Ein Freibad voller Kunst

Besuchermagnet „Kunst geht baden“ im Greifenberger Warmbad

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Greifenberg – Freibad, das ist Chlorgeruch mit dem Duft von Pommes und Tiroler Nussöl. Akustisch drängt Platschen ans Ohr, Kindergeschrei, dahinter Stimmengemurmel, Lautsprecherdurchsagen. Und dazwischen das Federn des Sprungbretts, wenn wieder ein Teenie per Arschbombe das Becken traktiert. Im Greifenberger Warmbad ist all das seit Langem Geschichte. Aber mit „Kunst geht Baden“ der drei ‚Freischwimmer‘ Andreas Kloker, Janos Fischer und Axel Wagner wacht es nochmals für fünf Tage auf. Und wandelt sich zum vergänglichen Kunstparadies mit vier Becken, 20 Räumen und 40 Künstlern.

Es ist ein Erfolg auf ganzer Linie: Um halb vier am ersten Tag der Ausstellung, dem 1. Mai, sind es schon knapp 900 Leute plus ungezählte Kinder, die seit 11 Uhr den Kunsttempel ‚Warmbad Greifenberg‘ begutachten. Wobei „Tempel“ nicht das richtige Wort ist. Denn besinnlich ist hier wenig, vielmehr strotzt das Bad vor Leben in Form von Kunst mit einem oft schelmischen Augenzwinkern. Arbeiten, die sich das Freibad zu Eigen machen und aus Altbekanntem Neues zaubern.

Gleich am Eingang zeugt ein ‚Besetzt‘-Graffiti von der Badentfremdung. Die Mitfahrerbank hat Schwimmflügel und aus ‚Warmbad‘ wird ‚Coolbetter‘. Hinter dem Eingang zitiert Gesine Dorscher mit „Wasserfarben“ in unterschiedlichen Blautönen das Wasser der jetzt leeren Becken in Flaschen. Christof Jenauth lässt zwei Duschen miteinander flirten – in dem sie die Köpfe einander zuwenden und 100 Stahlseile aus dem einen Kopf zum anderen führen. In den Bäumen auf der Liegewiese tropfen überdimensionale Teebeutel von Franz Hartmann samt Soundinstallation – das Federn des Sprungbretts, ein Platschen, das Geräusch ablaufenden Wassers – als „Auszeit – der Traum vom großen Sprung“. Dahinter lockt Andreas Klokers Verwandlung des großen Sandkastens: kleine Wellen, Sandberge, dazwischen tauchen Köpfe aus den Wellen – Sand oder Wasser? Und das Nichtschwimmerbecken verwandelt Felix Taizet mit halbaufgeblasenem Schlauchboot, Rettungswesten und einem Motorboot in ein zweites Lampedusa.

„Die Idee, das Bad als Kunstforum zu nutzen, gibt es schon, seit das Bad zu ist“, erzählt Axel Wagner. Die Auflagen seien jedoch vielen zu hoch gewesen. Vor allem das korrekte Absichern der Becken. „Wir hatten dann die Idee, die Geländer mit der alten, blauen Becken-Abdeckplane zu bespannen“, erzählt der ‚Freischwimmer‘. Eine kostengünstige und optisch gelungene Maßnahme. „Ab da ist es super gelaufen.“ Auch wenn das Bad anfangs so aussah „als ob es bei einem Chloralarm verlassen wurde“, beschreibt die Dießener Künstlerin Nue Amman ihren Eindruck beim ersten Bad-Rundgang. Doch die ‚Freischwimmer‘ sind zufrieden. Denn was eigentlich eine „kleine feine Ausstellung“ werden sollte, so Wagner, verpuppte sich nach und nach zum Festival.

Wagner erzählt von seinen Erinnerungen an das Bad. Mit 14 schwamm er mit seinem Freund um die Wette. 20 Bahnen, „zwanzig Mal hin und her“, erzählt er und schaut versonnen auf die wasserblauen Wände, während er auf dem Absatz an der Beckenwand sitzt, auf dem früher die Füße der Schwimmer standen. „Meine Kinder haben hier schwimmen gelernt. Und jetzt ist aus diesem Gefühl ‚Schwitzen und auf die Kinder aufpassen‘ ein ‚angeregt Kunst genießen‘ geworden.“ Wofür massenhaft Arbeit nötig war.

„Ich habe noch heute Morgen die letzten Spiegel für meine Arbeit gesteckt“, erzählt Amman. Ihr „Lichtregen“ fängt durch 1.000 runde Spiegel das Blau des Himmels ein – lässt das Glitzern des Wassers wieder aufleben. Wobei die Spiegel wörtlich den „Himmel auf Erden“ formen. „Für mich hat die Erinnerung an Freibad etwas Paradiesisches“, erklärt die Künstlerin. Um zu Ammans Arbeit zu kommen, muss man durch den Kleiderbügelwald von Felix Maizet. Genau, diese furchtbaren Plastikdinger mit dem blauen Netz, in denen sich immer alles verfangen hat.

Das Verfremden und der damit einhergehende Wiedererkennungseffekt ist es, der „Kunst geht baden“ so genial macht: Axel Wagner legt Eis unter einen Hängefön – natürlich das zwischen zwei Waffeln. Thomas Silberhorn lässt „das Piece vom Schwimmbad“, das abgegangene Pflaster, in einer Wassersäule gleich einer Lavalampe tanzen. Stefanie Pietsch erhebt gleich die ganze Freibadkultur zur Ikone: in Form von vergoldeten Flossen, Schwimmbrettern, Badelatschen. Und Matthias Rodach widmet sich mit seinen lebensgroßen Skulpturen aus Stäbchenparkett den unterschiedlichen Freibadbesuchern – die Liegende oder der Dicke mit Flamincoschwimmring vor dem waghalsigen Sprung ins kühle Nass.

Wörtlich festgehalten wird das Freibadfeeling von Andreas Kloker an einer langen Wand mit hellblauer Farbe. Wobei die Worte von den Besuchern stammen. Hier zeigt sich, dass ‚Freibad‘ ein Gefühl ist. Eine Erinnerung, die im Detail für jeden einzigartig ist. Aber die sich in der Grundtendenz gleicht: ein kleines Glück. Oder eben der Geruch von Pommes, Tiroler Nussöl, Chlor.

Die absolut sehenswerte Ausstellung „Kunst geht Baden“ im Greifenberger Warmbad ist noch bis Sonntag ab 11 Uhr geöffnet. Bis 20 Uhr ist der Eintritt frei. Abends gibt es Performances und Party. Das Programm gibt es unter www.kunstgehtbaden.de.

Susanne Greiner

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