Das Schweigen der Gesellschaft

Landestheater Schwaben setzt mit "Der Reisende" beklemmendes Ausrufezeichen

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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.
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Das Landestheater Schwaben lässt in "Der Reisende" das beklemmende Monster des Nationalsozialismus auf der Bühne erwachsen.

Landsberg – Um ein Ungeheuer wie den Nationalsozialismus zu erschaffen, bedarf es einer ganzen Gesellschaft. Jedes Wegschauen, und sei es noch so nachvollziehbar, hat eine Konsequenz. Diese These ist die Linse, durch die Intendantin des Memminger Landestheaters Kathrin Mädler das Stück „der Reisende“ betrachtet. Gemeinsam mit Dramaturgin Anne Verena Freybott hat sie den 1938 geschrieben Roman von Ulrich Alexander Boschwitz in einer deutschen Erstaufführung als beklemmendes Drama sichtbar gemacht. Mit einem famosen Ensemble. Und einem Bühnenbild, das einer Horrorvision entsprungen scheint. Dessen Aussage aber erschreckend real – und vor allem aktuell – ist.

Es beginnt schleichend. Da ist das Haus, das der deutschjüdische Kaufmann Otto Silbermann verkaufen will, aber das der Käufer im Preis immer weiter nach unten treibt. Denn „mit euch Juden hat der Staat doch noch einiges im Sinn“. Da ist das Nicht-mehr-Gegrüßt-Werden im Restaurant. „Das war voller Nazis“, argumentiert der Nicht-Grüßer. Auch Silbermanns Sozius Gustav fällt auf die Propaganda gegen die ‚reichen Juden‘ herein und wendet sich ab. „Schade ist es, wir waren so lange Freunde“, bedauert er. Dabei hat sich in der Person Silbermann nichts geändert. Sondern in der Position der Mehrheit.

Immer mehr Juden werden verhaftet. Warum, fragt sich Silbermann, gutgläubig bis zum Exzess. „Man kann doch keine unbeschuldeten Menschen einfach aus dem Haus holen?“. „Doch, kann man. Man kann“, antwortet ihm der Chor. Einen Grund, etwas, das rational fassbar ist, braucht es nicht mehr. Judenverfolgung ist gesellschaftsfähig: „Das deutsche Volk wird mit Judenblut zusammengeklebt“.

Hier beginnt Silbermanns chaotische Reise. Nach Aachen, um illegal auszureisen. Zu seiner Frau, die nicht mehr zu ihm steht. Dabei ist Silbermann „ein vertauschter Arier“, wie Sozius Gustav sagt. „Ich lebe, als sei ich kein Jude. Was bin ich eigentlich?“, fragt sich Silbermann. Er fällt nicht auf, auch nicht durch vermeintliche äußere ‚Kennzeichen‘, wie sie die Rassenlehre propagierte. Bildlich ausgedrückt ist das in Mareike Delaquis-Porschkas Kostümen. Sie steckt alle in graue Business-Klamotten, setzt ihnen schiefe, blonde Perücken auf, malt ihre Gesichter weiß und lässt sie im grellweißen Licht agieren. Alle gleich. Aber alle irgendwie unmenschlich. Womit das Stück die Frage stellt: Was ist der Mensch?

Da ist der Parteigänger der ersten Stunde, da ist derjenige, der Widerstand geleistet hat, der geholfen hat bis zum Schluss. Und da ist die Mitte, „das verdruckste Schweigen in der Gesellschaft“, schreibt Freybott im Programmheft. Die, die wegschauen. Wie wenn man nicht wählen geht. Und damit der Mehrheit seine Stimme überlässt. Zu einer dieser drei Gruppen gehört jeder. Jeder hat eine Position. Und somit hat jedes Tun oder Nichttun eine Konsequenz.

Autor Boschwitz und auch Kathrin Mädler, deren Inszenierung sich eng am Buch orientiert, konzentrieren sich auf das Schweigen. Auf den vielleicht unverständlichsten Teil der Geschichte. Und verorten es im Menschsein. So ist Silbermann erschreckend – oder verständlich? – naiv. Zwar realisiert er, dass ihm „der Krieg erklärt“ wird. Und dass in der Regierung „Judenfeinde“ sind. „Aber sie ist immerhin die Regierung, das kann sie doch nicht zulassen?“ Seine Gutgläubigkeit lässt ihn in Deutschland bleiben. Aber auch sein Mensch-Sein. Der Mensch, der seine Gewohnheit nicht ändern will. Der seinen Besitz schützt – „Ich bin Kaufmann, zum Kaufmann gehört sein Kapital.“. Und seine Heimat: „Ich bleibe in Deutschland, ich bin trotz allem ein Deutscher“, äußert eine von Silbermanns Zugbekanntschaften. Und als Stein, ein jüdischer Bekannter Silbermanns, sich dem so ‚unjüdisch aussehenden‘ Kaufmann anschließen will, sagt Otto den Satz, den er zuvor von seinem Schwager hören musste: „Sie kompromittieren mich!“ Denn schließlich ist sich ja jeder selbst der nächste. Nicht nur, was das Lieben angeht.

Mädlers packende, wortkonzentrierte und in keiner Sekunde langatmige Inszenierung ist beklemmend. Unterstützt wird das durch ein unglaublich präsentes Ensemble, das ‚auf den Punkt‘ spielt. Und durch ein geniales Bühnenbild, das den Aufstieg des Nationalsozialismus perfekt wiedergibt: ein grauer Stoff, der sich, anfangs unbemerkt, immer weiter aufbläst. Ein Stoff, in dem die Schauspieler versinken, unter dem sie sich verkriechen, der ihnen die Luft raubt. Und aus dem am Ende das Grauen erwächst – ein riesengroßer Drache. Selten ist Theater so beklemmend wie in diesem Moment.

Björn Höcke, „Mitte der AfD“, schreibt, eine Regierung müsse „Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwiderlaufen“ und eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ ausüben. Vor einer Synagoge werden Menschen erschossen. Menschen anderer Herkunft werden zur Bedrohung stilisiert. Da holt jemand tief Luft, um ein Monster aufzublasen. Zeit, die Gutgläubigkeit abzulegen.
Susanne Greiner

Zur Info

Kathrin Mädler war mit ihrer Inszenierung "Margarete Maultasch" für den Theaterpreis "Faust" 2019 nominiert. Bekommen hat sie ihn leider nicht. "Der Reisende" hat es nun in den Charts des Theaterportals „nachtkritik“ von null auf Platz drei der zehn sehenswertesten Stücke in Deutschland geschafft. Wer den Termin gestern verpasst hat: Memmingen ist immer eine Reise wert.

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