Kritik ist nicht gern gesehen

Kritisches Hinterfragen ist offensichtlich erst dann opportun, wenn vollendete Tatsachen geschaffen sind. So zumindest sind die Reaktionen von Bürgermeister Dr. Klaus Bühler und KZ-Mahnmalstifer Dr. Friedrich Schreiber auf die Bedenken dreier Historiker zu bewerten. Sie bezogen sich im wesentlichen auf Inschrift und Symbolik des am Sonntag enthüllten „Hain der 30000“. Bühler zeigte sich entsetzt, dass die Debatte noch vor der Einweihungsfeier entfacht wurde; Schreiber wiederum legte den Fachleuten nahe, einen „Schnellkurs im Rechenwerk des Meisters Adam Ries“ zu belegen.

Wie im KREISBOTEN berichtet, geht der ehemalige ARD-Korrespondent Dr. Schreiber davon aus, dass von den 30000 Häftlingen im KZ-Außenlagerkomplex Kaufering-Landsberg „etwa 20000 durch Zwangsarbeit, Hunger, Seuchen, auf Todesmärschen oder im Gas von Ausschwitz starben.“ Das hat er auf der Inschrift des Mahnmals am Kauferinger Bahnhof manifestiert. Die Historiker Dr. Edith Raim (Landsberg), Prof. em. Dr. Karl Filser (Augsburg) und Dr. Gabriele Hammermann (Dachau) halten diese Zahl schlichtweg für „falsch und nicht belegbar“. Nähere Aufschlüsse und neue Erkenntnisse sollen nach den Forschungen in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Dachau demnächst veröffentlicht werden. Nach eigenem Gutdünken Dr. Friedrich Schreiber ist da ganz anderer Auffassung. In einer schriftlichen Stellungnahme bemängelt er, dass „Historiker“ die 1949 vom damaligen Landrat Dr. Gerbl „nach eigenem Gutdünken“ in den Raum gestellte Zahl von 14500 „wie eine Monstranz sechs Jahrzehnte lang vor sich hertragen.“ Er, Schreiber, habe die einschlägige Akte im Landsberger Stadtarchiv „in achtstündiger Arbeit“ durchstudiert und sei entsetzt, wie man diese Zahl nach heutiger Quellenlage als historisch gesichert bezeichnen könne. Den Historikern rät der Journalist deshalb, die Angabe erst mal „systematisch und sorgfältig abzuklopfen“. Rechen-Schnellkurs Ohnehin müsse man nach Ansicht Dr. Schreibers nur bis drei zählen können. So stütze sich sein „etwa 20000“ auf drei Zahlen des Dachauer Archives. Danach hätten 30000 Häftlinge die elf Lager des Außenkommandos Kaufering durchlaufen, die Endzahlen im April ’45 würden mit „knapp 12000“ bzw. „gut 10000“ genannt. Schreiber: „Ich gehe von dieser globalen Arithmetik aus, weil die Zahlen mit größter Pingeligkeit von der SS-Schreibstube in Dachau erstellt worden sind.“ Die abschließende Empfehlung von Mahnmalstifter Schreiber an die promovierten Historiker Raim, Filser und Hammer- mann: Angesichts der Fakten- und Quellenlage sollten sie ihr „Studium der Historiographie durch einen Schnellkurs im Rechenwerk des Meister Adam Ries ergänzen.“

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