Mit dem Gespür fürs Wesentliche

Ausstrahlung: Rudi Gilk

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Rudolf Gilk beim Dreh für den BR.

Landsberg – Eigentlich verkörpert er die ganze Wertschöpfungskette, denke ich, als ich auf dem Weg zu ihm bin. Und entwerfe schon mal den Abspann seiner nächsten TV-Reportage. Idee: Gilk. Buch: Gilk. Kamera: Gilk. Ton: Gilk. Licht: Gilk. Schnitt: Gilk. Sprecher: Gilk. Regie: Gilk. Es fehlen nur noch Musik, Maske und Requisite; da kenne ich seine Talente nicht. Und dann hat er ja auch sein eigenes Filmtheater. „Ausstrahlung: Gilk“ kommt mir in den Sinn; das wäre doch ein hübscher, mehrdeutiger Titel. Denn bei allem was der 70-Jährige macht, kommen Erfahrung, Gelassenheit, Empathie und Humor zum Ausdruck. Diese Kombination aus Substanz und Augenzwinkern ist schon einmalig. „Ausstrahlung: Gilk“? Ja, das passt. Den Titel nehmen wir.

„Sie sind die Stimme Bayerns“ wäre auch in Frage gekommen. Das hat ihm mal ein bayerischer Staatsminister gesagt, nachdem er einen Beitrag Gilks in der Tagesschau gesehen hatte. Seine Stimme hat Timbre. Sie klingt souverän und gütig. Sein Bayerisch ist erkennbar und doch ARD-tauglich. „Ich kann’s nicht verstehen, aber die Stimme spielt offenbar die größte Rolle“, sagt Gilk, der „süffisante Vortrag“ gefalle allen. Er sei der einzige Reporter, der bei der Rundschau Dialekt sprechen darf. Nur ein Tagesthemen-Chef habe ihm mal gesagt: Sprechen Sie ganz hochdeutsch, dann kommt immer noch genug bayerisch raus. „Dös hob i dann halt so gmacht“, erzählt Gilk. Manchmal sagen Leute zu ihm: Ich war in der Küche und habe im Fernsehen Ihre Stimme gehört. Da bin ich aber ganz schnell gelaufen, um auch das Bild zu sehen.

Unser Spaziergang orientiert sich an Gilks Wertschöpfungskette: Wir beginnen mit der Kamera im Studio und enden mit dem Projektor im Vorführraum. Wobei die meisten Produktionen Gilks Fernsehbeiträge sind. Zum Beispiel übers Oktoberfest – da hat er praktisch einen Dauerauftrag des BR. Niemand beschreibt das Treiben auf der Theresienwiese volksnäher als er, niemand übermittelt Atmosphäre authentischer. Was für ein Unterschied zur aufgesetzten Fröhlichkeit von Moderatoren, die keine Ahnung haben, wie man Stimmung transportiert. „In Bayern gibt’s wenig bayerische Reporter“, sagt Gilk milde. Das ist eigentlich ein Ding; was machen wir dann eines Tages ohne ihn?

Ein halber Techniker

Angefangen hat der gebürtige Landsberger als freier Fotograf fürs Landsberger Tagblatt. Als seine Fotos über die Deutsche Presse-Agentur immer mal wieder als Standbilder im Fernsehen erschienen, rief er beim Bayerischen Rundfunk an: „Das könnt Ihr auch als Bewegtbild haben“. Er deckte dann fast das ganze Spektrum ab, vom Unfall in der Region bis zum Interview im Bayerischen Landtag. Am Anfang 30-Sekünder in schwarz-weiß, dann wurden die Beiträge länger und farbig. Zehn Jahre lang hat er filmisch vom Wiener Opernball berichtet. „Diese Dekadenz und das vornehme Getue liegen mir zwar nicht“, sagt Gilk, aber genau diesen Abstand habe der Bayerische Rundfunk geschätzt.

Geschnitten hat er die Filme im Wiener Hotelzimmer. Ein Schnittplatz war damals noch Überseekoffer-groß. Das hat sich verändert. Heute reicht für den digitalen Videoschnitt ein Computer. Kameras sind kleiner und leichter geworden. Dennoch hat das Schleppen in Rudolf Gilks Leben nie aufgehört. Er hat ein kräftiges Stativ dabei („ich mag keine Wackelaufnahme, außer beim Faschingszug“), Scheinwerfer fürs Licht, Galgen für den Ton, da kommt einiges zusammen. Manchmal schleppt Gilk das alles auch in Landsberg hin und her, denn seit vielen Jahren dreht er den Landsberger Stadtfilm.

Dann hat er kurze Wege in sein eigenes Studio, das so aussieht wie eines beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen seit den 80er Jahren: Wandverkleidung zur Echoreduzierung, Sichtscheiben zwischen den Räumen, Bandmaschinen, Plattenspieler, Mischpult. Die Schnittsoftware ist die gleiche wie beim BR; die Kameras sind das selbe Modell. „Man muss sich anpassen“. Gilk hat in dieses Studio immer wieder investiert, die Wechsel mitgemacht von 16 Millimeter-Film zu „MAZ“, von analog zu digital, von „SD“ zu „HD“, von „4 zu 3“ zu „16 zu 9“. Ein halber Techniker sind Sie mindestens, sage ich. „Es ist sagenhaft, was es alles gibt“, sagt Gilk. „Früher hatte die Kamera Zahnräder, heute dreht sich gar nichts mehr“.

One-Man-Show

Die meisten seiner Filme erstellt er immer noch als „One-Man-Show“. Er schreibt, dreht, schneidet, spricht, fügt Musik hinzu und liefert ab. Vor 40 Jahren war er damit noch „Exote“, heute wird das immer mehr verlangt. Das Selbst-Produzieren schützt Gilk vor Allüren verwöhnter Akteure der öffentlich-rechtlichen Anstalten, zum Beispiel dem unkündbaren Kameramann, der den Originalton nicht mehr abfilmt, „weil Mittag ist“. Dennoch hat Gilk selbst einen „12a-Vertrag“ gehabt - obwohl nur freier Mitarbeiter, bekam er arbeitnehmerähnlich Urlaubs- und Krankheitszeiten vergütet und auch zur Rente trug der Bayerische Rundfunk bei. Der BR wollte Gilk halt nicht verlieren. „Das ist ganz gut gelaufen“, sagt der Fernsehjournalist rückblickend.

Derzeit spare die Anstalt allerdings wie verrückt, um ihr trimediales Zentrum in Freimann zu bauen. „Das kostet viel Geld.“ Er selbst ist nicht betroffen: Die Aufträge kommen immer noch. Obwohl oder weil er sie sorgfältig erledigt. Fünf Minuten Film, das heißt gerne schon mal eine Woche Arbeit. Zwei, drei Geschichten im Monat, sagt Gilk, schaffe ich. Die beim BR, die schätzen einfach Ihre Heimatliebe, behaupte ich. „Wenn man das so sehen will“, sagt Gilk. „Sind Sie ein Erzähler?“ Das sei er in der Tat, und vor allem ein Erzähler, der Wert auf die Sprache und den Text legt. „Manchmal stört das Bild sogar, es sei denn, Bild und Text passen genau zueinander“.

Das ist ein Film

Wie verhalten sich die Menschen, wenn Sie mit der Kamera auftauchen?, frage ich nebenbei. „Im Bayerischen Wald haben sie noch Ehrfurcht, in München ist es umgekehrt“. Da wechseln sie eher die Straßenseite, als sich befragen zu lassen. Merkwürdig, denke ich, in sozialen Medien äußern Manche alles, im Fernsehen aber lieber nichts. Aber wir erreichen ohnehin gerade den Vorführraum im Olympia Filmtheater: Themenwechsel.

Gilk zeigt mir den Digitalprojektor mit der 3.000 Watt Xenon-Lampe samt 3D-Effektscheibe („macht Krach wie ein Flugzeug“). Er kaufte eines der ersten Geräte, Kostenpunkt 120.000 Euro; heute müsste er nur noch halb so viel ausgeben. Daneben steht noch der alte Projektor, 60 Jahre alt; „läuft noch“. Das Knattern der Filmrollen vermisst Gilk. Das geht Klaus Berghofer auch so, dem Filmvorführer, der kurz hinzukommt; er arbeitet seit 30 Jahren im Olympia. Inzwischen sitzt er vorne an der Kasse und kontrolliert das Bild einer Überwachungskamera, betritt den Vorführraum nur zur Vorbereitung. „Filmrisse gibt es ja nicht mehr“, sagt Gilk. Und wenn es jetzt mal eine Panne gibt? „Dann steht alles still, dann muss der Techniker her“.

„Das ist ein Film“, sagt Berghofer, und zeigt mir eine kleine Festplatte. Da sind zehn Sprachversionen drauf. Dann erklärt Gilk den Ton. Dolby Surround, fünf Endverstärker, vorne links, rechts, Mitte, hinten, Subwoofer. Manchmal ducken sich die Leute, weil ein Düsenjet von hinten kommt, die Leinwand aber noch nicht erreicht hat. Früher kam alles aus einem einzigen Lautsprecher, berichtet Gilk, seit 1936, dem Gründungsjahr des Kinos, da hat sich lange nichts geändert. 1987, als er das Filmtheater übernahm, hat er wiederholt mehr Komfort und mehr Technik installiert. „Kino muss ein Erlebnis sein“. Selbst für das „etwas ältere Publikum“, das immer wieder den Weg ins Olympia findet. Das hat auch einen Vorteil: „Da kleben keine Kaugummis mehr unter dem Sitz“.

Es geht dem Kino gut

Die Filme suchen die Gilks selbst aus, bei Film-Messen und in der Fachpresse. „So gesehen sind Sie Intendanten“, sage ich. „Wenn man das so sehen will...“ gibt Gilk erneut zurück. Diesmal ist ihm das zu hoch gegriffen. Apropos Bescheidenheit: Es gab ja Zeiten, da haben Sie über eine Vergrößerung des Kinos nachgedacht, sage ich. „Ja, aber dann hätte der Wettbewerb nachgezogen, draußen, wo man umsonst parken kann. Und ich wäre auf zwei Millionen Schulden sitzengeblieben. Nein, das ist gut so: Wir spielen schöne Filme, haben ein angenehmes Publikum. Es geht dem Kino gut. Es könnte besser gehen. Aber das muss nicht sein“.

Früher war mehr Mainstream: Dirty Dancing lief 21 Wochen. Auch das Dschungelbuch war für das Olympia ein Blockbuster. „Damals gab es nur einen Saal für 500 Zuschauer und der war voll, jeden Tag, jede Vorstellung“. Die „Wettbewerber“ in Kaufering und Penzing haben die Ausrichtung des Olympia in Richtung „besonderer Film“ verstärkt. Heute laufen die Angebote besonders gut, die Gilk neu einführt, zum Beispiel die Matinees, bei denen der Kaffee umsonst ist. Oder die Live-Opernübertragungen via Satellit aus dem Bolschoi-Theater in Moskau und der Mailänder Scala, ein bis zweimal im Monat. Das Bild wird mit zwölf Kameras erfasst, der Ton in Dolby 5.1 übertragen. Da komme jeweils Stammpublikum, das auch bereit sei, ein paar Euro mehr für dieses Ereignis zu zahlen, als Gilk für einen Kinofilm aufrufen würde. Hinzu kommen das Open Air-Kino im Sommer, Snowdance im Winter und das ein oder andere Special, bei dem auch Regisseure und Schauspieler vor Ort sind und nebenan, in der FilmBühne, Gilks Café, Espresso trinken.

Hat Rudolf Gilk noch Wünsche, frage ich im Gehen. Weiter arbeiten können: „Wenn i mal nix mehr arbeit‘, dann bin i tot.“ So ähnlich hat er’s gesagt; Gilksprech ist nicht verlässlich notierbar. „Mach‘s Dir schön“, sagen Freunde, „aber das kann ich nicht“. Über Donald Trump würde er gerne Filme machen; das wäre ein Spaß. „Wäre das dann Satire?“ frage ich. „So in etwa“, sagt Gilk. Ich drehe mich nochmal um. Das mit den Trump-Filmen hat mich elektrisiert. Sollte es möglich sein, von Landsberg aus mit den Talenten Gilks und dem Mittel Film dieses Thema ins Kino zu bringen? Wenn es nicht zu viel verlangt ist, sage ich, dann hätte ich einen Wunsch an Sie. Könnten Sie vielleicht mit dem Konzept schon mal anfangen? Am besten gleich jetzt?

Werner Lauff

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In einer Mischform aus Reportage und Interview erzählt KREISBOTE-Autor Werner Lauff einmal monatlich über Spaziergänge mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Außergewöhnliches leisten. Wohin der Weg führt, entscheiden die Befragten selbst.

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