Herbergssuche in Landsberg

Kommen Sie auf keinen Fall vorbei!

+
Omran Al Dairi in einem Sitzungsraum des BRK Landsberg.

Landsberg – Viele anerkannte Asylbewerber und Flüchtlinge suchen eine Wohnung, berichtete der Kreisverband Landsberg des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) kürzlich bei einem Pressegespräch. Das wäre ein gutes Thema für einen „Spaziergang“, sagte ich spontan: Ich gehe bei der Wohnungssuche einfach mal mit. Eine wunderbare Geschichte zu Weihnachten, dachte ich: Herbergssuche heutzutage. Ich hatte schon vor Augen, wie Vermieter und Mieter nach Besichtigung einer bescheidenen, aber ausreichend großen Wohnung einig werden, den Mietvertrag unterschreiben und sich die Hand geben. Das wäre ein rührendes Fotomotiv und ein tolles Symbol dazu.

Die Asylsozialberater des BRK hatten Omran Al Dairi (35) gefragt, ob er meine Begleitung bei der Wohnungssuche akzeptieren würde. Er hatte „ja“ gesagt. Doch als Omran und ich uns zur vereinbarten Zeit beim BRK treffen, werde ich enttäuscht. Der junge Syrer, dessen Frau und zwei Kinder demnächst nach Deutschland kommen, hat sich zwar auf viele Wohnungsangebote beworben, aber keinen einzigen Besichtigungstermin erhalten.

Omran sagt: „Kein Spaziergang“, und öffnet die Immobilien-App auf seinem Smartphone. Sie enthält lauter Absagen. Kein privater Vermieter, keine Wohnungsbaugesellschaft, keine Genossenschaft, ganz einfach niemand hat Omran auch nur die Chance gegeben, sich persönlich vorzustellen.

Obwohl der ehemalige Krimi­nalbeamte, der in Syrien um sein Leben fürchten musste, nicht lediglich subsidiären Schutz genießt, sondern den höchsten Flüchtlingsstatus, der in Deutschland vergeben wird. Obwohl er eine gültige Aufent­halts- und Arbeitserlaubnis besitzt. Obwohl er verständlich deutsch spricht. Obwohl er eine Festanstellung hat. Und obwohl er über ein ausreichendes monatliches Einkommen weit über dem Mindestlohn verfügt.

Leider ist die Wohnung bereits vergeben, leider haben wir uns schon anders entschieden, leider ist eine Besichtigung nicht mehr möglich. Das klingt wie: Bleiben Sie wo Sie sind, kommen Sie auf keinen Fall vorbei.

„Keine Chance“ sagt Omran. Ich mache ein Foto von ihm, wie er das Smartphone hochhält und mir die ganzen Absagen zeigt. Darauf sieht man ihm an, wie ängstlich er ist.

Er lebt immer noch, als „Fehlbeleger“, auf engstem Raum im Container in der Münchener Straße. Schon das geht eigentlich nicht: Omran arbeitet im EDEKA-Zentrallager im Schichtbetrieb und muss daher schlafen, wenn andere laut sein wollen. Er hat keine eigene Toilette, keine eigene Dusche, keinen eigenen Herd. In seinen Kleiderschrank passen gerade mal zwei Jacken.

Immer wieder muss er die wenigen Quadratmeter, die ihm zugewiesen sind, mit wechseln­den Mitbewohnern teilen. Geschätzt sind zehn Nationen im Container vertreten. Gemeinsamkeiten gibt es kaum. Die einzige Sprache, in der sich alle verständigen könnten, wäre deutsch. Omran spricht gut deutsch, jedenfalls so gut, dass man ihn versteht. Aber die anderen? Manche müssen noch lesen und schreiben lernen. Viele saßen noch nie auf einer Schulbank.

Nein, keine Frage: Omran muss da raus. Vom Container aus ist Integration vollkommen undenkbar. Aber am meisten Angst macht ihm, dass er nicht weiß, wie er seine Frau und seine zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt, unterbringen soll, wenn sie demnächst aus dem Exil im Libanon zu ihm kommen. Den Termin in der Botschaft hatten sie schon, jetzt warten sie nur noch auf den erlösenden Anruf, dass sie das Visum abholen können.

Omran zeigt mir ein Video. Darin springt ein junges Mädchen fröhlich umher und filmt das Zimmer, in dem es mit seiner Mutter und seinem Bruder untergebracht ist. Ich sehe unverputzte Wände, drei Matratzen auf dem nackten Boden, eine Baufolie als Türersatz. „Schau, wie schön das hier ist“, ruft die Tochter ihrem Vater zu, der zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie entfernt auf sie wartet. „Sie ist bescheiden“, sagt Omran.

Zwei Jahre lang hat er seine Tochter, seine Frau, die in Syrien französisch unterrichtet hat, und seinen Sohn nicht mehr gesehen. Sie können nur telefonieren. Auch das Video ist schon ein Jahr alt; Skype, WhatsApp und YouTube gehen nicht, weil Internet im Libanon viel zu teuer ist.

Am Telefon spricht Omran mit seiner Familie nicht darüber, was auf sie zukommt, wenn er nicht alsbald eine Wohnung findet. Das Landratsamt meint, Familiennachzügler seien automatisch Obdachlose. Seine Familie sei im Rahmen der „akuten Gefahrenabwehr in Notlagen“ ein Fall für die örtlichen Behörden. Die Zehn- und der Achtjährige kämen dann in ein Umfeld, das Traumata hinterlassen wird.

Die von Sozialministerin Emilia Müller für solche Fälle zugestandene Alternative, nachgezogene Familien ausnahmsweise in Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen, ist nicht viel besser. Solche Unterkünfte sind unstreitig kein zumutbarer Aufenthaltsort für Familien und Kinder. Im Landkreis braucht man darüber aber ohnehin nicht zu diskutieren. Nach Auskunft des BRK werden seit Kurzem keine Familien mehr in die einzig in Frage kommende „Soccerhalle Kaufering“ gebracht. Das Thema Obdachlosigkeit hat dadurch noch einmal an Dramatik zugenommen.

Also gibt Omran nicht auf und sucht mit Hochdruck weiter nach einer Wohnung. Drei Zimmer sollte sie haben und in Landsberg liegen. Sein Arbeitsplatz ist hier und er muss ja irgendwie dorthin kommen.

In Syrien hatte er ein Auto, natürlich auch einen Führerschein. Der wird aber in Deutschland nicht anerkannt. Omran hat daher für die deutsche Fahrerlaubnis gepaukt. Die Theorie hat er ohne Fehler bestanden. In der praktischen Prüfung ist er aber zum zweiten Mal gescheitert. Er fuhr auf der Autobahn zu langsam. „Ich habe noch gesagt: Es ist doch schlechtes Wetter“, sagt Omran, aber der Prüfer habe gemeint, es sei trocken und man müsse schneller fahren. Jetzt sind wieder Fahrstunden fällig, wieder eine Prüfungsgebühr, wieder ein paar Hundert Euro weg.

Omran hält sich die Hand an seine Brust und sagt: „Hier im Inneren sieht es ganz traurig aus.“ Mit seiner Familie floh er zunächst in den Libanon. Doch der Nachbarstaat von Syrien bietet ebenfalls keine Perspektive; von 17 Millionen Libanesen wohnen nur noch sechs im eigenen Land. Also machte er sich auf den Weg über die Balkanroute. „Viele Tage zu Fuß“, berichtet er knapp. Über welche Strecke, weiß er nicht mehr so genau, will es vielleicht auch nicht so genau sagen - „ich habe auch jemandem Geld gegeben“. Im Herbst 2015 kam er dann über Passau, München und Ingolstadt nach Landsberg.

Ohne Integrationskurs

Im Mai 2016 arbeitete er bereits, zunächst als Praktikant, dann, ab August 2016, mit einem unbefristeten Vertrag. Er lernte Gabelstapler-Fahren. Jetzt bedient er die riesige Leergutmaschine von EDEKA. Das in seinem Fall relativ kurze Anerkennungsverfahren nutzte er, um Deutsch zu lernen. Zu einem Integrationskurs hat er sich nicht angemeldet; er brachte sich die Sprache mit Online-Kursen und Videos über das Smartphone selbst bei. Für das Nötigste reicht das; Vermieter dürften keine Schwierigkeiten haben, sich mit ihm zu verständigen. Außerdem ist er praktisch: In Syrien hatte er ein eigenes Haus.

Das ist der Moment, an dem ich beschließe, das Foto wieder zu löschen, auf dem er mir die ganzen Absagen zeigt und verzweifelt aussieht. Wir machen das jetzt nochmal und Sie lächeln, sage ich, als wenn Sie fröhlich und glücklich sind. „Wenn die Familie da ist, wenn wir eine Wohnung haben, dann bin ich es ja auch“, sagt Omran. Machen Sie mal Werbung für sich, fordere ich ihn auf. Was spricht dafür, dass man Sie zu einer Wohnungsbesichtigung einlädt?

Da lacht Omran sogar. Meine Familie kommt, sagt er. Eine nette Frau. Zwei wunderbare Kinder. Und ich bin ein guter Nachbar. Ich bin immer ruhig und gelassen. Und fleißig. Und verdiene Geld. Und kann die Miete zahlen. Und ich habe viele deutsche Freunde. Und ich spreche deutsch. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben, sagt Omran Al Dairi.

Wenn schon er so große Schwierigkeiten hat, eine Wohnung zu finden, wie soll es dann denen gehen, die Unterstützung vom Jobcenter erhalten und keine Festanstellung nachweisen können, geht mir durch den Kopf. „Jobcenter“, das ist für viele Vermieter gleich das Ausschlusskriterium, weiß ich vom BRK, obwohl dann die Miete ja praktisch direkt vom Staat kommen kann. Die Organisation betreut derzeit 250 anerkannte Flüchtlinge. Sie alle haben über kurz oder lang das gleiche Problem.

Ist es Ihr Traum, hier zu bleiben, oder wollen Sie irgendwann wieder in einem anderen, einem gefahrlosen, einem demokratischen Syrien leben? frage ich Omran. Er zögert einen Moment und entscheidet sich dann für: „Deutschland ist sehr schön. Jeder Mensch hat den Traum, hier bleiben zu können.“

Warum auch nicht? Sollen wir ihn wirklich in einigen Jahren wieder zurückschicken? Ihn zwingen, ein drittes Mal von vorne anzufangen? In ein paar Monaten werden seine Kinder in Landsberg zur Schule gehen. Seine Frau wird Deutsch lernen und dann vielleicht wieder als Lehrerin für Französisch oder Arabisch tätig sein. Omran wird weiterhin arbeiten. Übrigens: Alle Jobs, die er hier bekam, waren unbesetzt; die Unternehmen, die ihn einstellten, suchten händeringend nach Arbeitern wie ihm.

Nein, wenn Omran Al Dairi mit Deutschland zurechtkommt, sollte Deutschland auch mit Omran Al Dairi zurechtkommen.

Als ich das Gespräch beenden und mein Aufnahmegerät einpacken will, sagt Omran: „Ich will noch sagen: Danke an die Deutschen. Ich weiß: Es ist auch schwer für sie. Es kommen viele Menschen hierher. Manche auch ohne guten Grund.“ Aber wer in wirklicher Not geflohen sei, solle die Möglichkeit erhalten, sich zu integrieren und ein normales Leben zu führen. Dann schließt er seine Jacke, rückt die Mütze zurecht, schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt zurück in den Container.

Die Einladung zu einer Besichtigung. Die Unterschrift unter einen Mietvertrag. Der Handschlag des Vermieters. „Herr Al Dairi, hier ist Ihr Wohnungsschlüssel!“ Wie sehnt er ihn sich herbei, diesen schönsten Tag in seinem Leben.

Werner Lauff

Spaziergang mit...

KREISBOTE-Autor Werner Lauff berichtet über Spaziergänge mit Persönlichkeiten, die Außergewöhnliches leisten.

Auch interessant

Meistgelesen

Adonis, Crysalis und das nächtliche Treiben der Gaukler
Adonis, Crysalis und das nächtliche Treiben der Gaukler
Der "Schwarze Prinz" begeistert das Ritter-Volk
Der "Schwarze Prinz" begeistert das Ritter-Volk
Mit dem "Kuhschwanz" auf den roten Teppich
Mit dem "Kuhschwanz" auf den roten Teppich
Bis 22. Juli: der Kunstverein Landsberg im Blauen Haus 
Bis 22. Juli: der Kunstverein Landsberg im Blauen Haus 

Kommentare