Mit Eifer und Eifersucht

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Ankündigung des Konzerts mit Anne-Sophie Mutter

In unserer Region fanden 2018 zwei kulturelle Ereignisse statt, bei denen das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Mittelpunkt stand und die an Konzerte aus der Nachkriegszeit anknüpften. Im Mai die von Wolfgang Hauck und Karla Schönebeck organisierte Jüdische Woche, die unter anderem an das von Leonard Bernstein dirigierte Konzert in St. Ottilien am 10. Mai 1948 erinnerte. Und am heutigen Samstag ein Benefizkonzert mit Anne-Sophie Mutter und dem Orchester der Buchmann-Mehta School of Music aus Tel Aviv in Erinnerung an das erste, drei Jahre zuvor an gleicher Stelle von KZ-Überlebenden gespielte Konzert mit Werken von Grieg, Schubert und Mozart. Letzteres passt Hauck und Schönebeck offenbar gar nicht.

Gegenüber dem Landsberger Tagblatt (LT) erklärten sie, das heutige Konzert nutze das von 1945 nur "als Bühne für eine Show". Die Veranstalter wollten offenbar nur "irgendwas mit Juden" machen. Das Engagement der Star-Violonistin Mutter "überdecke die ganze Geschichtsbedeutung". Hauck bezeichnet das heutige Konzert dem LT zufolge sogar als "Verdrängung in elegant verkleideter Form". Außerdem sei der Termin kurz vor dem jüdischen Laubhüttenfest, das am heutigen Abend beginnt, falsch platziert.

Die Veranstalterin, Doris Pospischil aus Schondorf, reagierte darauf irritiert. Die Kritik sei "banal und unwürdig". Das von Professor Zeev Dorman dirigierte Benefizkonzert - das Abschlusskonzert der diesjährigen AMMERSEErenade - finde unter Schirmherrschaft von Charlotte Knobloch statt. Und der Termin kurz vor Beginn des Laubhüttenfests sei mit Zubin Mehta abgestimmt. Die Kritik von Hauck und Schönebeck sei "der Versuch, etwas schlechtzumachen".

Auch wir haben für die vernichtenden Missfallensäußerungen von Hauck und Schönebeck kein Verständnis. Wir empfinden sie gelinde gesagt als Unverschämtheit. Es gibt viele Formen der Erinnerung und viele Daten, an die man anknüpfen kann. Wir haben noch einmal nachgeschaut: Weder auf den Seiten von AMMERSEErenaden noch auf der Website des Klosters St. Ottilien wird das Konzert in irgendeiner Weise überhöht, mit Botschaften verbunden oder zum Schlüsselereignis der Erinnerungsarbeit des Jahres 2018 erhoben. Hier findet ein hochrangiges - übrigens restlos ausgebuchtes - kulturelles Ereignis statt, das nicht den Anspruch erhebt, einzig zu bleiben.

Kultur ist vielfältig. Die Akteure von Kultur sind vielfältig. Und niemand hat das Recht, seine kulturelle Tätigkeit für gut und eine andere für schlecht zu erklären. Die Herabsetzung des heutigen Konzerts, zu dem viele Musiker aus Israel angereist sind, kann man wohl nur mit Eifer und Eifersucht erklären. Schade, dass es möglich ist, dafür Gehör zu finden.

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