Künstlergilde stellt aus:

Säulenhalle ohne Alternative

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In der Ausstellung der Künstlergilde „Alternativlos“ zu sehen: „Na komm!“ oder die Frau an sich von Heiner Beyer. Links Kulturreferent Axel Flörke im Gespräch mit Erik Urbschat.

Landsberg – Sie sind klein, haben dicke Bäuche und schwere Gliedmaßen. Ihr Gesichtsausdruck ist friedlich. Einer hat die Arme gekreuzt, beim anderen hängen sie herab. Sie weichen nicht von der Stelle, beharren auf ihrem Standpunkt. Wer hat recht? Herausfinden werden sie es nicht, denn sie sind aus Holz. Der Künstler Erik Urbschat hat die kauzigen Charaktere geschaffen und sie „Alternative A“ und „Alternative B“ getauft. Als zwei von über 50 Ausstellungsstücken in der Säulenhalle zeigen sie bis zum 21. Mai, wie sich die Künstlergilde Landsberg-Lech-Ammersee einem dehnbaren Thema nähert: „Alternativlos“

Die meisten Werke der Ausstellung fügen sich nicht leicht ins „Alternativlose“. So gibt auch Kulturreferent Axel Flörke zu, er habe sich beim ersten Rundgang sehr schwer damit getan, Thema und Kunst zusammenzubringen. „Alternativlos“ bedeutet laut Duden „keine andere Möglichkeit bietend“. Es suggeriert, dass bestimmte Entscheidungen gar keine sind, da es angeblich keine Alternative gibt. Und somit wäre jegliche Diskussion überflüssig. „Aber das darf es einfach nicht geben“, konstatiert Flörke. Zurecht sei es daher Unwort des Jahres 2010 gewesen. Der Begriff habe sich vor allem im Zusammenhang mit politischen Entscheidungen etabliert, sagt die erste Vorsitzende der Künstlergilde Petra Ruffing. Stehe er in diesem Umfeld für ein „Nicht anders Können“, seien Künstler hingegen darin geübt, Dinge anders zu sehen – Alternativen zu finden. „Als wir das Thema gewählt haben, waren wir bei Weitem nicht sicher, dass es angenommen wird. Aber wir sind positiv überrascht worden. Viele Künstler haben ganz neue Wege beschritten.“

Zum Beispiel Heiner Beyer. Bisher als Fotograf tätig, formt er für die Ausstellung „Na komm!“, eine kleine Bronzestatue einer Frau, die sich leicht nach vorne beugt – für ihn die Frau an sich. Oder auch Barbara Bayer, die bei „Vergänglichkeit I und II“ mit gerissenem Papier und verrosteten Metallobjekten arbeitet – nahezu abstrakt im Gegensatz zu ihren Aquarellen. Das Thema Vergänglichkeit haftet mehreren Werken an. So Volker Kurz‘ Rollbild-Linoldruck „Ins Jenseits“, das Totenköpfe schmücken. Auch bei seinen Ölbildern ist Vergänglichkeit offensichtlich: Schweine beim Schlachter auf dem Band: „Der letzte Gang“. Katinka Schneweis‘ „Verlorene Heimat“ zeigt eine Figur, vielleicht eine Frau mit Kind im dichten Nebel, der alles verhüllt. Neben ihr klafft ein Loch. „Ich habe drei Jahre an diesem Bild gemalt“, erzählt die Künstlerin. „Zuerst war es ein Frauenkopf, der Nebel ist später dazugekommen.“ Die Alternative im Bild selbst sozusagen. Vielleicht passt auch Annunciata Forestis Bild „Rosenduft“ dazu: Es zeigt fast schon abstrakte Rosen in voller Blüte, kurz bevor sie verwelken. Der Augenblick, der schon vorüber ist. Tatsächlich alternativlos.

Einige Künstler wählen die politische Seite des Begriffes. Christel Ploppa-Lechner zeigt in „Gleiches Recht! Alternativlos!“ eine Menschengruppe in abstraktem Wüstengelb und Meerblau stehend. Um sie herum sind Buchstaben in das erhabene Acryl geritzt – die Menschenrechte. Andere Werke beschäftigen sich mit Flucht und Krieg. Doch viele stehen scheinbar ohne Bezug zum Thema „Alternativlos“. So das Bild des kürzlich im Starnberger See ertrunkenen zweiten Vorstands der Gilde Roland Müller. Wasserwogen, in ihnen ein Treppenabsatz, darauf ein verlassener Schneewittchenschuh. Ein Fluchtweg? Traudl Pfeiffers eindrucksvolle Collage zeigt Mann und Frau, beide blauhaarig. Es heißt „Alternativlos?“, aber warum? Oder Gislinde Schröters grandiose Assemblage „Operndiva“ aus den Fundobjekten Feder, Leder und einer Glühbirne für den Kopf. Auch Barbara Wagner-Gschwills eindrucksvolle in Mischtechnik entstandene „Am Meer I und II“ gehören zu den Werken, die sich scheinbar gegen das Thema sperren.

Doch man muss nur lange genug nachdenken, dann findet man schon irgendwas. Alles passt letztendlich irgendwie. Braucht man dann überhaupt ein Thema? Vielleicht nicht. Aber es führt dazu, dass man die Bilder betrachtet, dass man nachdenkt. Und dafür sei jeder noch so dehnbare Ausstellungstitel erlaubt. Denn so soll es sein.

Susanne Greiner

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