Kunst zum Anfassen

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Großer Andrang herrschte am Sonntag bei der Vernissage zur Ausstellung „Künstlerbücher“ im Kunstraum Stoffen. Rechts Hajo Düchtings „Farbbücher“.

Stoffen – Bücher, wohin das Auge blickt: Große Bücher. Kleine Bücher. Moorbücher, bunte Bücher, Bücher aus Holz, Leder, Pappe. Und natürlich aus Papier. Die Ausstellung „Künstlerbücher“ im Kunstraum Stoffen feiert das Buch als eigenes Kunstobjekt und Medium, durch das Kunst transportiert wird. Die Organisatoren Otto und Monica Scherer haben Werke von 15 regionalen und überregionalen Künstlern in ihrer kleinen Galerie versammelt. Entstanden ist eine vielfältige Ausstellung, die zum künstlerischen Lesen einlädt. Und das Schöne daran: Man darf die Werke anfassen.

Was ist das denn, ein Künstlerbuch? Dieser Frage widmete sich Kunsthistorikerin Dr. Gudrun Szczepanek in ihrer Einführung. Schon seit 400 n. Chr. habe man Bücher gekannt – als sich die Schriftrolle zum „Kodex“, zum Holzklotz formte, bevor Haut und schließlich Papier als Schreibmaterial entdeckt wurden. In den 60er Jahren entstanden dann die ersten Künstlerbücher, in denen Malerei, Zeichnung und Plastik verbunden wurde. Ein Beispiel für ein solch klassisches Künstlerbuch ist Eric Gands handgefertigtes Buch aus Leder mit Collagen im Inneren. Aber schon Hajo Düchtings grellbuntes „Colour Book“ geht darüber hinaus: „Ich thematisiere hier Farbe, das ganze Buch als ein Objekt oder aber die einzelnen Bilder auf den Seiten“, erklärt der Künstler. Die dicke Farbe lässt die Seiten aufspringen und macht aus dem Bändchen eine Farbexplosion.

Künstlerbücher sind meistens manuell hergestellte Unikate, eigenständige Kunstwerke, die „eher für den privaten Gebrauch“ gedacht sind, meint Szczepanek. Sie hängen nicht an der Wand, sondern man muss in ihnen blättern, wie zum Beispiel in Janos Fischers „gezeichnetem Tagebuch“. Auch Bettina Elsässer-Max‘ „Der Versuch der Zerstörung einer Lüge“ regt zum Blättern an: Als sie entdeckte, dass ihr Patenonkel, der Journalist Hermann Proebst, nicht nach Jugoslawien vor den Nazis geflüchtet, sondern von den Nazis in das Land geschickt worden war, suchte sie nach einem Umgang mit dieser Lüge. Entstanden ist ein Objekt aus dem Briefwechsel zwischen Fontane und dem antisemitischen Wolfgang Paulsen, in dem Elsässer bewusst den Inhalt negiert und nur auf die Schrift als Bild reagiert. Sie deckt Zeilen durch Metall ab, übermalt Textstellen, schwärzt, collagiert.

"Dicke Schinken"

Es gibt auch reine Objektbücher, skulpturale Bücher. So zu sehen bei Max Schmelchers „Moorbüchern. 10.000 Jahre Geschichte“: Verwittert aussehende „dicke Schinken“ aus Moor, das beim Trocknen eigenwillige Risse und Formen bildet. Oder auch die Arbeiten von Gerhard Stachora, die einen ganzen Raum belegen. Dort findet man „kandierte“ Bücher, das Wissen der Menschheit haltbar gemacht. Stachora sticht mit Nägeln quer durch den Buchblock und schafft so eine neue Leserichtung. Er verleiht einem Buch Flügel aus Gänsefedern. Oder er bewaffnet es – mit den Dornen von Rosengewächsen. Ebenfalls in diese Sparte fallen Rolf Hegetuschs Logbücher „Dolphin“ und „Endeavour“ – Expeditionsschiffe des 18. Jahrhunderts, die neue Welten erkundeten. Hegetusch kreiert zwei Holzschreine, die der Betrachter aufklappen muss. Innen dann Zeichnungen, Wachs, durchkreuzt von Linien, womit Hegetusch auf die ersten gewachsten Holztafeln anspielt.

Zeit zum Lesen

Aber da ist noch mehr. Zum Beispiel Baselitz „Malelade“, ein Riesenbuch, nicht mehr zum lässigen Unterm-Arm-Tragen geeignet. Ein Objekt an sich, aber auch zum Blättern. Es enthält Radierungen, einzelne Silben, als ob der Künstler stottern würde. Der Titel spricht für sich: Das Buch entstand, als Baselitz in einer Schaffenskrise war – er also krank, „malade“ war. Eines der vielen Sprachspiele, die in dieser sehenswerten Ausstellung zu finden sind. Um sie zu „lesen“, sollte man Zeit mitbringen. Denn man hat viel zu blättern. Oder nach Szczepanek: „Ich wünsche spannendes Be-Greifen.“

Susanne Greiner

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