Auf der Seite der Gewaltopfer

Kriminalität und Gewalt im Landkreis: ein Gespräch mit Edgar Gingelmaier vom Weißen Ring Landsberg

Edgar Gingelmaier vor Landsberger Stadttor
+
Leitet die Weißer Ring-Außenstelle Landsberg: Edgar Gingelmaier
  • vonAndrea Schmelzle
    schließen

Landkreis – Menschen, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden, haben mit dem Weißen Ring eine Anlaufstelle zur Hilfe. Mit dem Tag der Kriminalitätsopfer – heuer war er Ende März – möchte der Verein das Bewusstsein für Opferbelange stärken und Informationen zu Prävention, Schutz und praktische Hilfen geben. Normalerweise starten Kampagnen und Veranstaltungen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Corona hat es nicht ermöglicht, eine öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Der KREISBOTE hat mit Edgar Gingelmaier gesprochen, seit zehn Jahren Leiter der Außenstelle Landsberg.

Herr Gingelmaier, welche und wie viele Delikte gibt es im Landkreis?

„Wir betreuen hier alle Fälle von Gewalt: Missbrauch, sexuelle und häusliche Gewalt, Stalking, Mobbing, Diebstahl. Eine Zahl der Opfer zu nennen, ist jedoch schwierig. Wir führen keine Statisitk. Im Schnitt könnte ich von 60 bis 100 Fällen im Jahr für den Landkreis sprechen.“

Gibt es so etwas wie eine ‚Hierarchie‘ bei den Taten?

„An erster Stelle stehen sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt – körperlich wie psychisch –, dann die Themen Stalking und Mobbing. Erst danach folgen Diebstahl, Einbruch, Raub oder Totschlag. Häusliche Gewalt und Missbrauch sind nicht nur quantitativ dominanter, sondern die Themen beschäftigen uns langfristiger und sind für alle Beteiligten belastender. Wenn es bis zum Totschlag geht, ist das auch für uns eine schreckliche Erfahrung. Ein solcher – schlimmster – Fall ist schon ein paar Jahre her. In Stegen wurden eine Frau und ihr Kind umgebracht. Wir hatten sie von Anfang an begleitet und waren schwer betroffen. In solchen Fällen brauchen wir selbst Hilfe, etwa in Form einer Supervision von außen.“

Gibt es einen Unterschied zu anderen, vielleicht größeren Städten?

„Ja. Wir haben hier eher noch die ländliche Struktur. Es fehlt die Anonymität, vieles wird schneller öffentlich. Daher wird so einiges ‚unter dem Deckel‘ gehalten. Betroffene trauen sich oft nicht, ihre Themen anzugehen. Das heißt, etliche Fälle kommen erst gar nicht ans Licht. Besonders, wenn ein Vorfall innerhalb einer Familie passiert, ist die Hemmschwelle groß, den Fall zur Anzeige zu bringen. Das benötigt fast immer mehrere Anläufe und dauert oft Jahre. Mit vielen Möglichkeiten sind wir im Landkreis, obwohl es schon Fortschritte gerade beim Thema Beratungsstellen gibt, nicht ausgestattet, etwa mit einem eigenen, offenen Frauenhaus. Das ist immer noch unser Herzensanliegen. Aber wir sind froh, dass das Thema Konfliktwohnung nun in Angriff genommen wird.“

Wie verändert Corona die Lage?

„Es gehen derzeit nur wenige Anrufe bei uns ein. Beratung, Koordination und Kommunikation sind schwieriger. Wir versuchen vieles telefonisch oder per E-Mail abzudecken. Aber mir fehlt die Persönlichkeit, die Mimik und Gestik meines Gegenübers. Zudem ist in der aktuellen Pandemie-Situation eine von Gewalt betroffene Frau, die sich Hilfe suchen möchte, meist nicht mehr allein daheim, ihr Mann in Kurzarbeit oder Homeoffice. Ihre Hürde, sich Hilfe zu suchen, wird also größer. Die Dunkelziffer ist demnach hoch. Zahlen werden sich erst später, zeitversetzt, zeigen.“

Wie können Sie den Betroffenen helfen?

„Im Wesentlichen üben wir eine Lotsenfunktion aus. Wir sind ja selbst keine Fachleute, weder juristisch noch therapeutisch ausgebildet. Unsere Aufgabe ist es daher, entsprechende Kompetenzen einzubeziehen, etwa den Rechtsanwalt einzuschalten oder die Therapie anzuregen und zu begleiten. Wir nehmen die Betroffenen ‚an die Hand‘ und versuchen, sie durch ihr Alltagsleben zu führen.“

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

„Wir arbeiten mit einem Netzwerk zusammen, mit Behörden, Anwälten, Gerichten. Die wenigsten Menschen haben Erfahrungen mit dem Gericht. Für die oft traumatisierten Opfer von Gewalt ist die Lage noch prekärer. Sie wissen nicht, was sie bei einer Zeugenaussage erwartet, haben Schwierigkeiten, vor dem Täter zu sprechen. Darauf bereiten wir sie vor und begleiten sie während der Verhandlung. Auch zu finanziellen Themen beraten wir und schöpfen Förderungen aus dem Opfer-Entschädigungsgesetz aus oder bemühen uns um direkte finanzielle Entschädigungen über die Stiftung Opferhilfe Bayern.“

Unterstützen Sie selbst auch finanziell?

„Ja, in akuten Notfällen. Wenn unser Klient kein Geld hat, den Prozess finanziell zu bewerkstelligen, haben wir eine Möglichkeit, aus unseren eigenen Mitteln Unterstützung zu gewähren. Wenn einer alten Dame ihr ganzes Monatseinkommen geraubt wird, könnten wir ihr etwas Bargeld geben, damit sie sich zumindest für die Woche etwas zu essen kaufen kann. Zudem haben wir Erstberatungschecks für eine Rechtsberatung oder Therapien.

Welche sozialen Schichten sind von Gewalt und Kriminalität betroffen?

„Das ist querbeet, geht durch alle Schichten. Viel häufiger als man denkt, sind es wohlhabendere Männer, die in ihrer Familie Gewalt ausüben. Am Ende sucht die Frau immer nach Möglichkeiten, wie sie langfristig ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Da ist es egal, ob die Familie am Existenzminimum gelebt oder der Mann als Ernährer viel Geld verdient hat, an das die Frau dann nicht ‚herankommt‘.“

Welche Altersklassen sind am meisten betroffen?

„Gewalt und Kriminalität ziehen sich durch jedes Alter. Vom Enkeltrick betroffene Senioren, von Heiratsschwindlern betrogene junge wie ältere Frauen. Was sexuellen Missbrauch betrifft, kommen viele 20- bis 30-jährige Frauen zu uns, die meist schon als Kind missbraucht wurden und erst durch Symptome der Depression und eine dann begonnene Therapie dahintergekommen sind, was ihnen widerfahren ist. Auch Mobbing oder Betrug im Internet ist ein Thema im Landkreis, das immer mehr kommt, aber zum Teil noch auf Unverständnis stößt. Hier müssten die Leute besser informiert und involviert sein.“

Wie lange gibt es den Weißen Ring in Landsberg schon?

„Unsere Außenstelle gibt es schon seit mehr als 30 Jahren, mit unterschiedlichen Besetzungen. Momentan arbeiten wir in einem Team von sechs bis acht ehrenamtlichen Mitarbeitern. Wir haben mittlerweile über 200 Mitglieder – leider jedoch mit einer abnehmenden Tendenz.“

Welche Bedeutung hatte der Tag der Kriminalitätsopfer 2021?

„Hier im Landkreis hatte er in diesem Jahr kaum eine Bedeutung. Wegen Corona war es nicht möglich, eine Aktion oder Veranstaltung zu starten. Das Thema Fremdenhass, das unsere Bundesgeschäftsstelle als Motto gewählt hat, finde ich im Landkreis so gut wie gar nicht. Es gibt nicht einen Rassismusfall, der zu uns geführt hat. Damit meine ich rassistische Anschläge auf Geflüchtete. Etwas anderes sind Missbrauchsfälle oder Diebstähle in Flüchtlingslagern. Da sind wir schon involviert. Jedoch sind unter den Geflüchteten die Täter im Durchschnitt nicht zahlenmäßig stärker vertreten. Es gibt hier wie da Gute und Böse.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wo im Landkreis Landsberg morgen geblitzt wird
Wo im Landkreis Landsberg morgen geblitzt wird
ADFC-Fahrradklima-Test: Probleme beim Radverkehr in Landsberg
ADFC-Fahrradklima-Test: Probleme beim Radverkehr in Landsberg
Landsberger Polizei setzt Serieneinbrecher fest
Landsberger Polizei setzt Serieneinbrecher fest
Corona im Landkreis Landsberg: Inzidenz schwankt, bleibt aber weit über 100
Corona im Landkreis Landsberg: Inzidenz schwankt, bleibt aber weit über 100

Kommentare