"Das Eigene beginnt mit einem Nein"

Landestheater Schwaben triumphiert mit „Margarete Maultasch“ 

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Das Landestheater Schwaben aus Memmingen überzeugt mit seiner Inszenierung des historischen Stückes "Margarete Maultasch" über die Regentin Margarete von Tirol.
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Das Landestheater Schwaben aus Memmingen überzeugt mit seiner Inszenierung des historischen Stückes "Margarete Maultasch" über die Regentin Margarete von Tirol.
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Das Landestheater Schwaben aus Memmingen überzeugt mit seiner Inszenierung des historischen Stückes "Margarete Maultasch" über die Regentin Margarete von Tirol.
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Das Landestheater Schwaben aus Memmingen überzeugt mit seiner Inszenierung des historischen Stückes "Margarete Maultasch" über die Regentin Margarete von Tirol.
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Das Landestheater Schwaben aus Memmingen überzeugt mit seiner Inszenierung des historischen Stückes "Margarete Maultasch" über die Regentin Margarete von Tirol.

Landsberg– Oh Gott! Drei Stunden Sprechtheater! Geschichte aus dem Mittelalter! Und auf der Bühne Menschen in Schwarz vor weißen Wänden, mit weißen Gesichtern. Das ist doch nicht zu ertragen! Mag man denken. Weit gefehlt. Es ist großes Theater, ein Genuss. Christoph Nußbaumeders „Margarete Maultasch“ in der Memminger Inszenierung springt vom Thriller zum Politkrimi zur Lovestory. Ein stimmiges Ganzes, das gefangen nimmt. Mit beißendem Zynismus gewürzt zeigt es das Leben der Margarete von Tirol alias „Margarete Maultasch“: einer Regentin, die zwischen Macht, Moral und Liebe balanciert. Und letztendlich abstürzt.

„Maultasch“ bezeichnet eine Hure, ein „liederliches Weib“. Eine Frau mit großer Klappe und sexueller Gier. Ein Name, der Margarete hässlich machen sollte. Eine Mär, die Lion Feuchtwanger in „Die hässliche Herzogin“ aufgreift. Obwohl Margarete laut Historikern eine schöne Frau war. Ihren Aliasnamen hat sie der Kirche zu verdanken. Denn sie wagte es, sich gegen den Papst und gegen die Herrschenden zu stellen. Noch dazu als Frau.

Als sie zwölf Jahre ist, wird sie mit dem achtjährigen Johann von Luxemburg, jüngerer Bruder des späteren Kaisers Karl IV, verheiratet. Margaretes Vater, Landesherr von Tirol, hat keinen Thronfolger. Johann soll’s richten. Eine Ehe, die schiefgehen muss: „Du bist ein feuchter Furz aus Böhmen!“, tituliert sie ihren Gatten. Der sofort zu heulen anfängt wie ein kleines Kind. Was er ja auch ist. Dass sich der Bub zum wahnwitzigen Hofnarr mit extremer Gewaltmanie entwickelt, ist nicht gerade eheförderlich. Sexuell interessiert ihn alles, nur nicht seine Frau. Sein Bruder Karl brüllt: „Nimm sie! Mach sie dir zu eigen!“ Und meint den Luxemburgern. Da Johann nicht fähig ist, erledigt Karl das. Untermalt von romantisch-melancholischer Klaviermusik.

Margarete lernt den Juden Simon Löwe kennen. Er will ihr den „Raum der Freiheit“ zeigen. Und macht Margarete sich selbst bewusst: „Das Eigene beginnt mit einem Nein.“ Sie verbannt den kreischenden Johann vor die Burgmauern und heiratet Ludwig von Brandenburg und Bayern. Selbstmächtigkeit, die die Kirche schäumen lässt. Auch die Luxemburger sind verschnupft. Zuerst kann Margarete Intrigen und Angriffen trotzen. Für kurze Zeit entsteht ein blühendes Tirol. Doch die Pest setzt dem ein Ende. Und obwohl Margarete ihre späte und erste wahre Liebe zum Freiheitskämpfer Guntram für ihr Land opfert, verliert sie alles. „Zahm wie ein Kätzchen“ und desillusioniert fristet die „Kriemhild der Berge“ ihren Lebensabend. Was sie falsch gemacht hat? „Niemand hat das Recht, den Richter zu spielen“, mahnt sie. „Wir leben in einer Welt ohne Unschuldige“. Denn das, was den Menschen letztendlich zu Fall bringt, liegt in ihm selbst begründet.

Nußbaumeder zeigt, wie Macht den Menschen verändert. Wie Margarete hart wird, indem sie sich die Macht der Männer aneignet, selbst in brachialer Rüstung fast Mann wird, um im Intrigenchaos bestehen zu können. Zeigt, wie berauschend Macht ist: wenn Margarete im zweiten Teil wollüstig mit clownesk geschminktem Backen über die Bühne torkelt. Stellt dar, wie Macht Liebe und Hass mutieren lässt. Und wie vernichtend Macht für die Moral, für den Menschen selbst letztendlich sein kann. Da sie, weil eben menschlich, immer mit Hunger und Durst der anderen einhergeht. „Margarete Maultasch“ ist nicht nur brandaktuell. Es ist ein Stück über den Menschen und deshalb zeitlos.

Der Autor lässt seine Protagonisten zu Spielbällen ihrer eigenen Sucht werden. Diesen Gedanken greift Intendantin Kathrin Mädler in der Regie auf. Und lässt die Puppen tanzen: Schauspieler in schwarzen Kostümen, mit absurd breiten Schultern oder hervorquellendem Bauch, ab und zu blitzt es weiß. Die Gesichter: weiß geschminkt. Farbe? Selten. Ab und zu blaues, mal gelbes Licht. Eine Schlacht wird von einem Chor aus drei Personen ähnlich einer griechischen Tragödie beschrieben. Und auch das Schatten-Puppenspiel hinter der Wand mit überlebensgroßen Figuren findet Einsatz. Wird eine Figur in einer Szene nicht gebraucht, sinkt sie in sich zusammen, bleibt unbeteiligt vor, neben, hinter dem Hauptspielplatz stehen oder sitzen. Das ästhetisch ansprechende Bühnenbild von Mareike Delaquis-Porschka transportiert diese ‚Puppen‘ in einen Kunstraum aus weißen Flächen, zum Trichter verengt. Mal spielt die Szene im linken Eck, mal mittig. Mal verteilen sich die Schauspieler auf dem ganzen Spielfeld.

Jeder einzelne Schauspieler überzeugt. Herausragend Elisabeth Hütter, die sich als Margarete bis zur Erschöpfung furios drei Stunden die Bühne zu eigen macht. Neben ihr verblassen Regina Vogel und Claudia Frost als die Clements ein wenig. Genial die Doppelbesetzungen: Niklas Maienschein ist sowohl Margaretes erster als auch zweiter Mann. Den ersten spielt er wahnwitzig raumgreifend, die Halskrause sein Kostüm. Den zweiten als distinguierter Schönling. Jens Schnarre ist als Karl ein brutal brüllender und als Konrad von Teck ein aalglatter Verräter. Schließlich noch Tobias Loth als bucklig-fischiger Bernhard von Meran und André Stuchlik als diplomatisch christlich intrigierender Abt.

Drei Stunden hört man im fast ausverkauften Saal kein Husten kein Tuscheln, die Aufmerksamkeit knistert. Am Ende langanhaltender Applaus, mehrere Vorhänge, Bravo-Rufe für das Ensemble. Gerne hätte man sich auch vor ihm verbeugt.

Susanne Greiner

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