Kreiskulturtage 2019: 

Musikstudio Robinson zeigt „Von Mut und Nächstenliebe“

+
Noch im kleinen Probenraum in der Alten Bergstraße, aber schon im Kostüm: Die Schauspielerinnen des Musikstudios Robinson mit ihrer Leiterin Nathalie Robinson (2. von rechts) bei den Proben zu „Von Mut und Nächstenliebe“ über die Krankenschwester Irena Sendler.

Landsberg – Vor elf Jahren ist Irena Sendler gestorben. Die Polin, die im Sozialamt in Warschau arbeitete, hatte Mut. Und zwar eine ganze Menge. Denn durch ihre Initiative konnten ab 1939 zahlreiche Juden gerettet und über 2.500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt werden. Die Truppe des Landsberger Musikstudios Robinson hat aus diesem Stoff ein Theaterstück mit Musik gemacht. Und wird es im Rahmen der Kreiskulturtage 2019 am 17. Mai im Stadttheater aufführen.

17 Jugendliche sitzen auf Holzbänken in dem kleinen Raum in der Alten Bergstraße. Vorwiegend Mädchen, nur zwei Jungs sind da. Die Holzdielen knarren unter den Füßen. Vorne steht Nathalie Robinson – Musikpädagogin und Leiterin des Musikstudios Robinson. Vor sich ein E-Piano, Noten. „Skripte weg, Klappe halten“, mahnt sie. Freundlich. Denn die Stimmung ist gut. Alle, die da sind, wollen auch da sein. Hier muss niemand.

„Stellt euch mal mit dem Rücken zueinander auf“, sagt sie. Es geht darum, gemeinsam einen Text unisono zu sprechen. Ohne dass sich die Spieler gegenseitig sehen können. Da heißt es, aufeinander zu hören, den Atem erkennen, um gleichzeitig die ersten Silben zu sprechen.

Es geht um die Zegota, den Rat für die Unterstützung der Juden, eine Untergrundorganisation im deutsch besetzten Polen. „Sie rettet zu Tausenden jüdische Kinder, bewahrt sie vor grausamer Tyrannei“, sprechen die Jugendlichen. Und dann kommt Musik dazu, mit Gesang: „Wir ringen weiter, voll Idealismus, wir werden nicht aufhören Beistand zu leisten, solange eine Zelle noch steht.“

Forscher schätzen, dass die Zegota von 1942 bis 1945 bis zu 60.000 Juden half. Die Organisation mit ihrem Zentrum in Warschau hatte rund 100 Zellen, die Juden in Arbeitslagern oder denen, die sich auf der ‚arischen‘ Seite des besetzten Gebietes versteckten, Essen, Medikamente, Geld und vor allem falsche Dokumente verschaffte. Die Sozialarbeiterin Irena Sendler leitete das Kinderreferat. Und half so, über 2.500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto zu schmuggeln. Untergebracht wurden die Kinder in Pflegefamilien, Waisenhäusern, Kirchen oder auch Klöstern. Nach Kriegsende versuchte Sendler, die Kinder wieder ihren Eltern zurückzugeben. Doch die meisten hatten Treblinka nicht überlebt.

Im Oktober 1943 wurde Sendler von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Preisgegeben hat sie jedoch weder ihre Arbeit im Untergrund noch die Namen der Geretteten. Weshalb sie zum Tod verurteilt wurde. Doch Mitglieder der Zegota konnten sie mit Bestechungsgeldern freikaufen. Yad Vashem nennt Sendler als eine der „Gerechten unter den Völkern“.

Als Sendler starb, saß Robinson gerade im Flugzeug. „Ich habe damals den Nachruf der FAZ gelesen und war sehr gerührt.“ Jeder kenne Oskar Schindler, aber Sendler gehe im kollektiven Gedächtnis leider unter. Was lag da näher, als den Stoff als Theaterstück zu verarbeiten? Robinson recherchierte lange. „Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.“ Allerdings waren ihre Schüler damals noch sehr jung – die ältesten sind heute, zehn Jahre später, gerade mal 21.

Aber als Annunciata Foresti Robinson das Thema der Kreiskulturtage nannte – Mut –, war das für die Musikpädagogin der Startschuss zur Realisierung. Erst schrieb sie das Skript. Und dann die Musik: einige Lieder, einige wenige Instrumentalstücke. Denn „Von Mut und Nächstenliebe“ ist nicht wie die anderen Robinson-Stücke ein Musical. Es ist ein Theaterstück mit Musik. Vier Streicher werden begleiten. Und Nathalie Robinson am Flügel.

„Ich schau schon, dass jeder mal eine Hauptrolle hat“, betont die Pädagogin. Denn beim Schreiben habe sie die ‚Kinder‘ vor Augen. Und dieses Mal ist es Ella Rathmann, die die Hauptrolle, die Irena spielen darf. Ella und Nathalie Robinson kennen sich schon seit zehn Jahren: seit Ella bei Robinson im Chor singt.

Für das Stück „Von Mut und Nächstenliebe“ wird schon seit Mitte Januar geprobt. Zum Beispiel die Lieder. Und wie genau so ein Lied klingen kann: Ob es bombastisch enden soll oder doch leise verklingen, das entscheidet die Leiterin gemeinsam mit ihrer Gruppe. Text und Lieder stammen von Robinson. Das Thema hat sie festgelegt. Und sie sagt auch, wie die Umsetzung aussehen soll: „So will ich das haben.“ Aber nicht diktatorisch. Vieles entsteht in der Gemeinsamkeit. Und wenn Robinsons Text Schwächen hat, dann dürfen ihre Schüler das auch jederzeit sagen.

„Irena Sendler hat so viel Mut bewiesen“, begründet Robinson ihre Themenwahl. Nicht nur, dass sie ihr Leben für die jüdischen Kinder riskierte. „Sie musste ja auch immer den Familien gegenübertreten, die wussten, dass sie nicht überleben werden.“ Und denen das jüngste Kind ‚wegnehmen‘, ohne wirklich versprechen zu können, dass es überleben wird. „Da gehört so viel Kraft dazu. Das zeigt genau, was es bedeutet, wenn man sich etwas traut.“

Auch diese Szene spielen die Jugendlichen des Musikstudios Robinson nach. Fünf Mädchen, Bündel in den Händen haltend, singen von den gerade zur Welt Gekommenen. Und dem Schmerz, sie weggeben zu müssen. Die Schauspielerinnen sind selbst noch so jung. Aber man glaubt ihnen jedes Wort.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

250 fesche Madln haben sich bereits beworben. Ist deine Favoritin schon dabei?
250 fesche Madln haben sich bereits beworben. Ist deine Favoritin schon dabei?
Traditionsreiche Trachtenmode am Puls der Zeit von Daller Tracht
Traditionsreiche Trachtenmode am Puls der Zeit von Daller Tracht
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Ohne Security geht es in der Ausländerbehörde nicht mehr
Ohne Security geht es in der Ausländerbehörde nicht mehr

Kommentare