Robert Seethaler: "Ein ganzes Leben"

Landestheater Schwaben überzeugendes Erzähldrama

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David Lau, Claudia Frost, Klaus Phillip und Sandro Sutalo (von links) erzählen und spielen Seethalers „Ein ganzes Leben“ .

Landsberg – Wenn der österreichische Autor Robert Seethaler erzählt, entsteht eine eigene Welt. Mit Charakteren, die durch Prägnanz bestechen, in all ihren Eigenheiten. Zum Beispiel der Andreas Egger im Roman „Ein ganzes Leben“. Die Entscheidung, diese Romanvorlage auf die Bühne zu bringen, ist gewagt. Das Landestheater Schwaben hat es getan. Und schafft nicht nur für den Stoff, sondern auch für die typische Seethaler-Stimmung überzeugende Bilder.

„Ein ganzes Leben“ erzählt – ja, eben ein ganzes Leben: in Momenten, Schnippseln, Zeitinseln. Der Protagonist ist Andreas Egger, ein einfacher Mann, der mit vier Jahren in ein einsames Alpental kommt, beim Onkel aufwächst, geschlagen wird. Der sich verliebt und seine Liebe in einer Lawine verliert. Der 1942 nach Russland muss, wo er acht Jahre bleiben wird. Und der bei seiner Rückkehr ins Tal, in seine Heimat, eine ganz neue Welt vorfindet: mit neuer Technik, mit „Geranien statt Hakenkreuzen“, mit Touristen, die sein Tal bevölkern. Egger wird Fremdenführer, sieht Grace Kelly, Armstrong auf dem Mond. Und stirbt mit 79 Jahren.

Die Berliner Gastregisseurin Jana Milena Polasek lässt das Memminger Ensemble Seethalers Text vorwiegend textgetreu nacherzählen – und holt so die Stille des Romans auf die Bühne. Vier Schauspieler – Sandro Sutalo, Claudia Frost, David Lau, Klaus Phillip – sprechen alle Rollen, für die sie die Requisiten vom Garderobenständer auf der Bühne holen: Kargheit, sicher auch bildlich für das Leben im Alpental, dominiert. Auch das Bühnenbild von Peter Schickart ist reduziert. Eine schwarz-weiß-Gebirgskulisse, in der der Mensch symbolisch ausradiert ist: durch einen ausgekreuzten menschlichen Umriss. Die Kulisse gehorcht den Schauspielern, wird von ihnen verschoben und löst sich letztendlich in ihre Einzelteile auf. Vielleicht, weil sie der neuen Zeit weichen muss. Diese Kargheit im Bühnenbild und auch die konsequente Trennung von Erzähler und Erzähltem schafft Distanz. Aber dennoch gelingt es den Vieren, Eggert lebendig werden zu lassen. Eine Figur zu erschaffen, die zu Herzen geht.

Denn einzelne Augenblicke greift Polasek heraus und lässt sie spielen. Zum Beispiel die Szene, wenn Egger seine Marie erst ungestüm, dann zart küsst. Wenn der Arm eines Arbeiters abgerissen wird, erst schockstarrende Stille, dann Entsetzensschrei. Oder wenn Egger seine Marie tot im Schnee findet. Es sind die richtungsgebenden Momente. Die, die Egger in seiner Erinnerung sammelt und die in ihrer Gesamtheit sein ganzes Leben ausmachen. Die fernab der Chronologie funktionieren, weil in ihnen Jahre zu Steckerleis-Sekunden werden und Minuten zu Ewigkeiten. Oder wie Seethaler eine seiner Figuren sagen lässt: „Man kann einem Mann seine Stunden abkaufen, man kann ihm seine Tage stehlen oder ihm sein ganzes Leben rauben. Aber niemand kann einem Mann auch nur einen einzigen Augenblick nehmen.“

Susanne Greiner

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