. Bei Hohenfurch und Kinsau hat er weit mehr als die Hälfte der Wegstrecke hinter sich. Trotz des Forggensees und all der Staustufen, die Energie aus Wasserkraft erzeugen, sind natürliche Lebensräume verblieben.

Am bekanntesten ist die Litzauer Schleife bei Burggen im Landkreis Weilheim-Schongau. Ein gutes Beispiel dafür, wo sich Natur an Halden und in Flussauen entfalten kann, ist das Naturschutzgebiet zwischen Kinsau und Hohenfurch. Vorausgesetzt, dass der Erholungsdruck nicht überhandnimmt. 

Johannes Jais

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