Kochen über den Tellerrand

Kultureller Austausch über den Gaumen – Jordanien schmecken und erleben

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Für Ehrenamtliche „über den Tellerrand gekocht“ haben kürzlich Geflüchtete aus Jordanien. Das Buffet im Gemeindesaal der Pauluskirche in Kaufering war reichlich bestückt.

Kaufering – Geflüchtete aus Jordanien kochten im Gemeindesaal der Pauluskirche für ehrenamtliche Helfer aus Landsberg und Kaufering. Bei der Aktion „Über den Tellerrand kochen“ unter der Leitung von Flüchtlings- und Integrationsberaterin Elke Puskeppeleit wurden die Freiwilligen nicht nur mit orientalischen Speisen verwöhnt, sondern sie lernten auch einiges über das Heimatland der Geflüchteten – sowohl über die schönen Seiten Jordaniens, als auch über die Probleme und Konflikte seiner Bewohner.

Schon von der Straße riecht man an diesem Abend den verführerischen Duft exotischer Gewürze. Im Gemeindesaal ist die U-förmige Tafel schon gedeckt. Direkt am Eingang des Raumes wird man als Besucher zum Verweilen eingeladen: Hier informiert eine Tafel mit bunten Bildern und Plakaten über das Land Jordanien. Neben Fotos von Sehenswürdigkeiten wie der antiken Felsenstadt Petra hängt dort auch der sogenannte Weltverfolgungsindex. Der zeigt an, wie stark Christen im jeweiligen Land bedroht und verfolgt werden. Auf der weltweiten Rangliste belegt Jordanien den 21. Platz. Ein trauriger Rekord. Dazu werden die Geflüchteten später an diesem Abend noch einiges zu sagen haben. Doch zunächst bereiten die Jordanierinnen Alima, Fida, und Basima (Namen geändert) in der Küche mit emsiger Betriebsamkeit Speisen vor.

Die werden wenig später auf einem großen Buffet aufgetischt. Es gibt Hummus, Reis mit Zimt und Lammfleisch, sommerlichen Kräutersalat, gebratenes Brot und Hähnchen. Doch bevor die Gäste alles probieren dürfen, begrüßt Elke Puskeppeleit die drei Köchinnen und den Koch als Ehrengäste des Abends. Zwei Tage Arbeit haben die vier für die Vorbereitung investiert, allein alle Zutaten zu besorgen war ein großer Aufwand. „Einige davon haben Freunde aus Jordanien mitgebracht, weil es die hier nicht gibt“, erklärt Fida. Besonders die Gemüsesorten seien hier ganz anders. Anschließend musste alles zum Weiterverarbeiten in die Küche der Pauluskirche transportiert werden, denn zum Kochen ist in der Unterkunft der Geflüchteten nicht genug Platz. Der Abend ist vor allem als kulinarisches Dankeschön für die Unterstützung der Ehrenamtlichen gedacht.

Kultureller Austausch

Das Projekt „Kochen über den Tellerrand“ wird von der Stiftung „Welten verbinden“ finanziell unterstützt. Die Idee, mit Flüchtlingen zu kochen und so den kulturellen Austausch zu fördern, kommt ursprünglich von einer Studentengruppe aus Berlin. Der Verein „Über den Tellerrand“ wurde vor fünf Jahren gegründet. Mittlerweile gibt es die Aktionen in ganz Deutschland. Der Verein finanziert sich inzwischen über Kochkurse und den Verkauf von Kochbüchern, wie beispielsweise dem Band „Eine Prise Heimat“.

Im Gemeindesaal schallt nun arabische Musik aus den Lautsprechern. Auf der Leinwand läuft eine Präsentation, die den Gästen das Land näher bringen soll. Immer neue Bleche mit gebackenem Hähnchen und Platten mit Reis werden hereingetragen. Die knapp 30 Gäste können sich am Ende sogar noch Essen mit nach Hause nehmen. In so großen Mengen zu kochen, sind die Jordanier gewohnt. „Wir haben viele Freunde und große Familien. An Weihnachten, Ostern und an Geburtstagen lieben wir es, für alle zu kochen“, erzählt eine von ihnen. Dann wird ein Tischgebet gesprochen, das Vater-Unser auf Arabisch. Denn die Jordanier sind Christen. Damit sind sie in ihrem Heimatland in der Minderheit. Über 90 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, nur circa fünf Prozent Christen.

Frauen ohne Rechte

Als alle Gäste satt sind, beginnt eine der Frauen, von ihrem Land zu erzählen. „Das was ich jetzt sage, dürfte ich in Jordanien nicht sagen, das wäre zu gefährlich“, fängt sie an. Dann berichtet sie von all dem Unrecht, das sie in ihrem Land ertragen musste: „In der Moschee wurde jeden Freitag gepredigt, dass wir Christen Ungläubige und Feinde Gottes sind. Und das mussten wir akzeptieren. Sich aufzulehnen wäre zu riskant gewesen.“ Außerdem hätten Frauen in Jordanien keine Rechte. „Man darf nicht mal ohne Erlaubnis des Mannes einkaufen gehen“, erklärt sie. Weitere Konflikte mit den Muslimen seien entstanden, weil sie sich als christliche Frauen nicht verschleierten. Deswegen seien sie auf der Straße beleidigt worden.

Bewerbe man sich als christliche Frau auf eine Stelle, hätten nicht nur sämtliche männlichen, sondern auch alle muslimischen Bewerber Vortritt, auch wenn sie schlechter qualifiziert sind. Vor allem wegen dieser Unterdrückung sei sie nach Deutschland gekommen, erklärt die Geflüchtete in der anschließenden Frage­runde im Gemeindesaal. Das ist nicht nur eine Frage der Würde, sondern auch eine über Leben und Tod. Sie berichtet weiter: „In Jordanien haben kürzlich 15 Männer eine Frau exekutiert, die nichts anderes gemacht hat als für ihre Rechte einzustehen.“

In Deutschland erhoffen sich die Frauen eine bessere Lebenssituation. „Hier fühle ich mich sehr frei“, sagt sie. Die Ehrenamtlichen sind erschüttert, aber auch sehr interessiert an der Lage in Jordanien. Lange wird in dieser Runde noch diskutiert. Die Unterdrückung von Frauen und Christen ist an den Tischen bis spät in den Abend Thema. Es wäre wohl nicht verkehrt, so einen Abend des Austauschs als Pflichtveranstaltung jedem deutschen Bürger zu verschreiben. Denn diejenigen, die es am nötigsten hätten, über den Tellerrand zu blicken und Vorurteile zu überkommen, fehlen an diesem Abend leider. Die Gäste sind sich jedenfalls einig: Dass die Jordanier jetzt in Deutschland sind, ist für uns eine Bereicherung – nicht nur wegen des guten Essens.

Rezepttipp: Taboulé

Für den sommerlichen Kräutersalat, der im Original Taboulé heißt, lassen Sie zunächst Bulgur in heißem Wasser quellen. Schneiden Sie Gurke, Tomaten, Petersilie, Zwiebel und Minze ganz klein, mischen alles zusammen und fügen als Dressing Zitronensaft, Öl und Salz hinzu. Und schon heißt es: Guten Appetit!

Sophie Vondung

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