KREISBOTEN-Serie: Spaziergang mit Sabine Hochrieser, Leiterin des Kriseninterventionsdienstes des BRK

Da sein und strukturieren

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Sabine Hochrieser, Leiterin des Kriseninterventionsdienstes (KID), vor einem Einsatzfahrzeug des BRK-Kreisverbandes Landsberg.

Landsberg – Als ich in die Celsiusstraße im Frauenwald einbiege und auf dem Hof des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) akkurat einparke, um bloß kein Einsatzfahrzeug zu behindern, ahne ich: Das wird kein Termin, den ich locker plaudernd absolvieren werde. Bei unserem Spaziergang durch das neue Gebäude des BRK-Kreisverbandes wird es vor allem um das unmittelbare Geschehen nach plötzlichen Todesfällen und persönlichen Katastrophen gehen. Um verzweifelte Hinterbliebene, geschockte Augenzeugen, erschütterte Ersthelfer und Menschen, die auf einen Schlag alles verloren haben.

Dann merke ich: Sabine Hochrieser, die Leiterin des beim BRK angesiedelten Kriseninterventionsdienstes (KID), spricht über diese Themen mit Behutsamkeit und einfühlsamer Routine. „Über konkrete Umstände darf ich wegen der Schweigepflicht sowieso nichts erzählen“, sagt sie und findet anschließend immer wieder Vokabeln, mit denen auch Menschen wie ich leben können, die beim Vorbeifahren an Unfallstellen eher weg- als hinschauen, geschweige denn fotografieren oder filmen.

Anzumerken ist Sabine Hochrieser aber auch: Sie hat sich auf das Gespräch gefreut, weil die 38-Jährige nicht nur ihr Team mit Passion führt, sondern zugleich eine Botschafterin ist - sie wirbt für die Idee „Krisenintervention“ und auch für das Ehrenamt. Die 20 Personen in ihrem Team sind alle unentgeltlich tätig, neben ihrem Hauptberuf.

Sie selbst ist Friseurmeisterin und wohnt in Schondorf. Im BRK ist sie „seit ich vier Monate alt war“. Seit 25 Jahren ist sie in der Wasserwacht aktiv. Dann war sie in Schondorf einige Jahre lang als „first responder“ tätig, war also als „Helfer aus dem Ort“ oft vor dem Rettungsdienst bei den verunglückten oder erkrankten Personen und leistete Erste Hilfe. Das habe sich gerade bei Schlaganfällen und Herzinfarkten als sehr erfolgreich erwiesen; bei schneller Hilfe gebe es bessere Überlebens- und Genesungschancen. Durch viele Aus- und Fortbildungen sei sie dann vor zehn Jahren zum KID gekommen, zur „psychosozialen Notfallversorgung“.

Das BRK hatte den KID vor 20 Jahren ins Leben gerufen, nachdem die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes unglücklich darüber waren, dass sie Angehörige von gerade verstorbenen Personen allein an einem Unfallort oder zu Hause zurücklassen mussten. Ähnlich ging es ihnen, wenn sie spürten, dass Ersthelfer oder Unfallzeugen psychologische Betreuung brauchten, die sie aber wegen weiterer Einsätze nicht leisten konnten.

Die Initiative habe dann der Diakon Andreas Müller-Cyran in München ergriffen; „er ist eine absolute Koryphäe auf diesem Gebiet“. Die ersten Mitglieder des Landsberger Kriseninterventionsdienstes (KID), eine Gruppe um Manfred Zaumseil und Rolf Böhm, hätten bei ihm persönlich ihre Schulungen erhalten.

Aber die Idee sei zunächst gar nicht so gut angekommen. In den Rettungsleitstellen, bei der Polizei und auch im Rettungsdienst selbst hätten die Betreuer der ersten Stunde zunächst einmal kämpfen müssen. Es habe lange gedauert, bis das KID-Konzept in den Köpfen gewesen sei. „Der Gedanke hat dann langsam Anklang gefunden“. Sogar heute sei noch „Lobbyarbeit“ erforderlich. „Wir müssen immer wieder sagen: Hallo, uns gibt’s, wir sind da!“ Gleichwohl sei es selbstverständlicher geworden, den KID zu rufen.

Ebenfalls vor zehn Jahren kam dann die kirchliche Notfallseelsorge hinzu. Heute arbeiten beide zusammen in einem Team - „ich freue mich sehr, dass das so gut klappt“. Einmal im Monat treffen sich die 20 Helfer im neuen BRK-Gebäude an der Celsiusstraße in Landsberg. Sie lernen sich besser kennen und führen gemeinsam Gespräche, zum Beispiel mit Psychologen, mit Experten der Polizei und mit Bestattern.

"Das halten wir aus"

Wie funktioniert ihr Einsatz genau, will ich wissen. Die Polizei oder der Rettungsdienst sind vor Ort, erklärt Hochrieser. Sie entscheiden, ob sie den KID brauchen oder nicht. Über die Leitstelle in Fürstenfeldbruck alarmieren sie uns. Dann geht unser Piepser. In der Summe ist das Team jeden Tag 24 Stunden lang alarmierbar.

Das Einsatzgebiet ist der komplette Landkreis Landsberg; 80 bis 100 Einsätze fallen im Jahr an. Zum Einsatz fahren die Teammitglieder allein oder zu zweit, bei größeren Vorfällen werden Kollegen angefordert. Jeder trägt in einen Plan ein, wann er zur Verfügung steht. Im Team sind auch Schichtarbeiter, Selbständige, Ruheständler und Teilzeitkräfte. Zum Einsatzort fahren sie übrigens mit ihren Privatfahrzeugen.

Einsatzindikationen seien Fälle, in denen jemand plötzlich verstirbt. Plötzlicher Herztod, plötzlicher Kindstod, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, Sui­zid. Aber auch die Betreuung von Augenzeugen bei Geiselnahmen oder Amokläufen gehöre zum Aufgabengebiet. Ein Beispiel aus München sei der Vorfall am Olympia-Einkaufszentrum. Ein weiterer Fall für ihren Einsatz sei existentielle Not etwa nach dem Abbrennen eines Wohnhauses oder bei einem Hochwasser wie zuletzt 2016 in Niederbayern; da seien auch Mitglieder des Landsberger Teams im Einsatz gewesen.

Bei Verkehrsunfällen würden sie an die Unfallstelle gerufen, wenn dort Ersthelfer, Augenzeugen oder unverletzte Angehörige vor Ort seien, die „psychologische Betreuung oder auch nur ein bisschen Halt“ brauchen. Häufig komme es auch vor, dass die Polizei den Dienst in Anspruch nimmt, um Todesnachrichten zu überbringen. Man fahre dann mit der Polizei zu den Angehörigen. „Die Polizei überbringt die Todesnachricht und wir bleiben“.

Nehmen wir mal den Fall, dass Sie bei Hinterbliebenen sind, was machen Sie da genau, will ich wissen. „In erster Linie sind wir da“, sagt Hochrieser, sind für die Angehörigen da. „Wir haben Zeit. Dass wir da sind, führt dazu, dass die Leute nicht alleine sind. Wir hören zu.“ Manchmal werde auch gar nicht gesprochen, manchmal werde nur geweint. „Das halten wir aus; wir schweigen dann.“

Ins Denken kommen

Der Dienst sei auch ein Binde­glied zwischen den Angehörigen und dem Rettungsdienst, dem Notarzt, der Polizei, der Kripo, dem Bestatter. Die Hinterbliebenen könnten in einer solchen Situation gar nicht „funktionieren“. Viele wüssten nicht, was sie jetzt machen sollen.

Die Hauptaufgabe des KID sei es, die Angehören zu „strukturieren“. Sie sollen wieder eine Linie finden, „wieder ins Denken kommen“. Die Mitarbeiter des Dienstes versuchten dann auch, sie zu motivieren, ihr soziales Netz zu aktivieren: Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn. Tatsächlich funktioniert Nachbarschaft noch, sagt Hochrieser. Jedenfalls bei uns. Und vor allem auf dem Land.

Konkrete Aufgaben würden die Mitglieder ihres Teams während ihres Aufenthalts bei den Hinterbliebenen nicht übernehmen. „Das müssen die Betroffenen tun. Das gehört mit zur Trauerarbeit, dass man sich um die Angelegenheiten selbst kümmert. Wir stehen aber dahinter, wir stärken den Rücken“. Der KID rate den Angehörigen auch, sich von den Verstorbenen zu verabschieden.

Die Team-Mitglieder blieben in der Regel zwei bis vier Stunden vor Ort. Wenn Verwandte oder Bekannte eingetroffen seien, könne man die Einsätze meist beenden. Weitere Gespräche sehe das Konzept nicht vor. „Wir kommen einmal, und zwar in der Akutphase“. Sie hinterließen keine Telefonnummer. „Wir machen keine laufende Betreuung und keine Trauerbegleitung“. Für weiterführende Hilfe gebe es andere Stellen und Organisationen.

Verfolgt Sie ein Einsatz noch lange? frage ich. Wir sind darauf ausgebildet, unseren Dienst von unserem privaten Leben zu trennen, antwortet Hochrieser; Psychohygiene sei wichtig. Dreimal im Jahr gebe es eine Pflicht-Supervision, weitere Supervisionen könne man in Anspruch genommen werden. „Ich habe bislang alle Einsätze so verarbeitet, dass mir kein einziger nachhängt; ich hoffe, es bleibt so.“ Sie habe irgendwann beschlossen: „Ich kann mitfühlen, darf aber nicht mitleiden“. Auch als Leiterin des Teams achte sie darauf, dass die Kollegen gesund bleiben.

Empathie und Berufung

Ich frage, ob das BRK noch weitere Mitglieder für das KID-Team sucht. Hochrieser lächelt: „Immer!“ Was müssen die können? schiebe ich nach. „Man bekommt vom BRK eine qualifizierte Ausbildung, die insgesamt zwei Jahre dauert. Aber das nötige Fingerspitzengefühl und die Empathie muss man mitbringen.“ Es gehöre eine Portion „Berufung“ dazu. Und jeder müsse wissen: „Der einzige Lohn ist Gotteslohn“.

Was hat Ihre Tätigkeit bei Ihnen persönlich bewirkt? frage ich und merke im gleichen Moment, dass das vielleicht ein wenig zu weit geht. Sabine Hochrieser lächelt trotzdem; sie denkt nach. „Was ich in den zehn Jahren gelernt habe, ist, dass ich mit Menschen, die mir am Herzen liegen, nicht im Streit auseinandergehe, weil man nicht weiß, ob man sich noch einmal wiedersieht.“ Außerdem nehme sie viele Dinge nicht mehr ganz so ernst, „weil es Wichtigeres gibt“. Sie habe auch die kleinen Dinge zu schätzen gelernt. „Ich bin dankbar und ein Stück demütig geworden“.

Sabine Hochrieser hat den Wunsch, „dass sich immer mehr herumspricht, was wir tun.“ Auch die Unverletzten und Hinterbliebenen seien von einem plötzlichen Tod elementar betroffen. „Wir können helfen. Und wir wollen das gerne immer wieder tun“.

Werner Lauff

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