Durch die Hölle von Kaufering

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Uri Chanoch überlebte das KZ Kaufering/Landsberg und kümmert sich heute darum, dass auch die jüngeren Generationen von seinem Stück Geschichte erfahren.

Landsberg/Kaufering – Tausende KZ-Häftlinge gingen in den Lagern um Kaufering zugrunde – Uri Chanoch überlebte. Nun kehrte der 84-Jährige zum wiederholten Mal in den Bunker der Welfenkaserne zurück, für den er fast starb. Am Donnerstag trennte er sich dort von einem Stück Vergangenheit.

Er hat sie nicht losgelassen. Uri Chanoch, 84, Jude und Überlebender des KZ-Kommandos Kaufering-Landsberg, hat am Dienstagmorgen die gestreifte Häftlingsjacke aus dem Schrank in Tel Aviv genommen und sie in eine schwarze Plastiktüte gepackt. Dann hat er sie festgehalten, die ganze Zeit. Im Flugzeug nach München, im Taxi zum Hotel, vor dem Fotografen. Die Jacke war einmal alles, was er besaß – neben einer Hose, Schuhen und seinem Leben. Fast 70 Jahre hat er sie mitgeschleppt, sagt er. Heute trennt er sich von ihr. 

Uri Chanoch überlebte das KZ in Kaufering

Uri Chanoch leiht die Jacke der kleinen Ausstellung, die in dem von der Bundeswehr genutzten Bunker der Landsberger Welfenkaserne unterge­- bracht ist, in dem er sich fast zu Tode schuftete. An diesem Ort gedachte der Landtag am Donnerstag der Opfer des Nationalsozialismus. „Dort sehen mehr Menschen die Jacke als bei mir im Schrank“, sagt Chanoch. Dort gehöre sie hin. Er wiegt den kahlen Kopf und sagt: „Was in Kaufering passiert ist, das war Sadismus pur.“ 

Die "Hölle von Moll" 

Kaufering-Landsberg war das größte Außenlager des KZ Dachau. Ab 1944 ließen die Nazis dort drei Bunker bauen. Sie wollten den Düsenjäger Messerschmitt Me 262 unterirdisch produzieren, sicher vor Luftangriffen. Nur ein Bunker wurde fast fertig, er steht noch, 233 Meter lang, 85 Meter breit, 25 Meter hoch: Weingut II. Stahlbeton-Wände, bis zu 16 Meter dick. Heute gehört er der Bundeswehr, ein Dienstposten sorgt dafür, dass Vergangenheit nicht vergessen wird. Von Juni 1944 bis April 1945 starben im KZ-Kommando Kaufering-Landsberg 6391 Menschen, andere Schätzungen liegen noch höher. Die Zwangsarbeiter nannten die Baustelle die „Hölle von Moll“. Moll hieß die Baufirma. Sie stand für Tod und Vernichtung. Uri Chanoch überlebte die Hölle. Er sitzt am Dienstagabend in einer Hotellobby, seine schlanken Finger halten eine Tasse mit grünem Tee. Leise erzählt er von seinem Leben, das die Nazis durch Arbeit vernichten wollten.

 Drei Tage, drei Nächte

 Bevor sie Uri Chanoch die Kindheit und den Glauben an Gott rauben, lebt er mit seinen Eltern, Schwester Miriam, Bruder Daniel und dem Hausmädchen in Litauen. Als 1941 die Wehrmacht einmarschiert, muss die Familie ins Ghetto Kauen. Drei Jahre später wird es aufgelöst. Tausende Juden waren ermordet worden, tausende karren die SS-Schergen jetzt nach Kaufering und Landsberg – dort brauchen sie Arbeiter für den Bunkerbau. Drei Tage und drei Nächte dauert die Fahrt im Viehwaggon. Neben Uri, 16 Jahre alt, sterben Menschen wie Fliegen. Beim Zwischenhalt im KZ Stutthof wird die Familie auseinandergerissen. SS-Männer sortieren Uris Schwester und Mut­ter aus, sie taugen nicht für Kaufering. Zum Abschied drückt ihm seine Mama ihr Bild in die Hand. Später versteckt er es in seinen Schuhen. Doch der Schweiß löst die Farbe auf. Kurz vor Uris Rettung verblasst das Bild. Zur gleichen Zeit starb die Mutter, erfährt er als Erwachsener, vermutlich an Typhus. Was mit seiner Schwester passierte, weiß er bis heute nicht. Chanoch hat die Geschichten oft erzählt, vor Schülern, Politikern, Journalisten. Aber jetzt versinkt der große Mann im Stuhl, sagt mit brüchiger Stimme: „Ich hatte eine großartige Mutter.“ Und weint. Uri, sein Vater und sein Bruder kommen am 15. Juli 1944 in Kaufering an. Sie erschrecken, als sie die Unterkünfte sehen: feuchte, verlauste Löcher. Wie Kartenhäuser aus Sperrholzplatten, darüber Erde. In der Mitte ein kniehoher Graben, rechts und links Bretter auf dem Boden. Manchmal schlafen so viele Häftlinge darauf, dass sie nur seitlich liegen können, so eng ist es. 

Grau-blaue Anzüge 

Ihre Kleidung müssen die Chanochs gegen grau-blaue Anzüge tauschen. Viele Häftlinge weigern sich, den SS-Männern ihren Schmuck zu überlassen, werfen ihn heimlich in die Latrine. „Die haben das erfahren. Wir mussten in die Fäkalien steigen und sie suchen“, erzählt Chanoch und lacht bitter. Sein Vater rettet eine kleine Platte Gold, er gibt sie einem Freund – der soll sie für Uri aufbewahren. Wenig später bringen sie seinen Vater nach Au­- schwitz. Wie 2700 andere ist er zu schwach für die „Hölle von Moll“, er wird vergast. Auch Uris Bruder schicken sie mit 130 Kindern nach Auschwitz. Nur 31 überleben, darunter ist Daniel Chanoch. Uri läuft jeden Tag die Kilometer vom Lager I zur Baustelle. Täglich zwölf Stunden Schwerst­arbeit. In einem Jahr verschieben die KZ-Häftlinge eine Million Kubikmeter Erde, verbauen 310000 Kubikmeter Beton und 12000 Tonnen Stahl. Aufseher schlagen ausgemergelte Arbeiter mit Gewehrkolben. Viele stürzen in den flüssigen Beton. Die Leichen liegen noch heute dort. Die meisten sterben an Erschöpfung. Es gibt nur dünne Suppe und Brot aus Sägemehl. Einmal klaut Uri von einem Laster eine kleine Kartoffel. Zur Strafe muss er einen Tag und eine Nacht im Hof stehen, bei Eiseskälte, die Kartoffel im Mund. Er will sterben. Gegen den Hunger trinkt er viel, vom Wasser schwellen die Füße an. Als die SS-Männer das Lager kurz vor Kriegsende räumen und Uri mit hun­- derten Häftlingen in einen Zug nach Dachau stecken, kann er kaum gehen. Die Amerikaner bombardieren den Zug, Uri flieht. Am 27. April 1945 ist er frei. Wo Uri Chanoch und 21000 Häftlinge litten, steht jetzt die Welfenkaserne. Es ist still dort, manchmal marschieren junge Männer in Tarnkleidung zur Kantine und grüßen. Der Bunker liegt jetzt unter einem grünen Hügel mit Bäumen und Büschen. Die Bundeswehr verpasste ihm im Kalten Krieg ein neues Innenleben mit fünf Stockwerken. Bei konstanten 21 Grad produzieren sie dort heute Tornado-Ersatzteile. Es kommen immer mehr Schulklassen her, die Volkshochschule Landsberg organisiert Exkursionen, der Landtag begeht seinen Gedenkakt dort. An einem Gitter stellt die Bundeswehr Bilder von Häftlingen aus, in Klarsichtfolien, die Schau wächst. Auch ein Bild von Uri Chanoch und seinem Bruder hängt dort. Der 84-Jährige stieg am Donnerstag wieder in den Bunker hinab. Er war bereits ein paar Mal da, trotzdem sagt er: „Ich habe Angst.“ Er hat zehn am Gedenktag Minuten, um die Geschichte seiner Jacke zu erzählen. Um seine Geschichte zu erzählen. Es reicht nicht…

Carina Lechner




Anton Posset – der vergessene Pionier

Landsberg – Gedenken an die NS-Zeit ist wichtig – wer würde da widersprechen. Doch um eine Person wird bei all den Veranstaltungen dieser Tage ein weiter Bogen geschlagen: Anton Posset, 71, ehemaliger Lehrer aus Landsberg. 

Anton Posset

Er hat die Erforschung der KZ-Lager bei Landsberg und Kaufering überhaupt erst angestoßen – in einer Zeit, da sich die KZ-Gedenkstätte Dachau, aber auch das renommierte Institut für Zeitgeschichte in München überhaupt nicht darum kümmerten. Seit Ende der 1970er-Jahre beteiligte sich Posset mit seinen Schülern am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten – und erforschte Stück für Stück die Lager. Dabei ging er wie ein Archäologe vor: Er grub Lagerreste aus, Tonscherben, Besteck, auch verkohlte Holzpfosten – die SS hatte bei Kriegsende das Krankenlager Kaufering IV angezündet. Posset, eigentlich Geschichts- und Französisch-Lehrer, war in Landsberg Mobbing ausgesetzt, was seine Verbitterung erklärt; die teils hasserfüllten Leserbriefe in der Lokalpresse gegen ihn füllen ganze Ordner. Noch am Ende seiner Berufszeit wurde er vom Landsberger Gymnasium in eine andere Schule versetzt – er führte das auf Intrigen zurück. Seine Personalakte im Kultusministerium soll mehrere tausend Seiten stark sein. Von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte ist Posset geehrt worden, in Bayern hat es noch nicht einmal zu einer der inflationär verteilten Verdienstmedaillen gereicht. Während manche Lager dem Erdboden gleichgemacht und zu Kiesgruben wurden, gelang es Posset, einen Teil des Lagergeländes von Kaufering VII bei Erpfting (südlich von Landsberg) zu sichern. Durch einen Gönner aus der Region konnte er ein Grundstück kaufen. Possets Verein, die Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“ nennt das Gelände, auf dem Häftlings-Erdbaracken erhalten blieben, eine „Europäische Holocaust-Gedenkstätte“. Posset beharrt darauf, dass das Areal nur mit Genehmigung des Vereins betreten werden darf. Das wiederum verstört die Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die Hoheitsrechte für alle KZ-Lager in Bayern beansprucht. „Posset hat seine Verdienste, aber es ist schwierig, sich mit ihm zu arrangieren“, sagt der Stiftungsvorsitzende Karl Freller.

Dirk Walter

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